Falschinformation oder berechtigte Warnungen?

Piloten-Demos gegen Flugdienstzeiten

22.01.2013 - 15:12 0 Kommentare

Piloten und Flugbegleiter demonstrieren heute europaweit gegen eine geplante Neuregelung der Flugdienstzeiten. Die Industrie wirft den Initiatoren gezielte Falschinformation vor. Die Gewerkschaften vermischten ihr Interesse an besseren Arbeitsbedingungen mit der Frage der Sicherheit.

Flugpersonal demonstriert am 22.01.2013 auf dem Flughafen in Frankfurt am Main.

Flugpersonal demonstriert am 22.01.2013 auf dem Flughafen in Frankfurt am Main.
© dpa - Fredrik von Erichsen

Kapit

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© AirTeamImages.com - JPC van Heijst

Piloten und Flugbegleiter laufen derzeit Sturm gegen eine von der EU geplante Vereinheitlichung der Flugdienstzeiten, die ihrer Ansicht nach die Flugsicherheit gefährden. Jetzt melden sich auch die Fluggesellschaften öffentlich zu Wort, die bislang den Pilotengewerkschaften die Deutungshoheit über die von der EASA geführte Neuregelungen in der Öffentlichkeit überlassen hatten.

In einem gemeinsamen Statement warfen die Association of European Airlines (AEA), die European Regions Airline Association (ERA) sowie die International Air Carrier Association (IACA) gestern den Pilotengewerkschaften das gezielte "Streuen von Falschinformationen" vor.

Anders als von den Piloten suggeriert, bekäme die EU mit der Neuregelung eine der striktesten Flugdienstzeitregularien der Welt. Die geplante Neuregelung beinhalte sogar Elemente, die mehr Restriktionen für die Fluggesellschaften bedeuteten. Anders als von den Piloten behauptet würden Fluggesellschaft niemals die Sicherheit aufs Spiel setzen.

Auch der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) unterstützt die geplante Neuregelung der Flug- und Ruhezeiten. Der BDL könne die Aufregung der Gewerkschaften nicht nachvollziehen, teilte der deutsche Luftfahrt-Dachverband heute mit. Für Europas Piloten würden in Zukunft noch begrenztere Flugdienstzeiten und noch ausgedehntere Ruhezeiten gelten.

Es sei eine Verunsicherung der Passagiere, "wenn gewerkschaftliche Wünsche in der Öffentlichkeit als neutrale Sicherheitsstandards propagiert werden". Weil es um Sicherheit geht, sei es wichtig, dass eine unabhängige Stelle die Standards setzt und nicht gewerkschaftliche oder wirtschaftliche Interessenvertreter.

Der Vorstoß der Industrie kommt nicht zufällig. Piloten und Flugbegleiter demonstrieren heute europaweit gegen die geplante Neuregelung der Flugdienstzeiten. Die Europäische Cockpitvereinigung (ECA) hat Aktionen in mehr als 20 europäischen Städten organisiert. In Deutschland ist die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) gegen die geplanten Neuregelungen aktiv.

Am Frankfurter Flughafen machten rund 200 Piloten und Kabinenangestellte auf die Gefahren durch Übermüdung von Flugbesatzungen aufmerksam, indem sie Schilder mit Bildern von Flugzeugabstürzen durch die Check-In-Halle trugen und sich zum Ausruhen auf den Boden legten.

Die Piloten-Gewerkschaften kritisieren vor allem die geplante maximal mögliche Dauer Flugeinsätzen. Die Vorschläge der Europäischen Agentur für Flugsicherheit würden in zentralen Punkten den wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten 25 Jahre widersprechen, was die Leistungsfähigkeit des menschlichen Organismus angeht.

VC-Präsident Ilja Schulz wirft der EASA sogar lapidar Versagen vor. Sie habe den Wünschen der Fluggesellschaften zu weit nachgegeben und Kostenargumente vor die Passagiersicherheit gestellt: "Die Behörde ist beratungsresistent und hat die Chance verpasst, die Flugdienstzeiten auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse sicher zu gestalten."

Dabei hatte die EASA bei der Ausformulierung der neuen Regelungen die Wissenschaft durchaus bemüht (Möbus-Report, s.u.). Als Ergebnis sollen bei der Planung der Dienstzeiten zukünftig unter anderem die Berücksichtigung individueller Belastungen stärker im Fokus stehen, da die notwendigen Ruhepausen sehr individuell sind und sich vor allem auch aus dem ganz speziellen Dienstplan eines Mitarbeiters ableiten.

Wie genau die Berücksichtigung geschieht ist Teil des Streits. So sehen die Piloten selbst die von der EASA geplante Einführung eines verbindlichen "Fatigue Risk Management Systems" bei der Planung der individuellen Dienstpläne kritisch. Der Ansatz sei zwar nicht grundsätzlich falsch, sagte VC-Pressesprecher Jörg Handwerg in einem Interview mit airliners.de: "Wir haben nur Befürchtungen, dass Airlines dieses System in erster Linie für ihre eigenen Zwecke nutzen werden."

Die EU-Kommission, die im Frühling einen Gesetzesvorschlag auf Grundlage der EASA-Position präsentieren will, wies die Kritik zurück. "Der Vorschlag ist ausgewogen und garantiert ein höchstes Sicherheitsniveau." Wenn die EU-Kommission ihren Gesetzesvorschlag gemacht hat, werden EU-Staaten und Europaparlament darüber beraten. Entschlüsse könnten im Herbst fallen.

Links:

Von: airliners.de mit dpa
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