Deutscher Vulkanasche-Sonderweg

Ramsauer verbittet sich IATA-Kritik

26.05.2011 - 15:30 0 Kommentare

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hat die Luftfahrtbranche zur schnellen Erarbeitung eines Regelwerks zum Umgang mit Vulkan-Aschewolken aufgerufen. Von Fluggesellschaften und Herstellern verlangte er klare Vorgaben statt «frecher Briefe».

Verkehrsminister Peter Ramsauer am 21.4.2010 im Bundestag in Berlin. - © © dpa, H. Hanschke -

Verkehrsminister Peter Ramsauer am 21.4.2010 im Bundestag in Berlin. © dpa, H. Hanschke

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hat von der Luftfahrtindustrie klare wissenschaftliche Aussagen zu Aschegrenzwerten gefordert und Kritik des Weltluftfahrtverbands IATA an den Flugverboten in Deutschland scharf zurückgewiesen.

Er habe einen «frechen Brief» von IATA-Chef Bisignani bekommen, sagte Ramsauer am Donnerstag in Leipzig zur Eröffnung des Weltverkehrsforums der OECD in Leipzig. Diesen Brief werde sein Ministerium nicht beantworten, so Ramsauer im Interview mit der Nachrichtenagentur dapd. Triebwerkshersteller und Fluggesellschaften seien selbst in der Pflicht, Vorgaben für klare Grenzwerte für die Aschekonzentration in der Luft zu machen

Wenn die Hersteller für das Funktionieren ihrer Triebwerke jenseits einer bestimmten Grenze keine Gewährleistung übernähmen, könnten die Airlines nicht von der Politik verlangen, dass sie sich darüber hinwegsetze. Wenn die Triebwerkshersteller den Gebrauch ihrer Produkte für Aschekonzentrationen oberhalb von zwei Milligramm pro Kubikmeter Luft nicht freigäben, «so wird das wohl seine Gründe haben», sagte der Minister.

Sicherheit habe an oberster Stelle zu stehen, wenn es um derartige Entscheidungen gehe. Diese "deutsche Sicherheitskultur" will Ramsauer nun auch auf europäischer Ebene durchsetzen. "Wir müssen dringend zu einheitlichen Handlungsweisen kommen", sagte Ramsauer. Er habe einen Brief an die ungarische EU-Ratspräsidentschaft geschrieben, das Thema in der EU auf die Agenda setzen zu lassen.

Deutscher Vulkanasche-Sonderweg

Der Minister verschweigt bei seiner Forderung nach einem einheitlichen EU-weiten Aschegrenzwert für Flugverbote allerdings, dass es in den meisten Ländern Europas bereits einen einheitlichen Grenzwert gibt. Eurocontrol, das Europäische "Vulcanic Ash Advisory Center" in London sowie etliche andere Länder haben den Grenzwert bei einheitlich vier Milligramm festgesetzt.

Deutschland geht dagegen mit seiner derzeitigen Regelung einen besonders restriktiven Sonderweg. Für den deutschen Luftraum hatte Ramsauer den Grenzwert bei zwei Milligramm Asche pro Kubikmeter Luft festgelegt. Dieser Wert sei von den Triebwerksherstellen angegeben worden, betonte Ramsauer.

Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) hatte zuvor ebenfalls deutlichen Handlungsbedarf angemahnt. "Es kann nicht sein, dass es in Europa noch keine einheitlichen Standards für Grenzwerte gibt", erklärte der ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel in Berlin. "Das ist Aufgabe der EU, hier Abhilfe zu schaffen." Andernfalls sei dies "der Nährboden für Wettbewerbsverzerrungen im europäischen Luftverkehr".

Auch die Pilotenvereinigung Cockpit kritisierte, dass es keine EU-weit einheitlichen Grenzwerte für Aschekonzentration in der Luft gebe. Das sei "kontraproduktiv", sagte Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg den Dortmunder "Ruhr-Nachrichten" vom Donnerstag. "Ein Land erlaubt das Fliegen nur auf bestimmten Strecken, das nächste verhängt ein umfassendes Verbot, andere nehmen keinerlei Beschränkungen vor. Das können wir so nicht hinnehmen." Handwerg forderte verbindliche Absprachen zwischen den Ländern.

Hintergrund: Das deutsche "Drei-Zonen-Modell"

 

  • Zone 1: Die Aschekonzentration beträgt weniger als 0,2 Milligramm Vulkanasche pro Kubikmeter Luft. Flüge sind ohne Einschränkungen erlaubt.

     

  • Zone 2: Bei einem Wert zwischen 0,2 und zwei Milligramm Asche gibt es noch einen regulären Flugbetrieb, aber mit Sicherheitsauflagen. So sind die Airlines dazu verpflichtet, ihre Flugzeuge zu überprüfen und Vorkommnisse sofort an das Luftfahrt-Bundesamt zu melden.

     

  • Zone 3: Aschewolke mit mehr als 2 Milligramm Asche pro Kubikmeter Luft. Alle Flüge sind dort grundsätzlich verboten. Ausnahmen bestehen in dieser Zone für Rettungsflüge, Einsatzflüge von Militär und Polizei sowie Messflüge. Auch Flugzeuge mit Kolbenmotoren dürfen noch in die Luft gehen. Ebenso können Flugzeuge mit Turbinenantrieb bei einem Wert von 2 bis 4 Milligramm noch fliegen - vorausgesetzt, der Triebwerkshersteller lässt das zu und die Airline hat eine Risikoanalyse gemacht.

     

Auf europäischer Ebene sind Eurocontrol und das Vulkanasche-Zentrum weniger streng: So beginnt die Flugverbotszone in ihrem Modell erst bei vier Milligramm Asche pro Kubikmeter Luft. Die Zwischenzone mit Auflagen liegt zwischen zwei und vier Milligramm.

Von: airliners.de mit dpa, dapd, AFP
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