Ryanair streitet über den Kurs

18.09.2018 - 07:44 0 Kommentare

Hauptversammlung des Billigfliegers: Die Aktie von Ryanair hat auf Jahressicht massiv verloren, die Tarifverhandlungen mit den Crews stocken und das Management des Low-Costers ist tief gespalten.

Eine Maschine des irischen Billigfliegers Ryanair landet auf dem Flughafen in Frankfurt am Main. - © © dpa - Boris Roessler

Eine Maschine des irischen Billigfliegers Ryanair landet auf dem Flughafen in Frankfurt am Main. © dpa /Boris Roessler

Dass Ryanair den Willen hat, auf der Hauptversammlung am Donnerstag offen über die eigene Linie zu diskutieren, zeigt sich schon an der Gästeliste: Die Presse muss in Dublin draußen bleiben. "Wir wollen unseren Aktionären die Möglichkeit geben, all ihre Anliegen offen mit dem Board zu diskutieren, ohne dass diese Diskussionen für PR-Zwecke verfälscht werden", verteidigt das Management auf Anfrage sein Vorgehen. Üblicherweise dürfen Pressevertreter an Aktionärstreffen börsennotierter Konzerne teilnehmen.

Doch 2018 ist bei Ryanair alles anders. Lange schwiegen die Investoren - immerhin war der Low-Coster dank des steigenden Aktienkurses eine gute Geldanlage. Doch seit knapp einem Jahr fällt der Wert der Papiere kontinuierlich.

Verlauf des Ryanair-Aktienkurses innerhalb eines Jahres. Screenshot boerse-online.de

Das Hoch von 18,72 Euro im August 2017 ist inzwischen weit entfernt. Auch wenn der Kurs zwischenzeitlich immer wieder ansteigt, ist er im Trend eindeutig im Sinkflug. Zuletzt notierte die Aktie bei 13,36 Euro - ein Minus von über 28 Prozent.

"Never catch a falling knife"

Die Aktie performe aktuell "schlecht", urteilt Experte Thorsten Küfner. "Sie ist keine Empfehlung mehr von uns - eventuell fängt sie sich bei 13 Euro." Aber noch gelte die alte Börsenweisheit "Never catch a falling knife".

Gebeutelt wurden die Papiere vor allem durch die zähen Tarifverhandlungen der Airline mit Flugbegleitern und Piloten in vielen Ländern. Denn Ryanair ist immer noch einige der wenigen Airlines in Europa ohne Personalvertretungen oder gar Tarifabschlüssen. Zwar konnte der Low-Coster hier jüngst Einigungen in Irland und Italien vermelden und bemüht sich darum, möglichst viele Gewerkschaften vor dem Aktionärstreffen anzuerkennen.

Belgische Gewerkschaft gibt Ziel für nächsten Streik vor

Doch die Bilder von an Airports gestrandeten Fluggästen bleiben in Erinnerung. Schon mehrfach legten Flugbegleiter und Piloten in ganz Europa Ryanair lahm und führten hunderte Flugstreichungen herbei. Neue Ausstände sind für kommende Woche bereits angekündigt - "es sollen die größten der Unternehmensgeschichte werden", heißt es von der belgischen Gewerkschaft CNE/LBC.


Wann bei Ryanair bisher gestreikt wurde

Flugbegleiter:

  • 30. März, 1. und 3. April: Portugal;
  • 25. Juli: Belgien, Italien, Portugal und Spanien;
  • 26. Juli: Belgien, Portugal und Spanien;
  • 12. September: Warnstreik von Verdi in Deutschland;
  • 28. September: Belgien, Italien, Niederlande, Portugal und Spanien.

Piloten:

  • 21. Dezember 2017: Warnstreik in Deutschland;
  • 13., 20., 24. Juli, 3. August: Irland;
  • 10. August: Belgien, Deutschland, Irland, Niederlande, Schweden
  • 12. September: Deutschland.

Quelle: airliners.de


Jüngst drohten Gewerkschaften zudem mit unbefristeten Ausständen. Denn: Ryanair wolle nach den Streiks zwar zurück an den Verhandlungstisch, doch habe sich nach Aussage mehrerer Verhandler die Position des Managements nicht verändert: Wir lassen uns unser Geschäftsmodell nicht zerstören.

Flugstreichungen führten offenbar zum Umdenken

Denn Tarifabschlüsse beruhigen zwar die Mitarbeiter, doch sie sind teuer. Gerade bei einem Low-Coster, der wenig Gewinne pro Flug erzielt und nur durch die Masse inklusive häufiger Umläufe und kurzer Standzeiten Geld verdient, schlagen hohe Personalkosten doppelt ein.

Lange sträubte sich die Airline davor, überhaupt Verhandlungen mit Arbeitnehmervertretern aufzunehmen. Doch die zigtausenden Flugstreichungen im vergangenen Winter aufgrund von Personalmangels trugen offenbar ihren Beitrag dazu bei, dass Ryanair eine Kehrtwende vollzog.

Verbände fordern Aus des Chairmans

Die Investoren sollen nun handeln, fordern die Flugbegleiter-Dachverbände ITF und ETF. Sie drängen auf die Ablösung von Verwaltungsratschef David Bonderman. Der US-Milliardär gibt seit 22 Jahren den Kurs der Airline vor und gilt als enger Weggefährte von CEO Michael O'Leary, der zwei Jahre länger im Konzern ist.

"Wir sind der festen Überzeugung, dass Ryanair für die Weiterentwicklung als wichtige europäische Airline, ihre Corporate Governance überarbeiten muss", heißt es in einem Brief an die Aktionäre. "Eine Ryanair aus dem 21. Jahrhundert verdient eine Führung aus demselben Jahrhundert."

"Es ist Zeit für Herrn Bonderman, zu gehen"

Der jetzige Kurs sei nicht mehr angemessen für ein Unternehmen dieser Größe. "Sowohl seine Mitarbeiter als auch seine Investoren wollen das Unternehmen gedeihen und wachsen sehen, aber dies kann nur mit den richtigen Strukturen und passieren." Gegen eine Neuordnung hätten sich die langjährigen Kontrolleure Bonderman und Senior Independent Director Kyran McLaughlin immer versperrt.

Es ist Zeit für Herrn Bonderman, zu gehen. Ein Unternehmen kann sich nicht weiterentwickeln, wenn sein Vorsitzender im letzten Jahrhundert festsitzt.

Eduardo Chagas, ETF-Generalsekretär

In der ITF sind rund 700 Verkehrsgewerkschaften weltweit zusammengeschlossen, in der ETF über 200 aus Europa - unter anderem die britische Unite und die deutsche Verdi. Der einflussreiche Stimmrechtsberater Glass Lewis schließt sich laut Medienberichten der Empfehlung an.

Bonderman hat nicht nur Ryanair über Jahrzehnte geprägt, sondern über seine anderen Investments auch grundlegend Einfluss auf den Billigtrend des Luftverkehrs genommen. Sein Fonds TPG ist bei Norwegian investiert und Gerüchten zufolge kommt Bonderman bei Wizz Air strategisch beratend zum Einsatz.

Zwei Lager im Verwaltungsrat

Der Streit um die Personalie Bonderman steht symptomatisch für die Zerrissenheit der Airline: Im Verwaltungsgremium haben sich nach airliners.de-Informationen inzwischen zwei Lager gebildet. Eines unterstützt den nach wie vor gewerkschaftsfeindlichen Kurs von Chef O'Leary - das andere drängt auf eine Neuordnung.

Und genau da setzt die Abberufung Bondermans an. Als Vorbild für die von den Verbänden geforderte Offenheit sehen viele in der Branche Konkurrentin Easyjet. Der britische Billigflieger kooperiert mit Gewerkschaften, ging beispielsweise nach dem Erwerb von Air-Berlin-Assets auf Arbeitnehmervertreter zu.

Aktionärsstruktur Ryanair
Angaben in Prozent
Capital 17.0
Fidelity 5.5
HSBC 4.8
Baillie Gifford 4.8
Michael O'Leary 3.8
Streubesitz 64.1

Der Streubesitz-Anteil umfasst alle Aktionäre, die weniger als drei Prozent halten. Quelle: Ryanair

"Bei Easyjet hat man verstanden, wie wichtig das Personal ist", beschreibt es ein Manager, der nicht namentlich genannt werden möchte. Im vergangenen Jahr haben jeden Tag allein zwei Piloten Ryanair verlassen - "so darf und kann es nicht weitergehen!"

Selbstwahrnehmung der Crews

Dass die Crews von Ryanair immer wieder Missstände anprangerten und öffentlich Druck auf den Arbeitgeber ausübten, zeigt auch, wie sehr sich ihre eigene Selbstwahrnehmung verändert hat. Hier seien inzwischen Ansätze für eine Unternehmensidentifikation zu erkennen.

Längst sehen Piloten Ryanair nicht mehr als Zwischenstation, als Arbeitgeber, bei dem sie "einfach nur Flugstunden sammeln können". Viele seien an den Basen inzwischen familiär verwurzelt und wollten nicht wechseln, berichten Flugzeugführer: "Solange wir noch Hoffnung haben, an den Arbeitsbedingungen etwas zu ändern, wollen wir auch dafür eintreten!"

Fliegendes Personal
Flugbegleiter Piloten Weitere Arbeitnehmer
2016 6933 3424 1101
2017 7684 4058 1284
2018 8263 4831 1489

Stichtag ist jeweils der 31. März. Quelle: Ryanair

Denn öffentliche Widersprüche des Managements würden diese Hoffnung befeuern. So gibt Ryanair beispielsweise in der Frage, wie man auf Ausstände reagieren soll, kein einheitliches Bild ab. Allein die Frage, wie man mit Streiks des Personals - oder ausgeliehenen Arbeitskräften umgeht -, zeigt die tiefen Gräben zwischen den Verantwortlichen.

Bei Ryanair ist das fliegende Personal oftmals nicht direkt angestellt. Piloten sind vielfach gezwungen, eine Ich-AG zu gründen und dann konfrontiert mit dem öffentlichen Vorwurf der Scheinselbstabdigkeit im Cockpit zu arbeiten. Laut aktueller Angabe von Ryanair betrifft dieses Contractor-Modell "weniger als 50 Prozent der Piloten", hieß es Ende Juli. 2011 wiesen die Iren die Zahl noch in ihrer Bilanz aus - da lag der Wert noch bei über 70 Prozent. Bis Ende des Jahres hat Ryanair zugesagt, alle Piloten festanzustellen.

Ryanair ließ Leiharbeiter streiken

In der Kabine sieht es nicht besser aus. Hier haben nur die Purser direkte Arbeitsverträge mit Ryanair. Alle anderen Crewmitglieder kommen über Leiharbeitsfirmen wie Crewlink ins Unternehmen. Deren Anteil wird auf 70 Prozent geschätzt.

Sie dürfen eigentlich nicht streiken, doch Ryanair ließ sie gewähren. Denn beim Airline-ersten Flugbegleiterstreik an Ostern in Portugal traten auch Leiharbeiter in den Ausstand - Konsequenzen gibt es nach airliners.de-Informationen auch Monate danach nicht.

Drohungen des Managements

Hingegen bekamen die streikenden Piloten in Irland die ganze Härte des Managements zu spüren. Nach dem dritten Streiktag entschloss der Verwaltungsrat, die Flotte am Flughafen Dublin um mindestens ein Fünftel zu verkleinern. Es folgten zwei weitere Streiks und schlussendlich eine Tarifeinigung, ehe das Gremium die Entscheidung zurückzog.

Und bei den Entgegnungen der Airline auf die deutschen Pilotenstreiks schreckt die Airline nicht davor zurück, fortlaufend unterschiedliche Signale zu senden. Bereits vor dem ersten Streik im August drohte O'Leary mit Abzug von deutschen Basen, sein Strategiechef Peter Bellew ruderte umgehend zurück und betonte, dass man in Deutschland wachsen wolle.

Vor dem zweiten Streik im September traten O'Leary und Bellew gemeinsam vor die Presse. Sie waren sich dieses Mal einig - auch wenn die Drohung nicht klar formuliert war: "Flugzeuge abziehen ja, Basen schließen nein, und sowieso weiter Wachstum über neue Flugzeuge - wer soll da noch durchblicken?", fragt ein Beobachter.

Dass es bei Ryanair auch anders geht, zeigt Lauda Motion. Die inzwischen im Besitz der Iren befindliche Niki-Nachfolge-Airline hatte im Frühjahr eine Tariflösung für das fliegende Personal angekündigt. Wie man von der österreichischen Gewerkschaft GPA hört, ist man hier auf einem guten Weg - die schwere Krankheit von Gründer Niki Lauda hatte die Verhandlungen zuletzt auf der Zielgeraden ausgebremst.

Von: cs
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