Beruf & Karriere Sozialdumping macht den Traumberuf Pilot zum Albtraum

27.04.2015 - 16:04 0 Kommentare

Leiharbeit und Nullstunden-Arbeitsverträge: Airlines denken sich neue Beschäftigungsverhältnisse für Piloten aus, um Geld zu sparen. Das ist rechtlich legal - macht die Karriereplanung für viele Piloten aber zum Glücksspiel.

Cockpit eines A320-Full-Flight-Simulators - © © LFT -

Cockpit eines A320-Full-Flight-Simulators © LFT

Gutes Image, sehr gute Bezahlung: Pilot zu werden galt lange Zeit als erstrebenswert. Das ändert sich derzeit jedoch. Dass Pilot nicht mehr unbedingt ein Traumjob sein muss, verdeutlichen aktuell die zahlreichen Streiks der Lufthansa-Piloten. Auch wenn dieser Tarifstreit von vielen als Luxusproblem wahrgenommen wird, sollte sich jeder Pilotenanwärter mit wirtschaftlichen Fragen beschäftigen.

Denn zumindest in Deutschland ist der Bedarf an Piloten gesättigt. Die nicht selten weit über hunderttausend Euro teure Ausbildung zum Verkehrsflugzeugführer kann da schnell zu einem persönlichen Finanzdesaster mit Folgen für die weitere Lebensplanung werden. Wer die teure Ausbildung dennoch nicht scheut, muss sich zumindest am Anfang der Karriere nicht selten mit Arbeitslosigkeit oder atypischen Beschäftigungsverhältnissen herumschlagen.

Krankheiten oder Urlaub sind nicht vorgesehen

Einer, der das am eigenen Leib erfahren hat, ist Erik Fengler. Eineinhalb Jahre ist der Co-Pilot auf einer Boeing 737 für die irische Ryanair durch ganz Europa geflogen, seine Heimatstationen waren unter anderem im rheinischen Weeze und im italienischen Bergamo. Geld hat Fengler nur erhalten, wenn er tatsächlich geflogen ist: Krankheiten oder Urlaub waren nicht vorgesehen, denn offiziell war der First Officer sein eigener Chef, zusammen mit einigen anderen Piloten Geschäftsführer einer irischen Limited-Gesellschaft, die über eine Zwischenfirma ihre Dienstleistungen für den erfolgreichen Billigflieger erbringt.

Auch wenn der junge Offizier noch nicht einmal wusste, wo er genau seine Steuern zahlen sollte, war rechtlich alles legal. Es gibt noch weitere Modelle wie die klassische Leiharbeit oder sogenannte Nullstunden-Arbeitsverträge für Piloten, die dann keinerlei Grundgehalt erwarten dürfen. In einer Studie der Universität Gent, zu der im vergangenen Jahr rund 6600 europäische Piloten befragt wurden, schilderten 16 Prozent, dass sie in atypischen Beschäftigungsverhältnissen arbeiten.

Atypische Beschäftigungen typisch für Lowcost-Airlines

Besonders häufig komme das in den Cockpits der Air Berlin Group, Openskys, XL-Airways, Norwegian, Ryanair, Sunexpress und Wizz Air vor, so die Studie. Die Anzahl der direkt eingestellten Piloten liege bei allen genannten Fluggesellschaften bei unter 50 Prozent. Besonders hoch ist der Anteil der nicht direkt angestellten der Studie nach in der Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen, also bei den Berufsanfängern.

Fengler hat in guten Monaten 5000 Euro verdient, und war damit Welten vom Einkommen der Lufthansa-Kapitäne entfernt, die brutto locker auf das Vierfache kommen und zudem umfangreich in Urlaub, Krankheit, Vorruhestand und Rente abgesichert sind. Die Gesellschaft Wizz Air wies die Vorwürfe jedoch zurück. Man arbeite nicht mit Nullstunden-Verträgen und "pay-to-fly"-Regelungen. Die Studie basiere bezogen auf Wizz auf falschen Angaben.

Auch die Air Berlin Group nahm zu der Studie Stellung: "Bei Air Berlin und den dazugehörigen Tochterunternehmen Niki und Belair sind mit dem heutigen Stand alle Piloten direkt und unbefristet angestellt." Im vergangenen Jahr sei die Beschäftigung der Niki-Piloten über eine externe Gesellschaft gelaufen. Seit dem 1. Januar 2015 sei dies aber nicht mehr der Fall, so ein Sprecher. Die Studienergebnisse aus 2014 würden deshalb "auf die aktuelle Beschäftigungssituation der Air Berlin Group" nicht zutreffen.

© dpa, Roland Weihrauch Lesen Sie auch: Das verdienen Lufthansa-Piloten - Bestverdiener im Cockpit

Europäische Pilotenverbände schätzen die Lage vieler Piloten bei Lowcost-Airlines allerdings in der Tat dramatisch ein: Die Billigflieger seien die wichtigsten Treiber im "unfairen Wettbewerb von innen", wie Dirk Polloczek vom europäischen Pilotenverband ECA das nennt. Es sei klar, dass junge Piloten ihre Jobs künftig fast ausschließlich bei Lowcost-Airlines und zu ungesicherten Bedingungen finden würden, sagte er auf dem Verkehrspilotentag in Frankfurt.

Die Erosion der sozialen Standards in der Branche sei auch bei Flugbegleitern und Bodenpersonal bislang nicht aufzuhalten gewesen, die Politik greife aber nicht ein. Dabei brauche es dringend einheitliche Sozialvorschriften für den Luftverkehr in ganz Europa. Der nächste Schritt könnte nach dem Vorbild der Schifffahrt das "Ausflaggen" der einzelnen Flugbetriebe in Länder mit besonders niedrigen Sozialstandards sein, sagt Polloczek.

Unsichere Beschäftigungsverhältnisse als Sicherheitsrisiko

Besonders erfindungsreich beim sozialen und steuerrechtlichen Optimieren zeige sich der Billiganbieter Norwegian, kritisiert auch der Verdi-Luftverkehrsexperte Robert Hengster. Für ihre USA-Flüge haben die Norweger eine Fluggesellschaft in Irland gegründet, die ihre 787-Dreamliner-Jets an die Muttergesellschaft verleast und das Personal in Asien zu dortigen Bedingungen rekrutiere. Die irische Zulassung ist derzeit nur vorläufig und bei den Amerikanern gibt es Bedenken, der Norwegian auf dieser Grundlage Landerechte einzuräumen.

Die prekären Beschäftigungsverhältnisse bergen auch Sicherheitsrisiken, warnen die Pilotenverbände. Schließlich müssten scheinselbstständige Piloten um ihre Aufträge und damit um ihre Existenz fürchten, wenn sie kostenträchtige Entscheidungen für mehr Sicherheit träfen. Das beginne damit, wie viel Sprit für eine bestimmte Strecke an Bord genommen werden muss oder wie zuverlässig die eingeteilte Crew unmittelbar vor dem Abflug eingeschätzt wird.

© airteamimages.com, JPC van Heijst Lesen Sie auch: Europäische Pilotenvereinigung warnt vor gefährlichem Veränderungsprozess

"Die Entscheidungen fallen in den Büros der Fluggesellschaften, nicht mehr in den Cockpits", sagt VC-Vorstandsmitglied Jim Phillips, selbst Kapitän. Eigentlich sollten in Sicherheitsfragen die Piloten das letzte Wort haben, doch fast die Hälfte schilderte in der Genter Umfrage, dass sie in diesen Fragen die Airline-Vorgaben nicht abändern könnten. Phillips erzählt von einem Piloten, der die Fracht in seinem Laderaum kontrollieren wollte. Als ihm das von der Spedition verweigert wurde, ließ er die Kisten ausladen und verlor in der Folge seinen Job.

Solche Extreme sind zwar glücklicherweise noch die Ausnahme, und gerade Lufthansa gilt immer noch als guter Arbeitgeber. Nur neue Piloten sucht die größte deutsche Fluggesellschaft derzeit nicht. Es sind keine Stellen ausgeschrieben, und auch die Flugschule bildet aktuell keine neuen Piloten aus.

© dpa, Armin Weigel Lesen Sie auch: Der Germanwings-Absturz kratzt am Mythos Pilot

Von: airliners.de, dpa
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