Jenny Jetstream (38) ( Gastautor werden )

Post vom Passagier

02.09.2014 - 11:35 0 Kommentare

Natürlich gehen auch an Jenny Jetstream Beschwerden nicht vorbei. Obwohl sie sich gar nicht immer so sicher ist, warum genau sie dazu Stellung nehmen soll.

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. - © © Fotolia.com - Illustration: Zubada

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. © Fotolia.com /Illustration: Zubada

Als ich genau drei Monate als Flugbegleiterin unterwegs war, erhielt ich damals folgenden Brief von der Kabinenleitung:
„Bitte nehmen Sie Stellung zur beigefügten Passagierbeschwerde!“
...das Flugpersonal war total unfreundlich, am Strand befanden sich keine Palmen und wir mussten schon morgens um 6 Uhr ein Handtuch auf eine Liege legen, sonst waren alle besetzt! Wir fordern ...

Ich war entsetzt und sehr betroffen. Unfreundliches Bordpersonal? Dabei war ich doch hochmotiviert, voller Elan und mir keiner Schuld bewusst! Wie sollte ich denn zu dieser pauschalen Beschwerde Stellung nehmen? Und überhaupt – was konnte ich dafür, dass keine Palmen am Strand wuchsen?

Die Beschwerdestrategie der deutschen Urlauber war mir frisch im Job noch nicht klar. Über die Jahre habe ich verstanden, dass es tatsächlich Gäste gibt, die enttäuscht sind, wenn sie am Urlaub nichts auszusetzen finden. Denn dann können sie sich hinterher nicht beschweren und versuchen, den Reisepreis zu drücken. Das scheint bei manchen Menschen ein neuer Sport geworden zu sein.

Was zu meckern gibt es immer

Wenn man eine Reise akribisch unter die Lupe nimmt, gibt es immer etwas zu meckern, man muss nur lang genug danach suchen. An Bord eines Flugzeuges ist es relativ einfach, etwas zu finden: Der Platz ist nicht am Fenster oder nicht am Gang, er ist zu weit weg von den Toiletten oder aber zu dicht dran, reserviert war sowieso ein ganz anderer, das Sandwich ist zu hart oder zu weich, das Auswahlessen natürlich vergriffen, der Tomatensaft schmeckt muffig, das Lektüreangebot ist unbefriedigend oder gar nicht vorhanden, die Filmauswahl unzumutbar, es ist zu warm, zu kalt oder zu stickig in der Kabine und der 25 Kilogramm schwere Schrankkoffer wurde unverschämterweise in den Frachtraum geladen, obwohl der sonst immer als Kabinenhandgepäck durchgeht.

Sitznachbarin roch zu sehr nach Parfüm

Vielleicht hat der Vordermann die Rückenlehne auf die Knie knallen lassen, ohne vorher zu warnen, nach der Stewardess musste drei Mal geklingelt werden und dann war auch noch die Fanta, die man bestellen wollte, alle. Auf meiner letzten Reise beschwerte sich eine Dame bei mir, dass ihre Sitznachbarin zu sehr nach Parfüm roch – gegen extreme Gerüche sei sie allergisch. Im Prinzip sind das alles Kleinigkeiten, aber in der Summe nerven sie eben doch.

Nörgler gibt es leider viele, gerade die Deutschen scheinen einen latenten Hang zur Beschwerdeführung zu haben. Was ich besonders schade finde: Mit Kritik ist man immer schnell dabei, etwas Nettes zu sagen muss dahingegen unglaublich schwer sein. Schließlich ist ein netter Service, ein besonderes Betüddeln und ein spontaner Einsatz im Notfall ja eine mitgekaufte Dienstleistung.

Ab und zu kommt auch mal ein Dankschreiben

Aber tatsächlich gibt es auch Gäste, die sich positiv an ihre Reise erinnern. Die uns beim Aussteigen wissen lassen, dass sie sich an Bord gut aufgehoben gefühlt haben. Für jemanden, der in drei Tagen schon mal bis zu 2700 Gäste zum Beispiel auf die Balearen hin und zurück begleitet hat, fühlt sich das großartig an. Und ab und zu kommt auch schon mal ein Dankschreiben für einen besonderen Einsatz bei einem medizinischen Notfall, für eine liebevolle Betreuung bei „Flugangst-Patienten“, für die tatkräftige Unterstützung der siebenköpfigen Großfamilie oder einfach nur für die nette Begleitung. Herzerwärmend war eine klein bekritzelte Spucktüte, die uns am Ende eines Langstreckenfluges in die USA, diskret zugesteckt wurde.

„Liebe Flugbegleiter! Mein Mann und ich sind im Jahr vier, fünf Mal im Urlaub und fliegen auch dienstlich sehr viel. Heute sind wir beide das erste Mal mit Ihrer Gesellschaft unterwegs und äußerst positiv überrascht. Ein perfekter und sehr großzügiger Service, sehr freundliche und engagierte Flugbegleiter. Sie sollen es als erste erfahren, darum dieser unkonventionelle Weg. Natürlich werden wir unsere Meinung auch an die Fluggesellschaft schicken. Meistens wird von den Gästen nur geschimpft und ein Lob oft vergessen. In diesem Sinne,
Ihre Gäste von 18 A/C“

Von benutzten Spucktüten ist man als Flugbegleiter in der Regel ja wenig begeistert. In diesem Fall war sie jedoch ein Highlight!

Herzliche Grüße,
Eure Jenny Jetstream

Über die Autorin

Jede Woche veröffentlicht die Flugbegleiterin, Autorin und Illustratorin Kathrin Leineweber auf airliners.de eine neue Geschichte aus dem Leben der Stewardess Jenny Jetstream in Kolumnenform. Alle "Jenny Jetstream"-Folgen lesen.

Kathrin Leineweber Kathrin Leineweber begleitet als Purser Passagiere einer großen deutschen Airline rund um den Globus und hat über Ihren Beruf mehrere Bücher veröffentlicht. Zudem schreibt und illustriert sie Kinderbücher.

Von: Kathrin Leineweber für airliners.de
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