Hintergrund

Ryanair - die zerrissene Airline

26.07.2018 - 13:09 0 Kommentare

Der irische Billigflieger wird derzeit in Cockpit und Kabine bestreikt; nach airliners.de-Informationen geht Ryanair-Chef O'Leary mit den Arbeitskämpfen unterschiedlich um: In Portugal akzeptiert sie, dass nicht festangestellte Crews mitstreiken - in Irland übt sie Vergeltung an den Piloten.

Boeing der Ryanair.

Boeing der Ryanair.
© AirTeamImages.comges.com - Dirk Grothe

Ryanair-Chef Michael O'Leary.

Ryanair-Chef Michael O'Leary.
© airliners.de

Der Ryanair-Konzern reagiert mit gespaltener Zunge auf die ersten Streiks im Low-Cost-Unternehmen: Die Flugbegleiter in Portugal ließ man an Ostern nach airliners.de-Informationen gewähren - die streikenden Piloten in Irland bekommen hingegen die volle Härte des Konzerns zu spüren.


Wann bei Ryanair bisher gestreikt wurde

Flugbegleiter:

  • 30. März, 1. und 3. April: Portugal;
  • 25. Juli: Belgien, Italien, Portugal und Spanien;
  • 26. Juli: Belgien, Portugal und Spanien.

Piloten:

  • 21. Dezember 2017: Warnstreik in Deutschland;
  • 13., 20., 24. Juli, 3. August: Irland.

Um Ostern herum legten Flugbegleiter bei Ryanair zum allerersten Mal in der 25-jährigen Unternehmensgeschichte die Arbeit nieder. Fest angestellt in der Kabine sind bei Ryanair nur die Purser - die Crews unterhalb der Stufe kommen über Zeitarbeitsfirmen wie Crewlink ins Unternehmen.

Eben jene Leiharbeiter legten an den drei Tagen (Karfreitag, Ostersonntag, Dienstag 1. April) allerdings ebenfalls die Arbeit nieder. Über drei Monate später bestätigt sich nach airliners.de-Informationen, dass erwähnte Crews weiterhin für Ryanair fliegen.

Hunderte Jobs in Irland gefährdet

Ganz anders hingegen die Situation in Irland. Hier rief die Pilotengewerkschaft Ialpa das Cockpit-Personal von Ryanair in den vergangenen zwei Wochen dreimal zum Streik auf. Zwar machen Flüge aus Irland nur einen geringen Prozentsatz im Ryanair-Netz aus, doch die Antwort des Low-Costers auf die Ausstände war umso härter.

Mindestens sechs Maschinen zieht der Billigflieger zum Winter in Dublin ab. Die dort stationierte Flotte soll von 30 auf "höchstens" 24 Jets schrumpfen. Gleichzeitig opfert Ryanair hunderte Jobs: 100 im Cockpit, 200 in der Kabine.

O'Learys Drohung zu Wochenbeginn

Das Management erklärt die Entscheidung auch mit den Streiks: Das Fluggerät könne man laut Mitteilung sehr gut bei der polnischen Charter-Division Ryanair Sun gebrauchen; gleichzeitig hätten die Ausstände der Piloten aber auch einen "negativen Effekt auf Vorausbuchungen für den Winter gehabt".

Ryanair-Chef Michael O'Leary drohte bereits am Montag - am Tag vor dem dritten Ausstand der irischen Piloten -, dass man nicht bereit sei, "unangemessenen Forderungen zuzustimmen" und überlege, betroffene Standorte zu verkleinern.

Zwei Lager im Verwaltungsrat

Zwei Streikschauplätze, zwei unterschiedliche Reaktionen des Low-Costers. Um den Zick-Zack-Kurs der Iren im Tarifkampf zu verstehen, muss man sich den bei Ryanair tobenden Machtkampf vergegenwärtigen.

Dieser hat inzwischen tiefe Risse im Fundament des Billigfliegers hinterlassen. Denn im Verwaltungsrat der Airline haben sich die Mitglieder laut Insidern inzwischen trennscharf in zwei Gruppen formiert.

Personalkosten deutlich gestiegen

Da sind zum einen die O'Leary-Jünger, die blind dem oftmals kontroversen, häufig auf Konfrontation zielenden Kurs des polarisierenden Airline-Chefs folgen. Und dann ist da das immer größer werdende Gegengewicht - jene Gremiumsmitglieder, die auf soziale Veränderungen pochen.

Eben jene Veränderungen, die laut O'Leary aber auch das Low-Cost-Geschäftsmodell gefährden. Ryanairs Aufstieg ist vor allem durch aggressives Auftreten in neuen Märkten und niedrigen Ticketpreisen begründet. Beide Wettbewerbsvorteile würden sich in Luft auflösen, ginge man auf die Forderungen der Arbeitnehmer ein.

Denn bereits seit Beginn des neuen Geschäftsjahres Ende März sind die Personalkosten schlagartig gestiegen. Ryanair hatte versucht, mit Gehaltserhöhungen im teils zweistelligen Prozentbereich, die aufkommenden Tarifkonflikte im Keim zu ersticken.

Personalkosten
Angaben in Millionen Euro
2014 132.7
2015 151.8
2016 165.8
2017 182.4
2018 244.9

Daten mit Stichtag 30. Juni des jeweiligen Jahres. Quelle: Ryanair

Doch die Crews pochen längst nicht nur auf höhere Löhne. Gleichzeitig wollen sie alle bei Ryanair festangestellt sein und nur noch an einer Basis zum Einsatz kommen - "das Personal-Ping-Pong muss aufhören", sagt ein Gewerkschaftsvertreter.

Dass sich der Wind im Unternehmen auch nach der Entscheidung, mit den Fachkräften im Cockpit Tarifverhandlungen zu beginnen, gedreht hat, wird auch an anderer Stelle deutlich. Bereits in diesem Jahr - und damit erheblich früher, als angekündigt - verhandelt das Airline-Management auch mit Kabinenvertretern über ein Tarifwerk.

Management soll überfordert sein

"Ryanair ist mit der Situation komplett überfordert", berichten mehrere Manager aus dem Umfeld der Airline. "Das Thema Tarif hat mittlerweile eine Eigendynamik bekommen, die das Management so nicht hatte voraussehen können."

Die harte Reaktion auf die Streiks in Irland sei letztlich eine reine Machtdemonstration der O'Leary-Fraktion. Die irischen Piloten hingegen zeigten sich davon unbeeindruckt und setzten erneut einen Streiktag an - weitere sollen folgen.

Mehr Annullierungen

Am ersten Tag des Kabinenstreiks in gleich vier Ländern (Belgien, Italien, Portugal und Spanien) hat Ryanair weitaus mehr Verbindungen gestrichen, als ursprünglich geplant. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa fielen statt 300 über 500 Flüge aus. Besonders betroffen war der Flughafen Mailand-Bergamo. An dem Flughafen hatte der Billigflieger Ende vergangenen Jahres sein Umsteigerprogramm ausgebaut.

© , Lesen Sie auch: Ryanair-Streik trifft auch Deutschland

Angesichts dessen muss man fast vom Glück im Unglück für Ryanair sprechen: Denn an Tag zwei des Streiks von Flugbegleitern in mehreren Ländern ist nicht mehr Italien involviert. Am Donnerstag sind die Kabinen-Crews in Belgien, Portugal und Spanien zum Ausstand aufgerufen. Hierfür strich der Low-Cost-Carrier ebenfalls im Vorfeld 300 Verbindungen. Welche Flüge genau betroffen sind, möchte Ryanair auf Anfrage nicht sagen. "Wir haben alle betroffenen Kunden informiert, heißt es nur.

Von: cs
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