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Schmerz nach der Airline mit Herz

17.08.2018 - 07:15 0 Kommentare

Air Berlin war echt cool. Jedenfalls für Berlin und seine Bewohner. Verkehrsexperte und Stadtliebhaber Thomas Rietig beschleicht deshalb zum Jahrestag des Insolvenzantrags leichte Melancholie.

Die letzten Schokoherzen werden verteilt. - © © dpa - Gregor Fischer

Die letzten Schokoherzen werden verteilt. © dpa /Gregor Fischer

Zugegeben, ich bin kein gebürtiger Berliner. Aber ich wohne dort, und mir fehlt etwas, seit die weiß-roten Flieger nicht mehr abheben. Das beginnt bei den Leuten, die dafür arbeiteten, geht über die Pünktlichkeit und hört bei den Schokoherzen noch lange nicht auf.

Es war eine schwer zu beschreibende Verbindung von Lockerheit und Professionalität, die mir an Air Berlin gefiel. Möglicherweise war es etwas spezifisch Berlinisches. Bei vielen Unternehmen ist Coolness heutzutage Programm, und oft genug kommt das aufgesetzt rüber. Bei Air Berlin hatte man den Eindruck, es sei ihre DNA.

Chefs ohne Allüren

Selbst die ersten Chefs waren anders. Nicht so glattgebügelte Manager, die dich schon beim Grüßen spüren lassen, dass sie immer alles genau richtig machen. Gründervater Joachim Hunold zum Beispiel. Wer sich seine Vita ansieht, weiß gleich: Der Mann kann nicht wirklich den seriösen Krawattenträger geben, obwohl er in Düsseldorf geboren ist - ausgerechnet. Zu ihm passt aber auch, dass er den Zeitpunkt verfehlte, wo er es mit weiterer Expansion hätte sein lassen sollen.

Über den Autor

© privat

Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Oder Hartmut Mehdorn. Dass er nicht in Berlin, dem Wohnsitz seiner Eltern, geboren wurde, sondern in Warschau, hat mit dem Krieg zu tun. Er ist aber Berliner und benimmt sich auch so. Das meine ich als Kompliment. Also mit Schnauze, mit manchmal grenzwertigen Handlungen und Reden. Mit ihm kannst du Pferde stehlen, aber wehe, du verkrachst dich mit ihm. Er kommt menschlich rüber, nicht durchgestylt. Und ihm allein sollte man die Pleite der Airline nicht anlasten. Er hat 2011 schon eine ziemlich schwache Betriebswirtschaft übernommen.

Mehdorn tat, was Gründer Hunold nicht übers Herz brachte: Er holte die Araber als zahlungskräftige Zwischenkreditgeber ins Boot. Jetzt kann man sagen, er habe damit die Agonie verlängert. Ok, mag sein, aber wir durften noch ein paar Jahre mit "unserer" Linie fliegen. Man kann auch sagen, Mehdorn habe Air Berlin noch eine Verlängerung gegönnt. Fußballfans wissen, wie wichtig und entscheidend eine Verlängerung sein kann.

Air Berlin passte in keine Schublade

Mehdorn schaffte es nicht, in der Verlängerung das Spiel zu drehen. Wer sich mit Airline-Beratern über die Frage unterhielt, woran das liegen könnte, erfuhr einiges über anhaltende, teure Fehler bei der Flugzeugdisposition oder beim Yield Management. Improvisieren scheint da lange Zeit das Programm gewesen zu sein. Darüber hinaus schaffte er es nicht, Air Berlin in eine der in der Branche vorgesehenen Schubladen einzupassen: Low Cost oder Full Service, Charter oder Linie, Hub-and-Spoke oder Commuter.

Air Berlin war von allem etwas. Dafür fand die Manager-Etage einen Namen: Hybrid-Airline. Die waren damals voll im Trend, ihnen gehörte von 2007 bis 2011 die Zukunft. Der Berliner an sich zog aber nur die Augenbrauen hoch, hatte auch wenig mit Hybrid-Autos oder Hybrid-Software im Sinn. Er wollte einfach nur billig fliegen.

"Nicht Fleisch, nicht Fisch"

Für "hybrid" bietet das Internet als Bedeutung unter anderem "hochmütig" (vom Griechischen Hybris, Selbstüberschätzung) an. Also hochmütig habe ich Air Berlin nie erlebt, andere Airlines und ihr Personal dagegen schon. Sonst heißt "hybrid" etwa "nicht Fleisch, nicht Fisch". Passt. Für Berlin, dessen Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit Linienflüge aus Preisgründen verabscheut, wäre es vielleicht das Richtige gewesen.

Für die globalen volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen eben nicht. Noch heute, wo die Stadt weltweit als hip angesehen wird, fällt es schwer, in Berlin genügend Fluggäste für die besseren Klassen und Langstreckenflüge zu finden. Die VIP-Nummer der Lufthansa mit "Senatoren" oder gar "Hons" passte auch irgendwie nicht zu (Air) Berlin.

Das mit den Schulden bekamen auch die Manager nach Mehdorn nicht hin. Obwohl die Araber halfen und die Lufthansa auch bei wettbewerbsmäßig fragwürdigen Krediten nicht protestierte. Manche sagten, sie warte, bis die Konkurrentin sich selbst heruntergewirtschaftet habe, um diese dann billig zu bekommen. Da ist natürlich nichts dran, es wäre eher eines Geiers als eines Kranichs würdig gewesen. Tatsächlich blieb es einem Ex-Lufthanseaten vorbehalten, das Lebenswerk Joachim Hunolds endgültig zu grounden.

So wie das und die Übernahme weiter Teile von Air Berlin liefen, gibt es sicher nur wenige Berliner, die der Kranich-Airline das sonntagsrednerische Bekenntnis zu Berlin als Gründungsort abnehmen.

Da müssten sie schon am Ausgang Schokoherzen verteilen.


Alle Themen in unserem Schwerpunkt zur Air-Berlin-Insolvenz:

Von: Thomas Rietig für airliners.de
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