Politik fordert von Lufthansa Kulanz bei Air-Berlin-Tickets

19.10.2017 - 11:25 0 Kommentare

Wenn Air Berlin Ende des Monats den Betrieb einstellt, ergibt sich auf vielen Strecken ein Monopol. Nach dem Willen von Bundesjustizminister Heiko Maas soll Lufthansa daher die sonst verfallenen Tickets akzeptieren. Auch die Empörung über die Gehaltsgarantien für den Air-Berlin-Chef ist groß.

Ein Logo der Lufthansa zwischen Logos der Air Berlin Mitte Oktober 2017 am Flughafen Berlin-Tegel. - © © dpa - Ralf Hirschberger

Ein Logo der Lufthansa zwischen Logos der Air Berlin Mitte Oktober 2017 am Flughafen Berlin-Tegel. © dpa /Ralf Hirschberger

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hat die Lufthansa nach dem Erwerb großer Teile von Air Berlin zu Kulanz aufgefordert. "Es sollte im eigenen Interesse der Lufthansa liegen, sich jetzt möglichst kulant gegenüber den Kunden zu zeigen, und Air-Berlin-Tickets auf den von ihr übernommenen Strecken zu akzeptieren", sagte Maas den Zeitungen der "Funke Mediengruppe". Dies wäre ein wichtiges Signal, um Kundenvertrauen nicht zu verlieren.

Ähnlich äußerte sich der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Klaus Müller: "Viele tausend Air-Berlin-Kunden werden von ihrem Geld nichts mehr wiedersehen. Die Lufthansa sollte sich großzügig zeigen und Air-Berlin-Kunden die Gebühren für bereits gebuchte Tickets erstatten."

Lufthansa oft einzig verbleibender Anbieter

Die Lufthansa übernimmt lediglich die Air-Berlin-Töchter LGW und Niki. Ein Großteil der Air-Berlin-Routen entfällt damit zukünftig ersatzlos. Wer vor der Insolvenz ein Ticket für einen Flug gekauft hat, der nun zum Winterflugplan entfällt, muss sich an den Insolvenzverwalter wenden. Passagiere stehen in der Reihe der Gläubiger aber ganz hinten.

Damit verfallen viele Tickets ersatzlos. Da Air Berlin zum Winterflugplan den Betrieb einstellt und Lufthansa lediglich einige wenige Routen der zwei erworbenen Töchter übernimmt, fallen automatisch tausende Flüge zunächst ersatzlos aus.

© AirTeamImages.com, TT Lesen Sie auch: Auf diesen Air-Berlin-Strecken droht ein Lufthansa-Monopol Analyse

Auf vielen Routen verbleibt dann aktuell nur Lufthansa oder die Lufthansa-Tochter Eurowings als einziger Anbieter. Entsprechend wenig Kapazität steht zur Verfügung, was automatisch eine höhere Nachfrage und ein schnelles Vollaufen der günstigeren Tarife bei den zwei verbleibenden Lufthansa-Airlines zur Folge hat.

Große Empörung über Gehaltsgarantien für Winkelmann

Derweil hält auch die Empörung über die Gehaltsgarantie für Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann hält an. Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) sagte, die Abfindung sei durch ein "krasses Missverhältnis von Leistung und Gegenleistung" geprägt. "Es kann nicht sein, dass Risiken innerhalb eines Unternehmens derart ungleich verteilt sind", sagte die Politikerin der "Schwäbischen Zeitung".

Winkelmann war im Februar vom Lufthansa-Konzern nach Berlin gekommen. Für den Manager war laut Geschäftsbericht von Air Berlin vereinbart worden, dass er auch im Falle einer ordentlichen Kündigung sein Grundgehalt von 950.000 Euro im Jahr bis Anfang 2021 bekommt. Für das erste Jahr wurde zudem ein Mindestbonus von 400.000 Euro festgesetzt. Die Zahlungsverpflichtungen wurden durch eine Bankgarantie von bis zu 4,5 Millionen Euro abgesichert.

Air Berlin wies die Kritik zurück. Das Geld für die Bankgarantie für das Winkelmann-Gehalt sei vom Großaktionär Etihad gestellt worden und gehe nicht zulasten der Insolvenzmasse der Air Berlin. Durch die Garantie habe Etihad Winkelmann als erfahrenen Manager für vier Jahre binden und die Sanierungsbemühungen langfristig unterstützen wollen.

Wirtschaftspolitiker gehen von Untersuchungen aus

Der CDU-Wirtschaftspolitiker Christian von Stetten sagte dem "Handelsblatt", er gehe davon aus, dass der gesamte Komplex der Übernahme von Air Berlin durch die Lufthansa "zu einem späteren Zeitpunkt noch mal untersucht wird". Er vermute, dass "einiges im Vorfeld abgesprochen" worden sei, das dem Wettbewerb "nachträglich schaden" werde.

Von Stetten kritisierte vor diesem Hintergrund das SPD-geführte Bundeswirtschaftsministerium und erhielt dafür Unterstützung vom Vorsitzenden der CSU-Mittelstands-Union, Hans Michelbach. Das "anhaltende Schweigen" von Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) zu der Entwicklung sei nicht hinnehmbar, sagte Michelbach. Es sei eine rasche Untersuchung erforderlich.

Der CSU-Politiker sprach auch von "Fragen ethischer Natur", dazu gehöre die Gehaltsgarantie für Winkelmann. Er habe den Posten zu einem Zeitpunkt übernommen, "als bereits erhebliche berechtigte Zweifel an einer wirtschaftlich erfolgreichen Zukunft von Air Berlin bestanden". Während Winkelmann aber umfassend gegen Risiken abgesichert worden sei, gingen viele Mitarbeiter und Kunden nach der Air-Berlin-Insolvenz leer aus. Dieses Ungleichgewicht stärke nicht das "Vertrauen in unsere Wirtschaftsordnung".

© dpa, Lesen Sie auch: Spohrs Pläne für Air Berlin

"Die Raffke-Mentalität des Vorstandsvorsitzenden von Air Berlin ist erschreckend. In einer Situation, in der Tausende Mitarbeiter vor der Arbeitslosigkeit stehen, ist das einfach nur asozial", sagte der neue SPD-Fraktionsgeschäftsführer Carsten Schneider der "Welt". FDP-Präsidiumsmitglied Michael Theurer sprach von einem "skandalösen Verhalten" Winkelmanns, das die Fundamente der sozialen Marktwirtschaft untergrabe. Der Grünen-Verkehrsexperte Oliver Krischer sagte der "Welt": "Solche langjährigen Verträge bei angeschlagenen Firmen gehen gar nicht. Als Air-Berlin-Beschäftigter wäre ich jetzt ziemlich sauer."

Kein Geld für Transfergesellschaft

Für eine Transfergesellschaft suchen die Verantwortlichen bei Air Berlin in der Tat immer noch Geldgeber. "Die Kosten liegen im zweistelligen Millionenbereich", sagte ein Air-Berlin-Sprecher am Mittwoch. "Die genaue Summe hängt von der Mitarbeiterzahl ab." Bislang wollen sich Air Berlin und die Länder Berlin und Nordrhein-Westfalen an einer Transfergesellschaft beteiligen. Die

Lufthansa winkte eine Beteiligung dagegen ab. Eine Sprecherin verwies darauf, dass der Konzern bis zu 3000 der etwa 8000 Beschäftigten einstellen will. Eine Beteiligung an einer Transfergesellschaft nicht in Betracht, hieß es. Zuvor hatten Gewerkschaften und Politik auch Lufthansa als Käufer aufgefordert, sich an einer Übergangslösung für von Arbeitslosigkeit betroffene Air-Berlin-Mitarbeiter zu beteiligen.

NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann forderte, die beteiligten Firmen müssten "zumindest die Kosten für die Sozialversicherungsbeiträge tragen": Der CDU-Politiker sagte der "Rheinische Post", das entspreche einem Anteil von etwa 40 Prozent der Lohnkosten. "Die Bundesagentur für Arbeit würde das Transferkurzarbeitergeld in Höhe des Arbeitslosengeldes zahlen."

© dpa, Paul Zinken Lesen Sie auch: Transfergesellschaft für Air-Berlin-Mitarbeiter rückt in greifbare Nähe

"Es geht vor allem darum, Zeit zu gewinnen, um die ehemaligen Beschäftigten der Airline an andere Arbeitgeber zu vermitteln", umschrieb Verdi-Bundesvorstandsmitglied Christine Behle die Aufgabe der Transfergesellschaft. "Jobbörsen, wie sie bereits stattfinden, sind auch hilfreich, lösen aber alleine das Problem nicht." Auch nach dem Geschäftsabschluss mit der Lufthansa drohe "Tausenden Airberlinern" die Arbeitslosigkeit, warnte Behle.

Unterdessen ziehen sich die Verhandlungen mit Easyjet hin. Das britische Unternehmen will 25 Flugzeuge in Berlin-Tegel stationieren und hat dafür Interesse an einem teil der Operations vor Ort. Bis Freitag werden auch noch Bieter für die Techniksparte der Air Berlin gesucht. Das Air-Berlin-Management will die Gläubiger am Dienstag nächster Woche über Käufer entscheiden lassen. Zeitdruck besteht zudem, weil Air Berlin zum Monatsende das Geld ausgeht.

Von: dh mit dpa, AFP
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