Jenny Jetstream (37) ( Gastautor werden )

Reisegarderobe

26.08.2014 - 11:46 0 Kommentare

Vom halbnackten Indianer bis zu Weihnachtsmännern und Osterhasen - Jenny Jetstream hat schon so einige merkwürdig bekleidete Passagiere an Bord "bewundern" können. Sie selbst plädiert für etwas mehr Geschmack und Stil, ein Flugzeug ist nun mal kein Theater.

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. - © © Fotolia.com - Illustration: Zubada

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. © Fotolia.com /Illustration: Zubada

Meine Großeltern flogen damals, in den Siebzigern, gerne nach Palma de Mallorca, stets zur gleichen Zeit im Jahr und stets in dasselbe Hotel am selben Ort. Dort war man nach zahlreichen Besuchen bekannt und fühlte sich mittlerweile wie daheim. Und stets warfen sich Oma und Opa schick in Schale, wenn es auf den Weg zum Flughafen Fuhlsbüttel ging: Oma flog immer im eleganten Kostüm, in Pumps und nie ohne ihre gute Perücke – die kam nur bei besonderen Anlässen zum Tragen! – und Opa trug selbstverständlich ein topgestärktes Hemd unter dem hellen Anzug, darüber einen Trenchcoat und einen leichten Sommerhut. So habe ich die beiden in Erinnerung und so dokumentieren das auch die Familienfotos. Zum Fliegen gewandete man sich damals adrett. Nie wäre es meinen Großeltern eingefallen, in normaler Straßenkleidung zu reisen!

Ich muss sagen, diesen Verfall der Reisegarderobe bedauere ich ein bisschen. Natürlich muss die Kleidung praktisch und bequem sein. Und sicher gibt es auf den Business-Flügen auch zahlreiche Geschäftsleute im tadellosen Anzug oder im Kostüm. Aber es gibt auch Passagiere, bei deren Anblick ich nur mit dem Kopf schütteln kann.

Zusammengehörigkeit wird bunt nach außen getragen

Über etwa zwei Dutzend junge Männer im hellblauen Plüschbademantel morgens um 6 Uhr, (ebenfalls nach Palma), konnte ich ja noch schmunzeln. Die fand ich zumindest weitaus kleidsamer als manch andere Idee eines Kegelclubs – mit „Bierkönig“ oder „Kampftrinker“ bedruckte T-Shirts, neckische kleine Schnapsfläschchen um den Hals nebst Schnuller und Sabbertuch und natürlich verrückte Kopfbedeckungen, vom neonfarbenen Sombrero bis zum Palmenflechthut. Aber Vereinsmeierei steht in Deutschland ja ganz weit vorne und selbstverständlich muss man die Zusammengehörigkeit auch bunt nach außen tragen. Tja, warum auch nicht? Das tut niemandem weh.

Die meisten Gäste machen sich um ihre Reisegarderobe aktuell herzlich wenig Gedanken. Noch nicht mal vor den gehobenen Klassen machen löchrige Jeans und abgewetzte Turnschuhe halt, erlaubt ist heutzutage, was gefällt. Fragt sich nur – gefällt das auch meinem Sitznachbarn? Muss man unbedingt in Flipflops reisen, wenn man zu arm oder zu kniepig für eine gescheite Pediküre ist? Ist ein Achselshirt in die Kategorie Unterhemd und damit mangelnde Bekleidung einzustufen oder ist das jetzt Mode? Muss ich das im Flugzeug erdulden, wohlmöglich verziert mit zwei dicken schwarzen Haarbüscheln rechts und links? Möchte ich wirklich den Brustpelz sehen, weil die obersten sechs Knöpfe eines Herrenhemdes sich offenbar nicht schließen lassen?

Zwiebellook ist angesagt

Immerhin sind das nicht die Gäste, die kurz nachdem Start nach fünf Decken rufen, weil es ihnen plötzlich zu kühl an Bord ist. Das sind eher die Damen in Hotpants und schulter- beziehungsweise bauchfreien Tops. Sie mögen ja vielleicht für manchen eine Augenweide sein, aber selbst bei Reisen in warme Länder ist diese Art der Garderobe in einem Flugzeug absolut inadäquat. Denn sie reisen nicht allein, die Temperatur in der Maschine muss etwa 300 Menschen gerecht werden und besonders an den Türen ist es immer kalt. Immer! Wohl dem also, der sich im Zwiebellook kleidet und wahlweise an- oder ablegen kann. Dann ist man auch nicht erstaunt beim Aussteigen, dass Deutschland im Januar nur mit drei Grad aufwartet – selbst wenn das Flugzeug aus der Karibik kommt.

Nun mag sich der Leser fragen, was kümmert es mich als Flugbegleiter, was die Gäste tragen und schnell kommt auch das Wörtchen Toleranz ins Spiel. Oh ja, ich bin durchaus tolerant, meinethalben kann jeder fliegen wie er lustig ist, von mir aus auch ganz nackig. Nur Pelze finde ich nicht okay, aber auch das ist meine ganz persönliche Meinung. Ansonsten habe ich schlichtweg Mitleid. Mitleid mit denjenigen, die neben diesen leicht gewandeten Menschen stundenlang sitzen müssen. Die deren Anblick und Ausdünstungen ertragen müssen, weil sie nicht ,wie ich, vorbeischreiten und entfliehen können.

Und darum bitte ich zum Beispiel Herren in grobmaschigen Netzhemden beim Einsteigen in das Flugzeug gerne darum, sich etwas überzuziehen. Einfach als nette Geste den Mitreisenden gegenüber. In der Hälfte der Fälle klappt das sogar. Die andere Hälfte hat leider nichts anderes zum Anziehen dabei, selbst dann nicht, wenn das mitgeführte Handgepäckstück in Form eines Wanderrucksackes 18 Kilo wiegt.

Mann verkleidet sich als Stewardess

Ich hatte wirklich schon viele schillernd gekleidete Menschen an Bord – zahlreiche Brautpaare, die Damen ganz in weiß mit sperrigem Reifrock, Diadem und Schleier, die Herren im Smoking oder im Frack, Horden von Fußballfans in den passenden Trikots oder kompletten Fanoutfits, bunte Kostüme zur Karnevalszeit – darunter auch ein Mann, der sich als Stewardess verkleidet hat, sehr neckisch – Weihnachtsmänner und Osterhasen, Marsupilamis und die komplette „normale“ Bandbreite, von der Designermode, über die Abendrobe, Disko Outfits, typische Landestrachten jeglicher Couleur bis zum Gammellook aus dem Altkleidersammelcontainer. Manchmal ist das Boarding besser als Kino und solange es nur bunt und glitzernd zugeht, sagt ja auch niemand etwas dagegen. Persönlicher Stil ist eben individuell und will ja auch betrachtet sein.

Allerdings findet der Ausdruck der eigenen Persönlichkeit auch Grenzen, sofern man sich in der Öffentlichkeit bewegt. Und ein Flugzeug ist durchaus ein öffentlicher Raum und kein privater Wirkungskreis. Mein Highlight in punkto ausgefallener Reisegarderobe erlebte ich auf einem Flug von Thailand nach Deutschland, als auf einmal ein „Indianer“ Einlass begehrte.

Ein weißer Mann, Ende vierzig, mit fettigen, langen blonden Haaren, verziert mit Perlenstirnband und Vogelfeder, kam in einer kurzen Fransenlederjacke zur Tür unseres Fliegers. Darunter trug er lediglich nackte Brust und um die Hüften ein winziges Stück Waschleder als eine Art Lendenschurz, ansonsten war er unbekleidet. Nur die Füße waren ebenfalls in Lederstücke gehüllt und mit Schnur umwickelt. Als Handgepäck besaß der Herr lediglich einen kleinen, schmuddeligen Fellbeutel und er roch äußerst streng. Als der diensthabende Kapitän von dem leichtgeschürzten Indianer hörte, kam er aus dem Cockpit, beäugte den Gast und forderte ihn auf, sich wenigstens eine Hose anzuziehen und die Jacke zu schließen.

Situation drohte zu eskalieren

‚Winnetou’ hatte natürlich keine Hose dabei, seine Jacke keine Knöpfe und im Übrigen sah er es überhaupt nicht ein, warum er freiheitsliebende Körperteile irgendwo hineinsperren sollte. Als der Kapitän hartnäckig auf seiner Forderung nach adäquater Kleidung beharrte, wurde der Häuptling böse und grub das Kriegsbeil aus. Er rief den Gästen, die bereits Platz genommen hatten, zu, sie sollten ihm eine Hose leihen, er dürfte sonst nicht mitfliegen. Daraufhin erwiderten die Passagiere, der Kapitän solle doch seine Beinkleider zur Verfügung stellen, wenn er unbedingt wollte, dass der Häuptling etwas anzog. Die Situation drohte zu eskalieren. Da man niemandem zumuten kann, zwölf Stunden neben einem halbnackten, odorierenden Wilden zu sitzen, und dieser auch nicht Willens war, mit uns zu kooperieren, sondern hartnäckig auf dem Kriegspfad blieb, musste er leider in Thailand bleiben.

Gemein? Hättet Ihr gerne so einen Sitznachbarn gehabt? Für zwölfeinhalb Stunden? Die persönliche Freiheit endet leider da, wo sie die anderer beeinträchtigt. Und dazu gehört auch das freiheitsliebende Auftreten einer selbsternannten Rothaut. Ein Flugzeug ist nun einmal kein Theater, sondern eine erzwungene, temporäre Gemeinschaft auf engstem Raum – auch wenn es immer wieder bühnenreife Auftritte gibt.

Wie heißt es doch so schön? Kleider machen Leute. Sicher haben sich die Zeiten bezüglich der Etikette und der Dresscodes geändert. Beim Dinnerdate, im Musical, sogar in der Oper ist ‚laissez faire’ das neue ‚chic’. Ich finde das sehr schade. Und das ganz sicher nicht nur, weil von mir erwartet wird, immer wie aus dem Ei gepellt an Bord zu stehen.

Herzliche Grüße,
Eure Jenny Jetstream

Über die Autorin

Jede Woche veröffentlicht die Flugbegleiterin, Autorin und Illustratorin Kathrin Leineweber auf airliners.de eine neue Geschichte aus dem Leben der Stewardess Jenny Jetstream in Kolumnenform. Alle "Jenny Jetstream"-Folgen lesen.

Kathrin Leineweber Kathrin Leineweber begleitet als Purser Passagiere einer großen deutschen Airline rund um den Globus und hat über Ihren Beruf mehrere Bücher veröffentlicht. Zudem schreibt und illustriert sie Kinderbücher.

Von: Kathrin Leineweber für airliners.de
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