Spaethfolge (130) ( Gastautor werden )

Seenot in Schwechat

24.04.2013 - 12:00 0 Kommentare

Notwasserungen von Flugzeugen sind extrem selten – aber gerade erst endete eine Boeing 737 vor Bali im Meer. Ich habe letzte Woche in Wien versucht zu lernen, was man als Passagier in einem solchen Fall tun kann.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Das Hindernis schien unüberwindlich, das gelbe Ungetüm ragte hoch über meinen Kopf. Zwei prall mit Luft gefüllte Gummiwülste schnürten mir fast den Hals ein. Schwer hing die lange Hose um meine Beine. Wie ein nasser Sack hing ich da und stemmte mit letzter Kraft meine Füße in die beiden weißen Riemen. Dann versuchte ich, mit den Händen nach zwei roten Schlaufen zu greifen. Irgendwann schaffte ich es, die Bordwand zu überwinden. Mit dem Gesicht nach vorn platschte ich in das Innere der Rettungsinsel.

Viel uneleganter kann man sich wohl nicht fortbewegen. Aber das spielte keine Rolle. Ich mußte mich retten und hatte den entscheidenden Schritt geschafft, hineinzukommen in diese verdammte Rettungsinsel. Drinnen saßen schon andere und jubelten mir zu. Einige beleibtere Menschen legten noch tollpatschigere Auftritte hin als ich. Völlig egal, denn hier ging es ums Überleben.

Irgendwann waren alle da, 24 Leute drängten sich in das gelbe Gummigebilde. Was nun? Einer musste das Kommando übernehmen, ein anderer mit einer Luftpumpe den Mast aufblasen. Dann das Plastikdach aufspannen, das uns vor Sonne und Regen schützen sollte. Wo sind die Signalraketen? Wo sammelt sich Regen- und Kondenswasser zum Trinken? Wo sind die Erste Hilfe-Kästen verstaut? Solche Dinge mussten geklärt werden. Schnell bildete sich unter unserem Dach durch Atem und Feuchtigkeit dichter Nebel, es wurde ziemlich unerträglich. Nach zehn Minuten bereits. Im Ernstfall würden wir hier vielleicht viele Stunden oder Tage vor uns hinvegetieren.

Andere Leute gehen Freitag abends mit ihren Kumpels ein Bier trinken oder mit ihrer Freundin ins Kino. Oder aber sie nehmen an einem Notwasserungs-Training für Flugpassagiere teil und quälen sich ab mit Schwimmwesten, Rettungsflößen und Gummiwülsten. Das habe ich letzten Freitag gemacht. In einem Hallenbad in der Nähe des Flughafens Wien-Schwechat. Eine echt abgefahrene Aktion.

Zum ersten Mal überhaupt weltweit bot ein österreichischer Veranstalter einen Notwasserungs-Kurs für Flugpassagiere an. Zwar trainieren alle Flugbesatzungen einmal in ihrer Karriere selbst im Schwimmbad für feuchte Notfälle, aber wie sagte uns ein Flugkapitän in Wien? „Notwasserungen sind ungefähr Priorität Nummer 157 in der Luftfahrtsicherheit.“ Fliegen ist ja eh schon unglaublich sicher, was man deutlich an den Unfallzahlen für 2012 oder auch an den bisherigen für dieses Jahr sieht, die wieder rekordhaft niedrig liegen.

Aber wie um zu bestätigen, wie wichtig eben genau das Training für Notwasserungen sein kann, kam vorvergangenen Samstag eine Boeing 737-800 der indonesischen Lion Air bei der Landung in Bali vor der Piste im Wasser auf, glücklicherweise überlebten alle. Unvergessen ist natürlich die Landung der US Airways-A320 im Hudson River in New York im Januar 2009, die das Thema überhaupt erst wieder auf die Tagesordnung gebracht hat.

Das erstaunliche bei der Wiener Veranstaltung war die Zusammensetzung der Teilnehmer. Darunter zwei OP-Schwestern aus der Schweiz, Studenten, Geschäftsreisende, Feuerwehrleute und eine Gruppe jüngerer Vielflieger. Die buchen solche Kurse wie eine Art Betriebsausflug als Abenteuer-Wochenende, Freitag Notwasserungen und Samstag Kabinenbrand und Notrutschen üben. Warum denn auch nicht? Es gibt sicher sinnlosere Freizeitaktivitäten. Je mehr Leute an Bord im Notfall wissen was zu tun ist, desto glimpflicher endet ein Zwischenfall möglicherweise für alle. Doch dass Passagiere so etwas selbst trainieren können ist neu.

Die meisten Airlines blocken da ab, wollen ihre Kunden nicht mit Notfall-Szenarien konfrontieren. Lufthansa sagt ganz offen, dass ihre Passagiere solche Notfallmaßnahmen nicht zu kennen bräuchten, die Crews seien gut ausgebildet und wüssten was zu tun ist, das reiche, basta. Unsinn.

Klar sind die Flugbegleiter gut ausgebildet, das erwarte ich auch von einer guten Airline. Aber im Fall der Fälle kann es den entscheidenden Unterschied machen, ob sich jemand mental und physisch schon mal damit befasst hat oder nicht. Auch wenn das tatsächliche Risiko eines solchen Vorfalls bei zehn hoch minus sieben liegt, wie uns ein freiberuflicher Referent der Lufthansa (!) in Wien erklärte.

Dieser mehr feuchte als fröhliche Abend hat sich definitiv gelohnt. Auch wenn ich nach wie vor Schwierigkeiten habe, eine Flug-Schwimmweste verknotungsfrei anzulegen. Absurd, dass sich die Branche nie auf einen Einheitstyp einigte, sondern die Airlines weiter unterschiedliche Typen von Bandsalat anbieten. Aber immerhin komme ich nach einigen Versuchen jetzt schon ein wenig galanter in die Rettungsinsel.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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