So einfach ist das manchmal

14.03.2016 - 13:02 0 Kommentare

Die Ursache für den Germanwings-Absturz ist abschließend geklärt. Unverständlich, dass manche noch immer zweifeln, meint airliners.de-Herausgeber David Haße. Ein Gedankenflug über Theorien, Fakten und Schuld.

Ein Flugzeug-Modell in den Farben der Germanwings steht zwischen Blumen und Kerzen. - © © dpa - Oliver Berg

Ein Flugzeug-Modell in den Farben der Germanwings steht zwischen Blumen und Kerzen. © dpa /Oliver Berg

Liebe Leserinnen und Leser!
Nachrichten aus der deutschen Luftverkehrsbranche bestimmen bei airliners.de das Tagesgeschäft. Doch abseits der harten News machen wir uns auch Gedanken über das nicht so Offensichtliche. Mit unseren "Gedankenflügen" wollen wir Sie daran teilhaben lassen und hoffen, die eine oder andere Anregung geben zu können.
Ihre airliners.de-Redaktion

Vor fast genau einem Jahr ist Germanwings 4U9525 abgestürzt. Es ist mir unverständlich, wie manche Menschen bis heute nicht akzeptieren wollen, dass ein psychisch labiler Copilot die Maschine absichtlich in die französischen Alpen gesteuert hat.

Verschwörungstheorien vom Chemtrail-Unfall bis hin zum toten Copiloten in einer Mülltonne in Barcelona waren ja relativ schnell wieder verstummt. Dennoch gibt es noch immer Leute, die in Foren, sozialen Medien oder per E-Mail mit abstrusen Thesen um die Ecke kommen. Schuld haben wie üblich entweder die Großkonerne oder die Regierung. Oder beide - je nachdem.

"Lufthansa vertuscht etwas, die Regierung hilft ihr dabei!!!", ist die Überzeugung dahinter. Wahlweise geht die Argumentationskette auch genau andersrum oder betrifft nur einen der genannten Protagonisten. Der angeblich ultimative Beweis: "Sofort wurde der Schuldige präsentiert!!! Nirgends wird die Schuld der Lufthansa genannt! Da ist was faul!!!"

Ich findes solche Gedanken befremdlich, denn erstens sind die Flugunfallermittler nicht für die Klärung der Schuldfrage zuständig und zweites ist doch gerade die schnelle Aufarbeitung ein interessanter Aspekt. Normalerweise dauern Unfalluntersuchungen in der Tat viel länger. Es war aber kein Unfall. Das herauszufinden war relativ einfach, fertig.

In der Tat benötigt man lediglich ein wenig Hintergrundwissen zum Thema Cockpittüren-Verriegelungsmechanismus und die Aufzeichnungen des Cockpit-Voice-Recorders. Wenn die Dauerklingel des Notöffnungs-Codes nicht ertönt, hat jemand von innen aktiv die Dauerverriegelung aktiviert.

Nur der Staatsanwalt sucht einen Schuldigen

Viel mehr brauchte der französische Staatsanwalt auch nicht, als er bereits am Tag zwei nach dem Absturz den Copiloten als Schuldigen nannte. Das war aber der Staatsanwalt, und das ist entscheidend. Hier gab es kein Vorwegnehmen von Untersuchungsergebnissen, wie so oft kolprotiert wird. Die Staatsanwaltschaft sucht nämllich per Definition nicht nach Ursachen, sondern nach einem Schuldigen.

Ganz anders der Auftrag der Flugunfallermittler: Die suchen einzig nach Ursachen und dürfen dabei nicht einmal Schuldzuweisungen machen. Kurz nach dem Absturz haben die Unfallermittler auch tatsächlich nur ihre Erkenntnisse zum Flugverlauf veröffentlicht. Erst in der Berichterstattung wurden diese Infos mit den Aussagen der Staatsanwaltschaft zusammengewürfelt. Das wiederum ist der Job der Presse: Zusammenhänge aufzeigen.

© dpa, Igor Kovalenko Lesen Sie auch: So ist das Vorgehen bei Flugunfalluntersuchungen geregelt

Skeptiker verstehen solche Mechanismen oft nicht, verwechseln Dinge darum gerne und werfen Staatsanwaltschaft und Flugermittler in einen Topf. Darum jetzt bitte langsam lesen und gedanklich nichts miteinander vermengen: Zu strafrechtlichen Ermittlungen reicht schon ein Anfangsverdacht. Und die Staatsanwalt war sich am Tag zwei offenbar sehr sicher. Was ist aus ihrer Sicht schon die Wahrscheinlichkeit für eine Fehlfunktion im Notöffnungssystem?

Natürlich werden die Flugunfallermittler zu dieser Zeit dagegen noch erwogen haben, dass der Copilot allein im Cockpit bewusstlos wurde, während zeitgleich der Türmechanismus zur Notöffnung von außen versagt haben könnte. Es wäre ja auch nicht der erste Flugzeugabsturz gewesen, der durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle zustande gekommen ist. Ist er aber nicht.

Denn spätestens als in den Aufzeichnungen des später entdeckten Flugdatenschreibers zu sehen war, dass die Zielgeschwindigkeit im Autopiloten bis zum Aufschlag mehrfach an einem Knopf nachgeregelt wurde, war die theoretische Möglichkeit einer Bewusstlosigkeit kein Thema mehr. Der Beweis war gefunden: Das Flugzeug wurde bewusst in den Berg gesteuert. Erst dann haben die Unfallermittler der BEA ihren Zwischenbericht veröffentlicht.

Niemand dreht bewusstlos am Autopiloten

Jetzt liegt auch der Abschlussbericht der französischen Flugunfallermittler vor. Er beschreibt erneut den Hergang, erklärt nochmal die Tür-Mechanismen, listet detailliert Ereignisse auf und schlussfolgert. Am Ende bleiben sechs Sicherheitsempfehlungen. Das einzige Ziel der Übung: einen ähnlichen Zwischenfall in der Zukunft verhindern. Damit ist die Ursache nun also abschließend geklärt. Das sollte wirklich jeder akzeptieren. Lasst also gut sein, ihr Zweifler.

Und noch ein Apell: Niemand sollte jetzt schreien, die Lufthansa würde von den Unfallermittlern nicht zur Rechenschaft gezogen. Wie gesagt: Das war ja auch gar nicht deren Auftrag. Dieser Kampf wird schon bald vor Gerichten ausgetragen. Da geht es dann um Haftung, Schuld um Versäumnisse. Und keine Angst: In den Prozessen wird die Rolle der Lufthansa ganz sicher noch ausführlich betrachtet. Eines scheint dabei schon heute gewiss: So einfach wie die Ursachenforschung wird das dann bestimmt nicht.

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der studierte Marketing- und Kommunikationsfachmann ist beruflich seit rund 15 Jahren in der Onlinebranche zu Hause. 2007 machte er sich mit dem zuvor als Projekt gestarteten airliners.de selbständig. Kontakt: david.hasse@airliners.de

Alle Meldungen zum Germanwings-Unglücksflug 4U9525.

Von: dh
Interessant? Beitrag weiterempfehlen:

Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Nachrichtennewsletter.

Anzeige schalten »
Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten

Mehr Stellenangebote » Mehr Luftfahrt-Trainings »
Anzeige schalten »