Interview

"Sicherheit ist keine Selbstverständlichkeit"

06.02.2018 - 08:00 0 Kommentare

Der Verband BDLS hat die Arbeit aufgenommen. Im airliners.de-Interview spricht Präsident Udo Hansen über Aufgaben sowie Ziele - und die Wahrnehmung von Sicherheit.

Ein Fluggastkontrolleur tastet am Flughafen Köln/Bonn mit einer Handsonde einen Passagier ab.  - © © dpa - Oliver Berg

Ein Fluggastkontrolleur tastet am Flughafen Köln/Bonn mit einer Handsonde einen Passagier ab. © dpa /Oliver Berg

Mit dem Bundesverband der Luftsicherheitsunternehmen (BDLS) ist die deutsche Lobbylandschaft um einen Player reicher. Der neugegründete Verband vertritt die Interessen von Unternehmen, die sich schwerpunktmäßig mit den umfangreichen Tätigkeiten der Luft- und Flughafensicherheit befassen, zu denen das Luftsicherheitsgesetz Luftsicherheitsbehörden (Paragraf 5), Flughafenbetreiber (Paragraf 8) und Fluggesellschaften sowie reglementierte Beauftragte (Paragraf 9) verpflichtet.

airliners.de: Herr Hansen, warum wurde der BDLS gegründet?
Udo Hansen:Der Luftverkehr ist einer der sensibelsten Bereiche kritischer Infrastrukturen. Sein sicherer und zuverlässiger Betrieb ist ein unverzichtbarer Baustein für den wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes. Die Beschäftigten der Luftsicherheitsunternehmen kontrollieren jedes Jahr über 223 Millionen Passagiere und 4,6 Millionen Tonnen Luftfracht sowie hunderttausende Beschäftigte an den deutschen Flughäfen - und das mit stetig steigender Tendenz. Der BDLS fungiert als Stimme dieser Luftsicherheitsunternehmen. Neben den selbstverständlich vorhandenen wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Interessen, ist dieser Bereich der Sicherheitsdienstleistungen so wichtig geworden, dass auch die sich hieraus ergebenden fachlichen Interessen der Mitgliedsunternehmen auf nationaler und europäischer Ebene vertreten werden müssen. Es gibt viele Themenfelder im Bereich der Luftsicherheit für die wir Optimierungspotenzial als auch -notwendigkeiten sehen und die Mitgliedsunternehmen sind ein maßgeblicher Player im komplexen Gesamtkonstrukt der Luftsicherheit.

Sie sprachen gerade das "komplexe Gesamtkonstrukt" an - klingt, als wenn sie erst einmal alles sortieren müssten?
Richtig, im Laufe der Zeit haben sich die einzelnen Bereiche im Themenfeld Luftsicherheit aufgrund der Bedrohungslage rasch weiter entwickelt und es ist zunehmend undurchschaubarer geworden. Neben unseren Aufgaben als Arbeitgeber- und Interessenvertretung sehen wir es auch als unsere Aufgabe an, daran mitzuhelfen diese Strukturen einfacher und übersichtlicher zu gestalten.

Über den Interviewpartner

Udo Hansen Udo Hansen wurde im Sicherheitsbereich unter anderem bekannt als Referatsleiter im Bundesinnenministerium, Leiter des Bundesgrenzschutzes (BGS) am Flughafen Frankfurt und Präsident des Bundespolizeipräsidiums Ost. Nun ist er Präsident des BDLS, der den Fachverband Aviation des BDSW ablöst. Dieser wurde im September vergangenen Jahres aufgelöst. Dem BDLS gehören alle wichtigen Luftsicherheitsunternehmen an.

Inwiefern?
Der BDLS ist davon überzeugt, dass im komplexen und komplizierten System des Luftverkehrs ein ständiger, intensiver Austausch sowie eine enge und vertrauensvolle Kooperation mit der Politik, den zuständigen Ministerien und Behörden, den Flughafenbetreibern und den Luftverkehrsgesellschaften beziehungsweise deren Interessenvertretungen sowie den Tarifpartnern notwendig ist, um die bestmögliche Sicherheit zu gewährleisten. Momentan sind allerdings sowohl die gesetzlichen Zuständigkeiten für die unterschiedlichen Aspekte als auch die Vorschriften für die administrativen und vollziehenden Umsetzungen sehr stark aufgesplittert. So ist die Bundespolizei behördlich zuständig für die Kontrolle von Passagieren und Gepäck, die Flughafenbetreiber sind zur Eigensicherung ihrer gesamten Sicherheitsbereiche verpflichtet. Das heißt, dass alle Beschäftigten, die sich in den Sicherheitsbereichen des Flughafens aufhalten oder diese betreten wollen, kontrolliert werden müssen. Ebenso sind sie für die Kontrolle aller Fahrzeuge und Ladungen verantwortlich. Die Airlines wiederum sind, unter der Aufsicht des LBA, unter anderem für Zulieferer und Lieferanten von Fracht sowie die Sicherung ihrer Flugzeuge zuständig. Nüchtern betrachtet geht es in all diesen Fällen um die Kontrolle von Personen und Sachen vor dem Betreten beziehungsweise dem Verbringen in einen besonders schutzbedürftigen abgegrenzten und engen geographischen Raum. Es liegt also nahe diese Tätigkeiten durch Standardisierung zu optimieren.

Umständlich, aber auch teuer?
Selbstverständlich. Es gibt immer die Möglichkeiten bei komplexen Prozessen den Gesamtprozess, also in unserem Fall den Betrieb eines Flughafens, zu betrachten. Dabei gibt es wiederum immer, durch Vereinheitlichung und Standardisierung, die Möglichkeit die einzelnen Teilprozesse besser miteinander zu verzahnen und im Gesamtablauf günstiger und optimaler zu gestalten. Dies eröffnet natürlich auch die Möglichkeit, Technik und Personal besser und flexibler einzusetzen. Denn beispielsweise gibt es zwischen den Aufgaben der Mitarbeiter der Fluggastkontrollen (Paragraf 5 LuftSiG) und denen der Personalkontrollen (Paragraf 8) viele Überschneidungen und auch die eingesetzte Technik ist die gleiche - warum sollte man also nicht nach effektiveren Wegen der Einsetzbarkeit des Personals suchen? Hierzu sind allerding bereits in der Qualifikationsphase der Beschäftigten Umstrukturierungen notwendig.

Soll denn ein Teil des Personals flexibel hin und her wandern können?
Luftsicherheit wird und muss immer ein staatlich regulierter Bereich bleiben - das ist ja auch völlig sinnvoll und unverzichtbar. Aber die Qualifizierungen der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den unterschiedlichen Bereichen der Luftsicherheit sollten vereinheitlicht werden, um einen effektiven Betrieb zu ermöglichen, auch für die aufsichtsführenden Behörden und deren Mitarbeiter, die Audits durchführen. Ein abgestimmtes ganzheitliches System muss in hohem Maße flexibel und anpassungsfähig sein, denn sowohl aus der Bedrohungslage als auch aus geänderten Geschäftsmodellen an den Flughäfen stellen sich die Dinge zu unterschiedlichen Zeitpunkten auch anders dar.

Welche Geschäftsmodelle meinen Sie konkret?
Ein sehr passendes Beispiel hierfür sind die Geschäftsmodelle mancher "Billig-Airlines". Dort wird ein größeres Aufkommen an Handgepäckstücken zugelassen und aufgegebenes Gepäck ist im Verhältnis mit wesentlich höheren Kosten für die Passagiere verbunden. Dies hat beispielsweise Folgen für den Zeit- als auch Platzbedarf bei der Durchführung von Personen- und Gepäckkontrollen. Diese Aspekte müssen bereits im Vorfeld berücksichtigt und die entsprechenden tatsächlichen und vertraglichen Regelungen angepasst werden.

Ist uns Sicherheit beim Fliegen mittlerweile zu selbstverständlich?
Oh ja. Leider. Dies ist eine Erscheinung, die für alle Bereiche gilt. Nach Ereignissen wie Terroranschlägen oder ähnlichem ist der Ruf nach "Safety und Security" immer sehr laut. Allerdings ist dies ein temporäres Phänomen, das vergleichsweise schnell wieder nachlässt und von Experten im Nachhinein immer wieder in Erinnerung gerufen werden muss. Einen Luftverkehr ohne hohe Sicherheitsvorkehrung kann es nicht geben.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Hansen.

Von: br, cs
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