Ryanair-CCO O'Brien

"Eigentlich sind wir schon Nummer Zwei in Deutschland"

10.02.2017 - 08:59 0 Kommentare

Die "Zombie-Airline" Air Berlin, Pläne am Lufthansa-Hub in Frankfurt und Brexit-Auswirkungen: Über diese und weitere Themen spricht David O'Brien, Chief Commercial Officer bei Ryanair, im airliners.de-Interview.

David O'Brien ist Chief Commercial Officer bei Ryanair. - © © dpa - Vegard Wivestad Grott

David O'Brien ist Chief Commercial Officer bei Ryanair. © dpa /Vegard Wivestad Grott

airliners.de: Herr O'Brien, wie wird sich ein harter Brexit auf die Ryanair-Präsenz in Deutschland auswirken?
David O'Brien: Der Brexit wird unsere Deutschland-Pläne nicht wesentlich beeinflussen. Die meisten UK-Kapazitäten von und nach Deutschland betreffen ja London und das ist ein starker Inbound- und Outbound-Markt. Das wird sich auch mit dem Brexit nicht wesentlich verändern.

Nun haben Sie aber schon angekündigt, Kapazitäten aus Großbritannien nach Kontinentaleuropa und auch Deutschland verlegen zu wollen.
O'Brien: Ja, das stimmt. Aber wissen Sie, Ryanair ist einzigartig in vielerlei Hinsicht. Die meisten europäischen Airlines, egal welcher Größe, konzentrieren sich auf ihre Heimatmärkte. Ryanair hat dagegen seine Flugzeuge über den ganzen Kontinent verteilt. In einem Worst-Case-Brexit-Szenario schauen wir einfach unsere Basen - ein gutes Dutzend in UK und mehr als 70 im Rest der EU - an und verteilen neu. Die Fragen, die wir uns bei der Verteilung stellen, sind einfach: Gibt es an einem Standort genug Kapazitäten und sind die Preise wettbewerbsfähig? Wenn beides stimmt, dann spricht nichts gegen einen Ausbau.

Passt denn beides für bestimmte Standorte in Deutschland?
O'Brien: Die starre Luftverkehrssteuer benachteiligt in Deutschland kleinere Plätze enorm. Ein Beispiel: Obwohl die Flughafengebühren am Airport Hahn nur ungefähr die Hälfte von denen in Luxemburg sind, ist der Hunsrück-Flughafen nach Steuern und Security-Gebühren letztlich doppelt so teuer. Deswegen ist Luxemburg auch die größere Gefahr für den Hahn als unsere neue Basis am Flughafen Frankfurt/Main. Die Zeitungen haben schon geschrieben, dass wir den Hahn verlassen werden, weil wir nach Frankfurt gehen. Aber das stimmt nicht. Wir haben gerade wieder neue Routen am Hahn angekündigt.

© dpa, Fredrik von Erichsen Lesen Sie auch: Flughafen Hahn bekommt Ryanair-Strategie zu spüren

Reicht dieses Wachstum denn? Sie wollen ja Deutschlands zweitgrößte Airline werden.
O'Brien: Wir sind schon die Nummer Eins in Europa und die Nummer Eins in vielen Märkten. Natürlich werden wir auch die zweitgrößte Airline in Deutschland. Wissen Sie, wir sind es eigentlich sogar schon - und das mit gerade einmal sieben Prozent Marktanteil. Denn die Nummer Eins und die Nummer Zwei in Deutschland sind ja gerade dabei, zu fusionieren. In Deutschland haben Lufthansa und Air Berlin zusammen rund 60 Prozent der Marktanteile. Das ist schon sehr anders als in anderen Märkten und ein Nachteil für die Konsumenten.

Das Bundeskartellamt hat dabei keine Bedenken.
O'Brien: Ich weiß, das Bundeskartellamt sagt, es handelt sich bei dem Wet-Leasing-Konstrukt von Lufthansa, Eurowings und Air Berlin nicht um eine Fusion. Das ist wirklich kein Anreiz für mehr Wettbewerb in Deutschland! Die Realität ist doch anders: Die neue Air Berlin wird jetzt sogar von einem Lufthansa-Manager geleitet. Und in Österreich? Anstelle eines Wettbewerbs mit Tuifly und Niki sagt man: Lasst uns alle zusammenarbeiten. Das schädigt die Konsumenten enorm.
Bei dieser Konstruktion ging es ganz offensichtlich nur darum, die Kapazitäten an möglichst vielen deutschen Flughäfen zu blocken. Was das kurzfristig bedeutet, ist klar: Air Berlin kann als Zombie-Airline noch ein wenig länger durchhalten. Air Berlin kann so in Berlin und Düsseldorf das Wachstum von Ryanair, Easyjet und anderen Airlines weiter blockieren, während Eurowings die ehemaligen Air-Berlin-Kapazitäten an regionalen Flughäfen wie Nürnberg ersetzt.

© dpa, Federico Gambarini Lesen Sie auch: Bundeskartellamt genehmigt Deal zwischen Lufthansa und Air Berlin

Also in absehbarer Zeit doch keine 20 Prozent Marktanteil für Ryanair in Deutschland?
O'Brien: Wir werden immer die bessere Kostenbasis haben und weiter wachsen. Lufthansa hat sich dagegen gerade mit dem Wet-Leasing bei Air Berlin selbst eine Garantie für höhere Kosten gesichert. Deswegen wird dieser Leasing-Joker auch nicht lange funktionieren. Wenn man von einer der ungesundesten und teuersten Airline Europas Flugzeuge samt Crews anmietet, dann wird es irgendwann dramatische Verdauungsprobleme geben. Langfristig wird sich das nicht lohnen.

Was bezweckt Lufthansa dann Ihrer Meinung nach mit diesem Konzept?
O'Brien: Das ist nicht mal ein Konzept, es ist nur der verzweifelte Versuch, anderen Airlines den Zugang zu Flughäfen zu blockieren. Der Fakt, dass Lufthansa in Düsseldorf Lobbying gegen eine Erlaubnis einer Erweiterung betreibt, obwohl die Infrastruktur-Kapazitäten bereits vorhanden sind, hält dort die Preise hoch. Denn es wird dadurch schwerer für Ryanair, auch Düsseldorf ins Programm aufzunehmen.
In Berlin will man einen funktionierenden Flughafen schließen. Das ist unglaublich. Schönefeld und Tegel haben jetzt zusammen 33 Millionen Passagiere. Der BER ist für 27 Millionen konzipiert. Will sich Berlin etwa mit einer Stadt wie Dublin messen? Dort gibt es mehr Passagiere! Aber fragen Sie die Touristen: Die vergleichen Berlin mit Paris und London. Wir wollen gerne weitere fünf Millionen Passagiere von und nach Berlin befördern. Wir können aber die Gespräche darüber nicht einmal aufnehmen, denn der BER ist schon vor seiner Eröffnung voll.

Angenommen, Tegel bleibt: Würden Sie denn gerne von Schönefeld umziehen?
O'Brien: Wenn Tegel offen bleibt, würden wir sehr gerne innerhalb von drei Jahren 20 Flugzeuge dort stationieren und fünf Millionen mehr Passagiere von und nach Berlin bringen. Wir würden aber auch gleichzeitig weiter von Schönefeld fliegen. Berlin bietet genug Potential für beide Flughäfen - und wir haben die Kapazitäten.
Die Idee, Tegel zu schließen, ist deswegen kompletter Wahnsinn. Für mich scheint es so, als ob die Berliner Regierung mehr Rücksicht auf ein paar Kommunisten im Senat nimmt und nicht auf die Menschen in der Stadt. Wir rufen deshalb jeden Berliner dazu auf, das laufende Volksbegehren gegen die Schließung von Tegel zu unterzeichnen.

© AirTeamImages.com, Jan Severijns Lesen Sie auch: Ryanair will Berlin-Tegel anfliegen Die lächerliche Annahme von Lufthansa-Chef Carsten Spohr, dass die Passagiere nicht zwischen zwei Flughäfen in einer Stadt unterscheiden könnten, gehört in die Comedy-Spalten, nicht in das Business-Ressort. Wie schaffen die Leute das in London und seinen fünf großen Flughäfen?

Bleiben wir in Deutschland: Kommt als nächstes auch noch eine Basis in München?
O'Brien: Mit München haben wir noch nicht wirklich gesprochen.

Und kommen bald weitere innerdeutsche Ryanair-Flüge?
O'Brien: Möglicherweise.

Zu Frankfurt: Warum gleich eine neue Basis? Alle angekündigten Ziele sind doch ohnehin schon Ryanair-Basen?
O'Brien: Wir haben uns für eine Basis vor Ort entschieden, um aus Frankfurt heraus operieren zu können. Für am Platz stationierte Airlines gab es einfach mehr Slots zu interessanten Zeiten. Wir werden in Frankfurt ohnehin weiter wachsen. Zwei Flugzeuge sind nur der Anfang. Fraport hat die Kapazitäten und sie haben eine weise Entscheidung getroffen, den Platz für neue Wettbewerber zu öffnen.

Helfen Sie Carsten Spohr dort eigentlich gerade im Tarifkampf?
O'Brien: Wir helfen Lufthansa gern. Ja, wir sind der Grund, warum Eurowings jetzt auch in Frankfurt starten wird. Ich würde aber sagen, dabei geht es eher um Stolz als um eine wirtschaftliche Abwägung.

© dpa, Oliver Berg Lesen Sie auch: Eurowings will 2018 auch den Flughafen Frankfurt bedienen

Was spricht denn gegen eine Zusammenarbeit mit Lufthansa?
O'Brien: Wir haben schon eine Vereinbarung mit Aer Lingus und Norwegian unterzeichnet, um deren Langstrecken zu feeden. Wir sind absolut offen, das auch mit Lufthansa zu tun - wenn sie das wünschen. Wie Sie wahrscheinlich gemerkt haben, sind wir hier bei Ryanair außergewöhnlich freundliche und offene Zeitgenossen.

Von: dh
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