Überblick

So wurde die insolvente Air Berlin aufgeteilt

14.08.2018 - 07:15 0 Kommentare

Die Insolvenz der Air Berlin sorgte für mehr Wettbewerb, sagen Beobachter. Aber zuerst einmal löste sie vor allem eines aus: einen riesigen Verkaufsprozess. airliners.de zeichnet den Weg nach.

Ein großes Modell eines Air Berlin-Flugzeuges ist in einer Lagerhalle präsentiert. Darunter sind Sessel aus Flugzeugen nebeneinander gereiht. - © © dpa - Marcel Kusch

Ein großes Modell eines Air Berlin-Flugzeuges ist in einer Lagerhalle präsentiert. Darunter sind Sessel aus Flugzeugen nebeneinander gereiht. © dpa /Marcel Kusch

Nach der Insolvenzanmeldung der Air Berlin haben sich viele Konkurrenten in Stellung gebracht - einige nicht erst dann. In einem Überblick will airliners.de informieren, wer welche Teile der Pleite-Airline übernommen hat.

Lufthansa/Eurowings

Den größten Teil von Air Berlin hat ohne Wenn und Aber Lufthansa übernommen. Da es hier hauptsächlich um Assets geht, die der Billigplattform Eurowings angehängt wurden, ist weiterhin auch die Rede von der Tochter. Namentlich geht es unter anderem um die ehemalige Air-Berlin-Tochter LGW, die man für rund 18 Millionen Euro gekauft hat - alle 900 Mitarbeiter wurden übernommen. Die von LGW operierten 20 Dash-Flugzeuge sind lediglich geleast.

LGW-Mitarbeiter widersprechen der Darstellung. Zur Zeit der Übernahme sei der Personalstamm rund 400 Mitarbeiter groß gewesen. Danach sei allerdings um 70 Piloten und 200 Flugbegleiter aufgestockt worden. Auch weil LGW ab Dezember mit Airbus-Flugzeugen nach und nach den ursprünglich zwischen Lufthansa und Air Berlin vereinbarten Wet-Lease übernommen hat.

© AirTeamImages.com, Daan van der Heijden Lesen Sie auch: Eurowings gesteht Überforderung ein

Daneben ist Eurowings mit dutzenden weiteren Flugzeugen unterwegs, die die ehemalige Konkurrentin betrieb. Der Kranich-Aufsichtsrat gab die Freigabe, dass über 60 Jets von Leasing-Gebern gekauft werden sollen - insgesamt wurde die Zahl durch Mietmodelle auf fast 80 aufgestockt werden.


Easyjet

Der Billigflieger Easyjet hat den Marktaustritt von Air Berlin genutzt, um ihre Präsenz am Luftverkehrsstandort Berlin auszubauen. So bedienen die Briten seit Jahresanfang nicht mehr nur Schönefeld, sondern bauen auch eine Basis in Tegel auf. Dafür übernahm Easyjet von der ehemaligen Konkurrentin laut EU-Kommission unter anderem Vorfeldpositionen. Im Gespräch mit airliners.de fasst es Europachef Thomas Haagensen zusammen: Flugzeuge, Mitarbeiter und Slots. Kaufpreis etwa 40 Millionen Euro.

Bis zu 400 ehemalige Air-Berlin-Mitarbeiter sollen bis zum Ende des Sommers bei Easyjet unterkommen. Darüber hinaus haben die Briten nach airliners.de-Informationen die Leasing-Verträge von 18 Maschinen übernommen - zudem fliegen zwei Ex-Air-Berlin-Jets im Wet-Lease von Titan Airways für Easyjet.

© dpa, Wolfgang Kumm Lesen Sie auch: Easyjet sucht Partner in Berlin-Tegel

Jüngst war die Rede davon, dass Easyjet Buchungen von Air Berlin übernommen hat und dadurch im Sommer gezwungen wäre, einige unrentable Strecken ab Tegel anzubieten. Jedoch gibt es dafür keine Bestätigung. Die Airline verweist auf Anfrage darauf, "aus wirtschaftlichen Gründen keine weiteren Angaben zu den übernommenen Start- und Landerechten machen" zu können.


Zeitfracht

Beinahe unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die Berliner Logistikgruppe Zeitfracht bei Air Berlin zugeschlagen. Zusammen mit dem Wartungsunternehmen Nayak sicherte sich Zeitfracht die Technik-Tochter der Air Berlin mit Standorten in der Hauptstadt, Düsseldorf und München.

© Air Berlin , Andreas Kühlken Lesen Sie auch: Münchner Standort von Air Berlin Technik vor dem Aus

Daneben kaufte sich Zeitfracht ohne Unterstützung Leisure Cargo. Auch hier sind keine Kaufpreise bekannt. Darüber hinaus hat sich Zeitfracht auch ehemaliges Personal von Air Berlin gesichert: Thomas Winkelmann, der seit Februar 2017 Chef von Air Berlin ist, sitzt seit August im Beirat der Zeitfracht Luftfahrt Holding.


Thomas Cook

Auch der Reisekonzern Thomas Cook hat die Insolvenz der Air Berlin genau beobachtet und beim Verkauf eingegriffen. Von Air Berlin direkt hat man die Tochter Aviation gekauft, die im Frühjahr 2017 unter dem Namen Aeronautics gegründet worden war, um eigentlich den Air-Berlin-Wet-Lease für Lufthansa abzusichern.

"An der Aviation hängen Slots", beschreibt es ein Insider. Denn: Thomas Cook besorgte sich am Markt jene Flugzeuge, die bereits im Aviation-AOC verankert waren. Diese vier Maschinen fliegen im Sommer für die deutsche Tochter Condor.

Und da kommen die Start- und Landerechte im Spiel: Mit den Maschinen werden jene wertvollen Zeitfenster zu mindestens 80 Prozent bedient, sodass ein Großteil derer bei der nächsten Slot-Zuteilung wieder in den Bestand der Aviation gehen ("Grandfathering") - und somit Teil von Thomas Cook Group Airline. Die Airline kann den Einsatz derer dann flexibel gestalten.

© Condor, Lesen Sie auch: Wie Condor noch an Air-Berlin-Slots kommt

Diesen Sommer noch wird die Air Berlin Aviation in Thomas Cook Aviation umbenannt. So erfolgte jüngst beim Luftfahrt-Bundesamt die Umregistrierung des Firmensitzes von Berlin nach Frankfurt. "All das hätte man natürlich früher machen können", so der Insider, "aber wir wollten erst einmal das AOC und den Flugbetrieb erfolgreich stemmen."


Niki Lauda

Für die größte Überraschung im Verkaufsprozess sorgte Ex-Niki-Gründer Niki Lauda. Denn nachdem die EU-Kommission dem Lufthansa-Konzern die Übernahme der Air-Berlin-Touristiktochter untersagte und diese daraufhin ihr finanzielles Engagement bei Niki beendete, rutschte der Ferienflieger ebenfalls in die Insolvenz. In einem ersten Verkaufsverfahren wurde der Airline-Konzern IAG als Käufer für Niki ausgewählt. Für rund 20 Millionen Euro sollte die Air-Berlin-Tochter an Billigflieger Vueling angeschlossen werden - dafür war eigens das Vehikel Anisec in Form einer österreichischen Stiftung gegründet worden.

© AirTeam Images, Christian Galliker Lesen Sie auch: "Der Niki-Verkauf an Vueling ist unwirksam" Interview mit Insolvenzrechtler Jörg Franzke

Doch das österreichische Fluggastrechteportal "Fairplane" erwirkte, dass ein Gericht in Wien ein zweites Insolvenzverfahren eröffnete, dass schließlich im Januar Niki Lauda erlaubte, die von ihm gegründete Niki wieder zurück zu kaufen. Beobachter gehen von rund 46 Millionen Euro als Kaufpreis aus.

Lauda mietete neun Flugzeuge bei Lufthansa, die diese abgeben musste, und schloss die Airline an seinen bestehenden Business-Flieger Lauda Motion an. Dieser hebt seit Ende März als Ferien-Carrier ab. Einen Anteil verkaufte er an Ryanair. Inzwischen stehen die Iren kurz davor, die Mehrheit von Lauda Motion zu übernehmen. Ryanair fliegt zudem im Wet-Lease für die österreichische Airline, obgleich die Existenz bedroht ist. Denn Lufthansa will die Ex-Niki-Jets zurück.


Belair

Eigentlich war bereits ihr Ende besiegelt, doch die Schweizer Air-Berlin-Tochter Belair erlebt nach der Pleite notgedrungen noch einmal ein kleines Comeback. Nachdem ein erster Verkaufsversuch im Herbst 2017 an insolvenzrechtlichen Hürden scheiterte, kaufte der Düsseldorfer Investor SBC zu Jahresbeginn Belair. Der Kaufpreis ist unbekannt.

Belair soll zusammen mit in Kooperation mit der In Avia Aviation Consultants GmbH wieder in den Flugverkehr einsteigen. Geplant ist ein Engagement als Charter-Airline. Im Gespräch war dafür bereits Condor. Doch der Neustart verzögert sich wegen Finanzierungsproblemen weiter. Aktuell ist geplant, dass Belair im Herbst wieder in die Lüfte gehen soll.


Versteigerung von Markenrechten

Seit dem Jahresstart kann sich zudem jeder, der möchte, ein Stück Air Berlin kaufen: In mehreren Auktionen sind Millionen Stücke der Airline versteigert worden - von Trolleys über Decken aus der Business-Class bis hin zu ganzen Beuteln mit den markanten Schokoherzen.

© dpa, Paul Zinken Lesen Sie auch: Hohe Gebote bei Air-Berlin-Auktion

Zudem ist im Frühjahr der Verkauf von Markenrechten und Internetadressen angelaufen. Abwickler Lucas Flöther verhandelt mit 25 potenziellen Interessenten unter anderem über die Domains airberlin.de, we-fly-europe.com, mallorca-shuttle.com und city-shuttle.com. Ein früherer Bericht der Insolvenzverwalter schätzte alle registrierten URLs auf etwa 100.000 Euro.


Topbonus

Schlecht hingegen sieht es für das Air-Berlin-Vielfliegerprogramm Topbonus aus. Die angestrebte Sanierung war Ende April mangels eines zahlungsfähigen Investors gescheitert und der Betrieb eingestellt worden. Der von Insolvenzverwalter Christian Otto vereinbarte Kaufpreis überstieg offenbar das Budget des Interessenten. Einen weiteren Bieter hatte es nicht gegeben. Zuletzt beschäftigte Topbonus etwa 30 Mitarbeiter und verwaltete die Meilen von rund 4,3 Millionen Mitgliedern.


Alle Themen in unserem Schwerpunkt zur Air-Berlin-Insolvenz:

Von: cs
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