Hintergrund

So verschieden sind die Emissionsdaten in Klimavergleichen

22.04.2019 - 07:09 0 Kommentare

Weniger fliegen für das Klima? Seit "Fridays for Future" wollen viele die Klimawirkung ihrer Reise berechnen. Das ist gar nicht so einfach. Denn egal welches Verkehrsmittel: Es kommt auf viele Faktoren an. Und darauf, wen man fragt.

Verschiedene Emissionsvergleiche bringen verschiedene Ergebnisse. - © © airliners.de -

Verschiedene Emissionsvergleiche bringen verschiedene Ergebnisse. © airliners.de

Die Schülerproteste der Bewegung "Fridays for Future" bewegen die Menschen. "Das Thema Nachhaltigkeit ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen", sagt Prof. Claudia Brözel von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Die Menschen würden diskutieren, welches Verkehrsmittel sie nutzen sollten, berichtet die Expertin für Tourismuswirtschaft. "Vor einigen Jahren waren solche Fragen nur etwas für Umweltaktivisten."

Doch wie schädlich ist nun die eigene Reise? Zunächst lohnt ein Blick auf das Große und Ganze: Der Verkehrs-Sektor ist weltweit für rund 15 Prozent der Klimagasemissionen verantwortlich. In Europa sind es sogar rund ein Viertel. Der Luftverkehr ist insgesamt für rund zwei bis drei Prozent verantwortlich, genau wie die Schifffahrt. Der Straßenverkehr macht den Großteil des Rests aus, weil sich die Emissionen des elektrischen Schienenverkehrs in den Ausweisungen an der Quelle "verstecken", also Teil der Energiewirtschaft sind.

Eine Strecke - verschiedene Zahlen

Doch wie schädlich ist nun die eigene Reise? Das lässt sich zwar nicht bis auf die letzte Nachkommastelle berechnen aber eines gilt fast immer: Den Großteil macht die An- und Abreise aus, egal welches Verkehrsmittel man nutzt. Dabei sollte man sich aber vor Verallgemeinerungen hüten. "Wenn möglich, sollten Reisende die Bahn nutzen", so ein weit verbreitetes Umwelt-Vorurteil.

© dpa, F. Rumpenhorst, Lesen Sie auch: Der Luftverkehr am Klima-Pranger

Allerdings ist es in der Realität nicht immer so einfach. Denn einerseits wird das Auto mit steigender Insassenanzahl schnell zur klimafreundlichsten Alternative für kürzere Urlaubsreisen. Andererseits wird vor allem der Fernbus oft unterschlagen, der bei durchschnittlicher Auslastung als klimafreundlichste Fortbewegung auf längeren Strecken in Europa gilt. Auch die Deutsche Bahn führt die unliebsame Konkurrenz auf der Straße im "UmweltMobilCheck" auf ihrer Webseite erst gar nicht auf.

Aber auch sonst kommt die Bahn bei ihrem Umwelt-Vergleich der Verkehrsmittel auf recht eigene Ergebnisse. Ein Beispiel: Wer über Ostern von Berlin nach Amsterdam gereist ist, hat als Zugreisender laut dem bahneigenen Vergleich nur rund acht Kilogramm CO2 ausgestoßen. Mit dem Auto waren es demnach 99 Kilo - und mit dem Flieger 123 Kilo.

Nutzt man dagegen die Zahlen des Umweltbundesamtes für Treibhausgase, kommt man zwischen Berlin und Amsterdam auf komplett andere Zahlen: Bus: 21 Kilogramm, Bahn: 24 Kilogramm, Flugzeug: 58 Kilogramm und Auto 91 Kilogramm. Jeweils bei durchschnittlicher Auslastung, wohlgemerkt.

Für Flüge gibt es aber noch weitere Zahlen. Das Kompensationsportal Atmosfair etwa berechnet für die Route zwischen Berlin und Amsterdam 138 Kilogramm CO2 pro Person im Flugzeug. Die Klimaschutzorganisation ist eine der Anlaufstellen für Flugreisende, die den CO2-Ausstoß ihrer Flugreise mit einer Zahlung an Klimaschutzprojekte kompensieren wollen. Die Lufthansa, die für die Klima-Kompensation mit Myclimate zusammenarbeitet, weist für die rund 600 Flugkilometer 76 Kilo aus. Befragt man Myclimate direkt, kommen 161 Kilogramm heraus.

Es kommt auch auf die Anzahl der Reisenden an

Die unterschiedlichen Ergebnisse für ein und dieselbe Strecke machen es für den Verbraucher nicht unbedingt einfach. Dabei gilt: Jedes System nutzt für die Berechnungen verschiedene Grundannahmen, wie etwa eine durchschnittliche Auslastung sowie individuelle Bonus und Malus-Faktoren. Im Einzelfall können die Werte daher unterschiedlich ausfallen.

Darüber hinaus kommt es aber in der Realität auch noch auf die Anzahl der Reisenden an. Damit schneidet der PKW für die Osterreise einer vierköpfigen Berliner Familie nach Amsterdam dann im Zweifel sogar besser ab als der Fernbus oder die Bahn.

Denn im Schnitt kommt der PKW laut Umweltbundesamt auf 139 Gramm Treibhausgase pro Personenkilometer – aber bei einer Auslastung von 1,5 Personen pro Auto. Auf vier gerechnet sind das dann pro Person zwischen Berlin und Amsterdam nur noch 15 Kilogramm – also insgesamt 60 Kilo. Mit der Bahn kommt die Familie insgesamt aber auf 95 - und im Flugzeug auf 233 Kilogramm Treibhausgase – jeweils laut Umweltbundesamt.

Die Zahlen unterscheiden sich also zum Teil beträchtlich. Immerhin: Wer mit dem Auto in den Urlaub fährt, kann die CO2-Wirkung anhand seines Fahrzeugverbrauchs ziemlich exakt einfach selbst bestimmen. Bei der Verbrennung von einem Liter Benzin werden laut VCD 2,34 Kilo CO2 freigesetzt, bei einem Liter Diesel sind es 2,65 Kilo.

Beim Bahnfahren mit verschiedenen Umsteigeoptionen, unterschiedlichen Loks im Elektro- und Dieselbetrieb sowie stark schwankenden Auslastungen auf einzelnen Streckenabschnitten ist die Berechnung dagegen nicht mehr so einfach. Hinzu kommt, dass die Bahn einen Teil Ihrer Emissionen selbst kompensiert beziehungsweise Öko-Strom für Bahncard-Nutzer dazukauft.

So berechnen sich die Klimagasemissionen der Luftfahrt

"Beim Fliegen hängt das CO2 eins zu eins am Treibstoffverbrauch", erläutert Dietrich Brockhagen von Atmosfair. Den Treibstoffverbrauch kann Atmosfair dabei recht einfach berechnen. "Indem wir alle Flugzeuge der Welt in der Datenbank haben und wissen, wie sie eingesetzt werden", sagt Brockhagen. So weiß der Dienstleister dann, welche Airline mit welchem Flugzeugtyp beispielsweise von Berlin nach Amsterdam fliegt.

Beeinflusst wird der Kerosinverbrauch pro Kopf aber nicht nur vom Flugzeugtyp, sondern auch von der Auslastung und der Bestuhlung. Atmosfair kennt den Jahresdurchschnitt der Auslastung und legt diesen entsprechend zugrunde. Auch das Flugprofil fließt in die Berechnung mit ein. "Das gleiche Flugzeug kann pro Kopf und Kilometer auf der Kurzstrecke doppelt so viel Kerosin wie auf der Mittelstrecke verbrauchen", erklärt der Physiker. Der Verbrauch ist also überproportional hoch, je kürzer die geflogene Distanz ist. "Das ist nicht wie beim Busfahren."

© dpa, Klaus-Dietmar Gabbert Lesen Sie auch: Elektrische Flugzeugantriebe: Utopie oder gangbarer Weg?

Aber auch in anderer Hinsicht ist es beim Fliegen nicht so einfach, die realistische Klimawirkung darzustellen. Denn wenn von der Klimawirkung der Luftfahrt die Rede ist, schließt das nicht immer nur die Erwärmungswirkung von CO2 ein. Lufthansa beispielsweise verweist auf wissenschaftlich noch nicht abschließend zu beurteilende Faktoren und weist in ihrer Myclimate-Berechnung nur das CO2 aus. Das Umweltbundesamt setzt den Faktor zwei an, um die Emissionswirkung der Treibhausgase beim Fliegen darzustellen, Atmosfair multipliziert den CO2-Ausstoß von Flugzeugen sogar mal drei, um auf die Klimawirkung zu kommen.

"Stickoxiden bauen in der Höhe Ozon auf, auch wegen der starken Sonneneinstrahlung. Sie werden sozusagen in der falschen Etage der Atmosphäre ausgestoßen und sind daher ein sehr starkes Treibhausgas", sagt Brockhagen. Auch Kondensstreifen gelten als Problem: "Sie funktionieren wie eine Art Treibhausdach. Die Strahlung der Sonne kommt hindurch, aber die Abkühlungsstrahlung der Erde wird aufgefangen", so der Experte.

Je schneller, desto schädlicher

Das Thema ist also insgesamt sehr komplex. In die Entscheidung der Reisenden wird zudem neben den Emissionen immer auch noch der Faktor Zeit einfließen. Denn während die reine Flugzeit nach Amsterdam von Berlin nur rund eineinhalb Stunden dauert, verbringt man für den Ausflug mit der Bahn nach Amsterdam rund sechseinhalb Stunden im Intercity - oder sogar sieben Stunden mit Umsteigen im ICE.

Im Auto braucht man ohne Stau ebenso lange wie mit dem ICE und der Flixbus fährt zwischen acht und zwölf Stunden zwischen Berlin und Amsterdam. Für noch weitere Strecken gibt es ohnehin kaum eine massentaugliche Alternative zum Flugzeug. Was bleibt ist also die recht simple Erkenntnis: Je schneller man sich bewegt, desto umweltschädlicher ist es in der Regel. Was folgt? "Die Schlüsse muss jeder für sich ziehen", sagt Brockhagen.

Prisca Huguenin vom Schweizer Reiseveranstalter Hotelplan weiß aus Erfahrung: Wenn eine Reise länger als vier Stunden dauert, nutzen Reisende das Flugzeug. Zwar seien viele Kunden durch die Klimastreiks aufmerksamer, was das Thema Klimaschutz und Fliegen angeht, sagt sie im "Bieler Tageblat". Doch auf den Flug verzichten würden sie deshalb nicht.

Von: dh mit dpa
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