Schiene-Straße-Luft (2) ( Gastautor werden )

So weit die Rollen tragen

03.03.2017 - 11:30 0 Kommentare

Rollkoffer werden oft zur Plage, weil ihre Besitzer häufig egozentrisch durch Flughäfen und Bahnhöfe fahren und natürliche Gewichtsbegrenzungen nicht mehr gelten, meint Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

Passagiere gehen mit ihren Rollkoffern über das Rollfeld  zu ihrem Flugzeug. - © © dpa - Bernd Wüstneck

Passagiere gehen mit ihren Rollkoffern über das Rollfeld zu ihrem Flugzeug. © dpa /Bernd Wüstneck

Das Duo Infernale der modernen Reisezeit sind Rollkoffer und Rolltreppen. Ärgerte ich mich früher nur über die oft nicht funktionierenden Rolltreppen besonders in Bahnhöfen, so nerven in den vergangenen Jahren die Rollkoffer im Transferbereich von Flughäfen oder Bahnhöfen noch mehr. Am schlimmsten sind Rollkoffer auf Rolltreppen. Gern stellt der Reisende seinen möglichst voluminösen Trolley links neben sich auf der Rolltreppe ab. Keine Überhol-Chance für eilige Pendler. Slapstickartige Szenen entwickeln sich am Ende der Rolltreppe, wenn der kofferrollende Tourist erst einmal stoppt, um sich zu orientieren, den Teleskopgriff seines Koffers auszufahren und sich wundert, warum hinter ihm laut geschimpft wird. Auflauf-Unfälle drohen und der Trolli-Blockierer empört sich, dass ihm Leute in die Hacken treten.

Vor fünf Jahren sang eine feministische Publizistin das Hohelied auf den Rollkoffer als emanzipationsfreundliches Gepäckstück. Sie lobte, dass der Trolli es Frauen ermögliche, auf Reisen das Image des hilfesuchenden Weibchens abzulegen und sich stattdessen selbstbestimmt durch die Hallen zu trollen, die die große weite Welt bedeuten. Es sei ihnen gegönnt. Aber inzwischen kommen viele Rollkoffer in Fassungsvermögen und Gewicht nah an die Ausmaße eines Gigaliners heran.

Lautete bei den historischen rollenlosen Koffern oder Reisetaschen die natürliche Beladungsgrenze "So viel ich eben tragen kann", so ist dies im Rollkofferzeitalter anderen, durchweg großzügigeren Grenzwerten gewichen. Im Kreuzfahrtschiff ist wahrscheinlich ausreichend Platz dafür. Aber die Seefahrt muss ja auch die Tradition der Luxusliner wahren, in denen die Reichen und Schönen seinerzeit mit Schrankkoffern unterwegs waren - allerdings auch mit Gesinde, das es tragen musste.

Wenn der Weekender den Trench touchiert

Beim Flugzeug sind es für das große, aufzugebende Gepäckstück in der Regel 20 Kilogramm und für den kleinen im Handgepäck durchschnittlich zehn Kilo. Werden beide nebeneinander auf dem Weg zum Gate durch die Lobby gezogen, stellen sie schon ein ordentliches Hindernis für die übrigen Passagiere dar. Wer dann in der Kabine den Handgepäck-Rollkoffer, den wir Vielflieger "Weekender" nennen, in die Ablage über den Sitzen wuchtet, sorgt für zusätzlichen Unmut: Die schmutzigen Räder touchieren den hellen Trenchcoat, der daneben liegt oder gar darunter gerutscht ist.

Minimalismus bei der Gepäckmitnahme ist jedenfalls schon lange nicht mehr gefragt. Auf Rollen lässt sich ja fast alles ziehen. Es muss nicht mehr nur konkurrenzlos billig geflogen werden, auch die Gepäckgrenzen werden gnadenlos ausgereizt. Daher scheinen die Fluggesellschaften immer mehr genervt vom mysteriösen Gepäckwachstum. Vor einiger Zeit begann Air Berlin, das Handgepäck zu wiegen. Wer wusste schon, dass es nur sieben Kilo schwer sein durfte? Ryanair beschwert sich darüber, dass Fluggäste einen Drei-Stockwerke-Rucksack, am besten mit Rollen, als "normales" Handgepäck neben dem Handtäschchen mit zum Sitz nehmen wollen. Ja, die Herrschaften wollen eben richtig sparen.

Folie zum Handgepäck-Missbrauch aus einer Ryanair-Präsentation von Anfang Februar 2017 in Berlin. Foto: © Ryanair,

Beim Fernbus dürfen zwei Rollkoffer mit zusammen 30 Kilo plus ein Handgepäckstück, also ein kleiner Rollkoffer, kostenlos mit. Die großen kommen unten rein, der kleine mit zum Sitz. Doch oft ist er leider zu groß für die Gepäckablage, oder man gebraucht ihn alle fünf Minuten - ohne Rücksicht auf die Nachbarn. Erlaubt ist auch ein Musikinstrument in Handgepäckgröße. Wichtig zu wissen: Kontrabässe, die gern in Instrumentenkoffern mit Rollen reisen, sind ausdrücklich von der Beförderung ausgeschlossen.

Dem Erfinder die Pest an den Hals

Im Fernverkehr der Deutschen Bahn ist die Gepäckfrage in den Beförderungsbedingungen detailliert geregelt. Allerdings nicht die Frage, wie groß der Gepäckraum im Zug zu sein hat. So dürfen Reisende "neben Handgepäck … ein Stück Traglast mit sich führen. Traglasten sind Gegenstände, die – ohne Handgepäck zu sein – von einer Person getragen werden können." Diese Bestimmung definierte zu Zeiten rollenloser Koffer ziemlich gut Größe und Gewicht einer Traglast, aber auch die der Gepäckablagen im Abteil. Aber heute? Hat schon mal jemand erlebt, dass diese Bestimmung im überfüllten 2.-Klasse-Großraumwagen oder an der Tür zum ICE-Großraumwagen durchgesetzt wurde? Oder dass die Ablagen in den Zügen Traglasten fassen, die dieser Bestimmung entsprechen? De facto fallen alle Schranken.

Ein Bahn-Verantwortlicher wünschte dem Rollkoffer-Erfinder jüngst die Pest an den Hals und schlug im vertraulichen Gespräch auch für IC/ICE eine Größenbeschränkung vor. Tatsächlich ist manch Trolley so groß, dass der ihn ziehende Mensch davor kaum noch zu sehen ist. Und schon finden wir am Eingang des ICE das hilfesuchende Persönchen wieder, das seinen übergroßen und -schweren Rollkoffer nicht die drei Stufen in den Zug wuchten kann und schmachtenden Blicks nach einem Kavalier der alten Schule sucht. Meist findet sich schnell einer - gezwungenermaßen, da dem "Gentleman" die fremde Traglast den Weg zum Platz erschwert oder gar komplett unmöglich macht.

© dpa, Arne Dedert Lesen Sie auch den ersten Kolumnenteil: Der Traum von einer effizienten Infrastruktur

Bezeichnenderweise sind die Ablagen in den Großraumabteilen nicht so schnell gewachsen, wie es die rollenbestückten Gepäckteile taten. Die Fächer sind – zumindest gefühlt – eigentlich eher auf einen Bruchteil der früheren Netze geschrumpft. So stauen sich freitag- und sonntagabends regelmäßig in den Gängen die Fahrgäste, die nicht (mehr) über die Anhäufungen dort lagernder Rollkoffer steigen können oder wollen. Da ist die in Teilen Berlins beklagte Geräuschentwicklung angeblich schwäbischer Rollkoffer auf preußischem Kopfsteinpflaster in Prenzelberg noch das kleinste Übel.

Nicht selten übermannt mich schadenfrohes Grinsen, wenn die Touristen mal wieder ihren 20-Kilo-Trolley die Treppe hoch tragen müssen. Nur scheint es mir in letzter Zeit, als seien die Rolltreppen meistens genau dann kaputt, wenn ausnahmsweise mal ich mit dem Rollkoffer unterwegs bin.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern.

Thomas Rietig, Journalist und Autor, Foto: rsv-presseThomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de
( Gastautor werden )
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Anzeige schalten »
  • Lufthansa baut in ihre Airbus A320neo zwölf Plätze mehr ein: 180 statt 168 Sitze passen in das neue Flugzeug. Schöne Stunden im Ledersitz

    Schiene, Straße, Luft (10) Schön, wenn man es nicht nötig hat, bei der Verkehrsmittelwahl nach dem billigsten Schnäppchen zu gucken. Da kommen auf einmal ganz andere Präferenzen ins Spiel. Verkehrsjournalist Thomas Rietig sieht Lichtblicke im Tarifdschungel.

    Vom 10.11.2017
  • Windsack Aber wehe, wenn es stürmt

    Schiene, Straße, Luft (9) Nicht nur ein Sturm macht dem deutschen Verkehr ordentlich zu schaffen. Die wahre Bewährungsprobe kommt, wenn der Wind abflaut, meint Verkehrsjournalist Thomas Rietig. Dann zeigt sich, wie gut es ist, zwischen mehreren Verkehrsträgern wählen zu können.

    Vom 13.10.2017
  • Lufthansa und Air Berlin: Entsteht bei einer Übernahme innerdeutsch ein Monopol? Ein Monopol ist das noch lange nicht!

    Schiene, Straße, Luft (8) Schluckt der Kranich die Konkurrentin? Angst vor einem Monopol auf innerdeutschen Strecken allein reicht nicht, um Lufthansa Air Berlin nicht zu gönnen, meint Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

    Vom 15.09.2017

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Flughafen BER Jobs Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »