So individualisieren Fluggesellschaften ihre Ticketpreise

17.05.2019 - 07:05 0 Kommentare

Dynamische Preise in Kombination mit neuen Buchungs- und Abrechnungsstandards bringen eine Revolution im Airline-Vertrieb. Erste Fluggesellschaften beginnen bereits mit der Implementierung. Lufthansa ist eine von Ihnen.

Eine Frau steht am Flughafen Franz Josef Strau├č in M├╝nchen vor einem Ticketschalter der Lufthansa.  - © ┬ę dpa - Armin Weigel

Eine Frau steht am Flughafen Franz Josef Strau├č in M├╝nchen vor einem Ticketschalter der Lufthansa. ┬ę dpa /Armin Weigel

Flugtickets geh├Âren zwar schon lange nicht mehr zu den Produkten, die einen festen Preis haben. Doch auch die festen Preisspr├╝nge zwischen den verschiedenen Buchungsklassen werden bald zur Vergangenheit geh├Âren. Denn etliche Fluggesellschaften arbeiten aktuell daran, dynamische Preise einzuf├╝hren. Dabei gibt es eine Vielzahl an Preispunkten, eine feinere Abstufung bei der Preisgestaltung und noch etliche andere M├Âglichkeiten in Sachen Individualisierung.

"Wir sind Vorreiter bei der Einf├╝hrung eines Continuous Pricing-Umfeldes", sagt Lufthansa-Vertriebschefin Heike Birlenbach im Gespr├Ąch mit airliners.de. Entsprechende Tests mit einzelnen Vertriebspartnern seien bereits erfolgreich. Nun gehe es um die Implementierung. Ziel sei, die Continuous Pricing-Logik ├╝ber den neuen Iata-Standard "New Distribution Capability" (NDC) umzusetzen.

Das Projekt der Lufthansa Group wird derzeit von der Tochtergesellschaft Swiss betreut. Im Prinzip kann beim dynamischen Bepreisen eines Flugtickets jeder beliebige Betrag als Tarif-Preis festgelegt werden. Der Rest der bisherigen Tarifbestandteile - etwa unterschiedliche Leistungsumf├Ąnge in Sachen Stornierbarkeit oder Umbuchung ÔÇô bleiben allerdings unver├Ąndert.

Diese M├Âglichkeit gilt als ein gro├čer Fortschritt f├╝r Fluggesellschaften, die bislang mit fixen Tarifstufen hantieren mussten. War eine Buchungsklasse nicht mehr verf├╝gbar, wurde automatisch der Tarif und damit auch der Preis der n├Ąchsth├Âheren Buchungsklasse angeboten. Dabei kam es zwischen den 26 Buchungsklassen oft zu Preisspr├╝ngen von ├╝ber 100 Euro, was dem Absatz vor allem im internationalen Konkurrenzgef├╝ge vielfach nicht f├Ârderlich war.

Lufthansa will 2019 mit dynamischen Preisen starten

"Momentan sind wir noch in der Testphase, aber unser Ziel ist, dass wir im laufenden Jahr die M├Âglichkeit haben, dynamische Preise schrittweise und Markt f├╝r Markt anzubieten", so Birlenbach. Jeder Vertriebspartner, der den neuen NDC-Standard nutze, k├Ânne dann Lufthansa-Tickets zu dynamischen Preisen verkaufen.

Die klassischen Reservierungssysteme (GDS) bleiben dabei allerdings au├čen vor - und damit ein gro├čer Teil der Agenturen und Portale, was in Kombination zu einer neu eingef├╝hrten GDS-Geb├╝hr bei Lufthansa bereits zu gro├čem Widerstand bei den Vertriebspartnern f├╝hrte.

Durch das NDC-Programm wird so die Rolle der Airlines im Vertriebsprozess wieder erheblich gest├Ąrkt. Die Lufthansa und ihre T├Âchter sind daher auch bei weitem nicht die einzigen Airlines, die an den neuen M├Âglichkeiten arbeiten. Auch British Airways, Iberia, Air France, KLM und American Airlines f├Ârdern Buchungen ├╝ber NDC durch diverse finanzielle Anreize.

Die Lufthansa-Vertriebschefin sieht in dem neuen Modell dennoch Vorteile auf allen Seiten. Durch neue Technologie-Partner w├╝rden die neuen L├Âsungen f├╝r eine Vielzahl von Agenturen zug├Ąnglich gemacht. Da die Preisabstufungen der herk├Âmmlichen Tarife entfalle, sei ein dynamisches Preismodell auch f├╝r Kunden deutlich attraktiver und daher vorteilhaft.

┬ę dpa, Boris Roessler Lesen Sie auch: NDC macht Airlines flexibler im Vertrieb Gastbeitrag

Perspektivisch wollen Fluggesellschaften die Angebote f├╝r ihre Kunden auf Basis des NDC-Standards nun noch weiter individualisieren. Die M├Âglichkeiten f├╝r die Airlines sind dabei enorm. Je mehr ein Anbieter ├╝ber einen individuellen Kunden wei├č, desto besser lassen sich etwa Zahlungsbereitschaft und weitere Vorlieben kombinieren, was zum einen h├Âhere Einnahmen und zum anderen eine bessere Kundenbindung verspricht.

Aber der neue Iata-Standard verspricht noch mehr, n├Ąmlich mehr Transparenz bei der Buchung. Schon heute sind die Tarifbestandteile bei den verschiedenen Anbietern f├╝r Kunden kaum noch zu vergleichen. So beinhalten die Ticketpreise in bestimmten Tarifen beispielsweise bei einer Airline einen Koffer, w├Ąhrend andere Anbieter das in derselben Buchungsklasse nicht unbedingt bieten. Auch ist etwa eine Premium Economy Class nicht immer mit einem ├Ąhnlich genannten Produkt einer anderen Fluggesellschaft vergleichbar.

┬ę AirTeamImages.com, Felix Gottwald Lesen Sie auch: Die neuen Realit├Ąten der Distribution nutzen Aviation Management

Daher kann im NDC-Standard neben dem Preis und der Buchungsklasse auch noch viel mehr eingebunden werden ÔÇô etwa Bilder f├╝r zahlreiche kostenpflichtigen Extras, von der Speisekarte an Bord ├╝ber Mietwagen und Hotels bis hin zum exklusiven Angelausflug oder einer Weinverkostung im Golfresort nebenan.

Das alles zwischen den verschiedenen Partnern abzurechnen ist die n├Ąchste Herausforderung, die klassische Netzwerkairlines bislang daran hinderte, ihre Angebote in Einzelteilen zu verkaufen und dabei noch von Provisionen f├╝r die Vermittlung von Zusatzleistungen zu profitieren. Denn die Umsetzung ist f├╝r Netzwerkairlines mit ihren vielen Standardverkn├╝pfungen zu Netzwerkpartnern nicht immer so einfach wie es bei den Billigairlines vorgelebt wird.

"One Order" - ein Ticket f├╝r alles

Die Iata-L├Âsung dazu hei├čt "One Order". Historisch waren die Flugtickets durch die wenigen M├Âglichkeiten im "Passenger Name Record" (PNR) sehr stark auf die spezifischen Bed├╝rfnisse der Luftfahrt beschr├Ąnkt. In Kombination mit den erweiterten M├Âglichkeiten von NDC k├Ânnen mit der Weiterentwicklung auch Zusatzleistungen in den "One-Order-Umschlag" geb├╝ndelt und einfach mitverkauft werden.

Mit "One Order" k├Ânnen so zum Beispiel sogar verschiedene Flugtickets, Bodendienstleistungen und Taucherausfl├╝ge zu einem einzigen Ticket integriert werden, ohne dass zwischen den Beteiligten eine individuelle Preisabstimmung stattfinden m├╝sste.

Aber die Zukunft hat auch hier gerade erst begonnen. Denn ├╝ber ein NDC-basiertes Portal k├Ânnen Airlines - oder auch andere Anbieter - Flugsegmente in ihre Buchungsportale einbinden und mit den Angeboten anderer Anbieter in Form von ÔÇ×Order ItemsÔÇť kombinieren, ohne dass dazu ein weitergehendes Agreement oder gar ein Codesharing ben├Âtigt w├╝rde.

┬ę Br├╝tzel, Lesen Sie auch: Das Netzmanagement der Airlines im Wandel (1) Aviation Management

In der Lufthansa Group laufen auch dazu bereits erste Tests. So hat Eurowings gerade damit begonnen, eigene Fl├╝ge mit Angeboten anderer Fluggesellschaften zu koppeln. So k├Ânnen beispielsweise Passagiere aus Skandinavien auf der Eurowings-Webseite bestimmte Norwegian-Fl├╝ge mitbuchen, die dynamisch mit einem Langstrecken-Weiterfug der Eurowings nach S├╝damerika gekoppelt werden. Zudem setzt das System dabei gleich noch eine Versicherung hinzu, die den reibungslosen Anschluss absichert. Was nun nur noch fehlt ist ein Anbieter, der auch noch das Gep├Ąck direkt durchcheckt und diese Dienstleistung ├╝ber NDC koppelbar macht.

Darstellung: Br├╝tzel, Lesen Sie auch: Airline-Management ist Event-Management (1) Aviation Management

Von: dh
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem t├Ąglichen Newsletter.

Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen.

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterst├╝tzung durch Disqus