Interview

"Oftmals ist der Plan B der bessere Plan A"

14.11.2018 - 13:38 0 Kommentare

Roger Hohl leitet den Zulieferer ACM - und ging als Chef von Intersky mit nach ganz oben und später auch nach ganz unten. Im Interview mit airliners.de spricht er über Risiken der verschiedenen Geschäfte und erklärt, wann Planungen schmerzhaft werden.

InterSky ATR72-600 - © © Intersky -

InterSky ATR72-600 © Intersky

Mit dem "Smart Belt" hat Luftfahrt-Zulieferer ACM in diesem Jahr auf sich aufmerksam gemacht. Bei genauerem Hinsehen fällt auf: Den Chef kennen wir. Denn Roger Hohl leitete jahrelang die Geschicke von Intersky. Mit der Regional-Airline ging er den Weg nach oben zum Erfolg - gefolgt vom knallharten Abstieg. Im Gespräch mit airliners.de berichtet er von Chancen und Risiken in zwei Märkten: dem der Airlines und dem der Zulieferer. Trotz aller operativen Unterschiede seien beide Segmente von einem starken Kostendruck geprägt.

airliners.de: Herr Hohl, starten wir mit einem Blick zurück - gleichzeitig wohl der früheste Jahresrückblick 2018. Das Jahr neigt sich dem Ende zu: Aus der Sicht eines mittelständischen internationalen Luftfahrt-Zulieferers war es ein gutes, oder?
Roger Hohl: Absolut. Das Jahr war geprägt von Innovation. Und die kommt in unserem Segment - der Flugzeugkabine - eigentlich sehr selten vor. Beispielsweise beim Thema Sitzgurte: Diese gibt es in unveränderter Form eigentlich seit Jahrzehnten am Markt, die Player sind eingespielt. ACM hat mit dem Smart-Belt einen Gurt entworfen, der über einen Sensor den Status - also offen/geschlossen/defekt - an die Crew übermittelt. Das System funktioniert und ist mit dem zweiten Prototypen schon fast marktreif. Jetzt arbeiten wir daran, den Gurt trotz Sensor leichter zu machen als bestehende Sitzgurten.

Sie sprachen die Konkurrenten an, die "eingespielt" seien. Zugespitzt formuliert agieren Sie also in einem Haifischbecken?
Wir reden nicht gern über Mitbewerber.

Ok, vom Markt her gefragt: Sie agieren in einer Branche, in der Player sehr fest verankert sind …
… daher sind wir auch sehr froh, dass wir trotzdem so gut Fuß fassen konnten. Beispielsweise haben wir auch ein Entwicklungsprojekt mit Ethiopian Airlines im Portfolio - der größten Airline Afrikas. Wir bringen europäisches Know-How nach Afrika, um dort eine entsprechend zertifizierte Einrichtung aufzubauen.

Entwicklungsprojekt

ACM unterstützt Ethiopian Airlines dabei, eine europäisch (EASA) zertifizierte Werkstätte aufzubauen: Diese soll die erste Einrichtung auf dem Kontinent sei, in der nach europäischen Standards Flugzeug-Inneneinrichtungen gefertigt werden. Noch in diesem Jahr soll ein Team von ACM das Gebiet vor Ort besichtigen. Darüber hinaus steht ACM in engem Austausch mit den deutschen Behörden in Äthiopien: "Wir wollen maßgeblich die Entwicklung der Industrie in dem Land beeinflussen", sagt ACM-Chef Roger Hohl.

Und da profitieren Sie davon, dass bei Ethiopian die Geschäfte gerade gut laufen ... Will sagen: In einer Rezession sind Sie doch ähnlich wie die Airbus-Zulieferer zu sehr von einigen großen Kundinnen abhängig?
Es ist absolut richtig, dass es einige Zulieferer gibt, die ein Klumpfuß-Risiko haben, sowohl in der Luftfahrt wie auch in der Automobil-Industrie. Die Marktlage als Luftfahrtzulieferer hängt einzig und allein am allgemeinen Luftfahrtmarkt und der wiederum ist stark geprägt von der globalen Marktlage. Ein altes Sprichwort besagt: 'Geht's der Wirtschaft gut, geht's uns allen gut.' Das kann sich sehr schnell ändern. Daher sind wir dankbar und glücklich, einen sehr gesunden Mix an Kunden zu haben. Unser Risiko ist aber auch dank einer klaren und breit abgestützten Diversifizierung der Sparten, in denen wir tätig sind (Engineering/Entwicklung, Produktion und Zertifizierung), verteilt.

Nichtsdestotrotz prognostiziert die Iata bis 2036 eine Wachstumsrate von fast vier Prozent jährlich. Das klang eben sehr pessimistisch bei Ihnen.
Die Prognose bezieht sich ja mehr auf zivilen Passagierverkehr. Nicht zu vergessen sind aber auch weitere Segmente des Markts, wie zum Beispiel die allgemeine Luftfahrt (Executive-Fliegerei) sowie die Sportfliegerei. Gerade im Bereich der Kleinflugzeuge beziehungsweise im Ultraleicht-Bereich sind einige Neuentwicklungen im Gang. Wir als ACM unterstützen hier mit unseren Ingenieuren aktuell mehrere solche Flugzeug-Neuentwicklungen. Solche Experimental-Entwicklungen sind spannend. Von Grund auf an einer Flugzeug Entwicklung teilhaben zu dürfen, erfüllt einen natürlich auch mit Stolz. Und dennoch hat man immer im Hinterkopf, dass jeder Trend und jede Prognose von der Realität überholt werden kann - das ist mitunter manchmal sehr schmerzhaft, wie wir alle wissen.

Und Sie besonders - denn Sie kommen von Intersky ...
Ich habe beruflich mein Leben lang nur Luftfahrt gemacht. Ich habe die Regionalfluggesellschaft Intersky von Tag eins bis zum Ende mitaufgebaut. 15 Personen bis hoch auf 200 und wieder zurück auf Null. Es war die beste Schule des Arbeitslebens, auch weil es so intensiv war, dass für mich die Grenze zwischen Beruf und Privatleben verschwamm. Leider ist Intersky Ende 2015 unter die Räder der dominanten Flagship-Carrier geraten. Als unabhängige kleine Airline ziehen Sie immer den Kürzeren - David gegen Goliath eben.

Zum Interviewpartner

Roger Hohl leitet seit 2016 die Aircraft Cabin Modification GmbH mit einem Jahresumsatz in zweistelliger Millionenhöhe und 120 Mitarbeitern an sieben Standorten (Memmingen, Hamburg, Bremen, Dubai, Bangalore, Tolouse und St. Nazaire). Davor war er 13 Jahre lang bei Intersky - zuletzt als CEO. Die Regional-Airline stellte 2015 endgültig den Betrieb ein: "Wir haben die Dominanz der großen Flag-Carrier auf die harte Tour gelernt", resümiert Hohl. "Kaum wurde eine Nischenstrecke von uns ins Programm genommen, stand sechs Monate später eine große Airline vor der Tür und ist gegen uns mit Dumpingpreisen angetreten." Das überlebe keine Regional-Airline. Der gebürtige Schweizer Hohl lebt am Bodensee. Foto: Aircraft Cabin Modification GmbH

Heißt im Umkehrschluss aber auch, dass Sie sich mit volatilen Märkten und einem schnellen Auf und Ab auskennen.
Richtig. ACM hat natürlich als Marschrichtung eine strategische Mittelfrist- und eine Langfrist-Planung mit Visionen. Meine Erfahrung zeigt, dass Planbarkeit wichtig und richtig ist, aber eben auch immer extrem schwierig. Oftmals ist ja der Plan B der bessere Plan A. Gott sei Dank schwankt es bei ACM um ein Vielfaches weniger als in meiner vorherigen Branche. Gerade die kommerzielle Luftfahrt (Linienfliegerei) ist von einem starken Kostendruck geprägt. Das spüren wir bei ACM natürlich auch - wir arbeiten ja eng mit den Airlines zusammen.

Heißt, ACM merkt sowohl Freud als auch Leid!?
Ja, wobei uns in diesem Jahr die allgemeine Marktlage, die immer positiver wurde, schon überrascht hat. Nahezu alle Großkunden im Bereich der Serienfertigung hatten im Verlauf des Jahres deutliche Zuwächse im Bestellvolumen. Das freut natürlich einerseits das Unternehmer-Herz, andererseits muss auch das Unternehmen selbst nachhaltig mitwachsen können. Das führt immer wieder zu einem Spannungsfeld, eine Herausforderung, die wir mit unserer Mannschaft beachtlich gut meistern.

Herr Hohl, vielen Dank für das Gespräch.

Von: cs
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