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So sicher ist Fliegen

05.10.2017 - 08:05 0 Kommentare

Das Gefährlichste an einem Flug ist die Fahrt zum Flughafen, heißt es oft. Langstreckenpilot Nikolaus Braun erklärt, was in der Branche für die Sicherheit getan wird und klärt, ob Fliegen tatsächlich das sicherste Fortbewegungsmittel ist.

Wartende Fluggäste. - © © dpa - Daniel Reinhardt

Wartende Fluggäste. © dpa /Daniel Reinhardt

Kann es wirklich sicher sein, mit 300 Personen, 50 Tonnen brennbarem Treibstoff und über 100 Tonnen Metall mit bis zu 300 km/h über eine enge Straße zu rasen? Kann es wirklich sicher sein, eine enge Röhre mit 85 prozent der Schallgeschwindigkeit an den Rand der Tropopause zu schießen? Kann es sicher sein, ohne Sicht nach draußen auf einem schmalen Asphaltband zu landen, das gerade so für den Bremsweg ausreicht?

Aus der Praxis muss man ganz klar sagen: ja! Es klappt erstaunlich oft erstaunlich gut – egal ob in London bei Nebel, in Hongkong bei Wind, in Dubai in der Hitze oder in Chicago bei viel Verkehr. Der globale Luftverkehr hat eine Vielzahl an Verfahren entwickelt, mit denen er den alltäglichen Gefahren begegnen kann.

Redundanz und Wartung macht Systeme sicher

Bei der Konstruktion von Flugzeugen ist die Flugsicherheit ein Merkmal, das sich wie ein roter Faden durch alle Bereiche zieht. In den Bauvorschriften steht bis ins kleinste Detail geregelt, welchen Anforderungen der Entwurf genügen muss.

Ein Kerngedanke ist dabei die "Redundanz": Alle wichtigen Teile, seien es einzelne Schrauben oder komplexe Systeme, sind mindestens doppelt ausgelegt, in besonderen Fällen sogar dreifach. Fällt ein Teil aus, kann das verbleibende System die Funktion sicherstellen.

Ist Fliegen die sicherste Fortbewegungsmöglichkeit?

Annika G.

Jedes einzelne, kleine Bauteil ist genau für seinen Anwendungszweck spezifiziert und zugelassen. Fällt es aus, kann es nur durch ein eben solches Bauteil ersetzt werden. Lösungen "mal eben schnell aus dem Baumarkt" sind weder zugelassen noch wird auch nur der Hauch eines Gedanken in diese Richtung verschwendet.

Generell ist die Wartung eines Flugzeuges sehr aufwändig und oft umständlich: Viele Bauteile haben eine festgelegte "Lebensdauer" und müssen nach Ablauf der Zeit gewechselt oder von Grund auf überholt werden. Dieser hohe Aufwand erlaubt dafür im Gegenzug den sicheren Einsatz der Flugzeuge über viele Jahre hinweg.

All diese Anforderungen machen den Bau eines Flugzeugs zu einer ausgesprochenen komplexen und teuren Angelegenheit, die nur an wenigen Orten auf der Welt geleistet werden kann. Aber auch die Airlines sind ein Teil der Sicherheitskette. Durch die Organisation innerhalb der Airline werden maßgebliche Einflüsse auf die Sicherheit mitgestaltet.

Kein Druck auf die Besatzungen

Die ideale Airline ist zum Beispiel bestrebt, jeglichen Druck von den Besatzungen zu nehmen: Weder ein zeitlich zu enger Flugplan noch die großen Kosten für den Treibstoff, sollten die Piloten unter Druck setzen. Die Piloten müssen die Möglichkeit haben, jederzeit die notwendigen Maßnahmen treffen zu können, um einen sicheren Flug zu gewährleisten.

Auch die Senioritätslisten sind im Flugbetrieb ein Baustein zur Erhöhung der Flugsicherheit. Durch das Prinzip der Beförderung nach Dienstalter muss kein Pilot besondere Leistungen zeigen, um "dem Chef zu gefallen". Ein solches Streben könnte dazu führen, dass es zu sportlich gehandhabt wird und letzten Endes aus falschem Ehrgeiz gefährlich wird.

Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass die Airline eine gute Personalauswahl bei Einstellung treffen muss, damit die Piloten trotz fehlender direkter Leistungsanreize eine gute Arbeit abliefern. Die Besatzung muss dazu eigentlich nur das Flugzeug sicher fliegen und sich um eine wirtschaftliche Flugdurchführung kümmern.

Was so einfach klingt wird aber komplex, wenn Fehler auftauchen. Um es deutlich zu sagen: Egal, was in der Luft passiert – ob vom Hersteller per Verfahren schon vorhergesehen oder nach "Murphys Law" unvorhergesehen – die Piloten müssen das Flugzeug in jedem Falle im aktuellen Zustand wieder landen. Es ist nicht möglich, einfach anzuhalten.

Der Kollege Autopilot ist in diesem Gesamtkontext übrigens Freund und Feind: Einerseits kann er viel Arbeit abnehmen, gerade, wenn es stressig wird. Andererseits reduziert sein dauernder Einsatz das Üben der handwerklichen Fähigkeiten der Flugsteuerung der Piloten.

Zweimal im Jahr müssen die Piloten im Simulator einem Prüfer unter Beweis stellen, dass sie noch alle Verfahren beherrschen und das Flugzeug sicher landen können. Des Weiteren finden regelmäßige medizinische Untersuchungen, Fortbildungen und Wissenstests statt.

Kommen wir nun zum Verkehrsmittelvergleich in Sachen Sicherheit. Wie so oft kann man dabei korrekt nur mit einem "teils-teils" korrekt antworten. Denn je nach verwendeter Bezugsgröße ist mal das Flugzeug am sichersten, mal ist es ein anderes Verkehrsmittel. Die Bezugsgröße kann dabei beispielsweise die Zeit oder die Strecke sein.

Betrachtet man die zurückgelegte Strecke als Basis, ist das Flugzeug in der Tat am sichersten. Dies kann man sich auch sehr plastisch überlegen, wenn man sich nur die Gefahren vorstellt, die auf einer Autofahrt, Zugfahrt oder Busfahrt von Frankfurt nach Shanghai einem begegnen könnten – alleine schon durch die sehr lange Reisezeit. Nimmt man hingegen die Zeit als Grundlage, ist das Flugzeug nicht mehr so weit vorne, es fällt auf Platz drei hinter den Bus und den Zug zurück.

© dpa, Boris Roessler Lesen Sie auch: Fliegen wird laut Statistik immer sicherer Hintergrund

Fakt ist aber, dass die Unfallrate in der zivilen Luftfahrt über die gesamten letzten Jahrzehnte massiv gesunken ist – ein Erfolg der gesamten Luftfahrtindustrie. Sie liegt aktuell bei 0,11 tödlichen Unfällen je 1 Millionen Flüge. Besonders positiv haben sich dabei die letzten drei Jahre mit stark sinkenden Zahlen entwickelt - ohne dass es dafür einen triftigen Grund in der technischen Entwicklung gegeben hat. So muss davon ausgegangen werden, dass es sich hierbei nur um eine statistische Schwankung handelt. Es wird noch weitere Forschung und Entwicklung notwendig sein, um die Rate langfristig zu senken.

Über den Autor

Regelmäßig beantwortet Verkehrsflugzeugführer Nikolaus Braun in der airliners.de-Serie "Antworten aus dem Cockpit" Fragen zu Piloten-Themen rund um Luftfahrttechnik & Flugbetrieb. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an antwortenausdemcockpit@airliners.de

Nikolaus BraunNikolaus Braun ist Pilot bei einer großen deutschen Fluggesellschaft und fliegt derzeit auf Airbus A330/A340. Der studierte Dipl-Ing. (FH) für Luftfahrtsystemtechnik und -management berät zudem nebenberuflich mit seiner Firma Nikolaus Braun Aviation Consulting (NBAC) bei Projekten aus Forschung, Entwicklung, Gesetzgebung und Lehre.

Von: Nikolaus Braun für airliners.de
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