Passagiere senden widersprüchliche Klima-Signale

11.06.2019 - 09:01 0 Kommentare

Fluggesellschaften sehen sich widersprüchlichen Signalen ausgesetzt, was ihren Kunden der Klimaschutz wirklich wert ist. In Umfragen wollen viele verzichten, während kaum einer CO2-Emissionen kompensiert. Jetzt plant die Regierung eine neue Steuer.

Zwei Passagiere sitzen zwischen Motivwänden am Frankfurter Flughafen. - © © dpa - Frank Rumpenhorst

Zwei Passagiere sitzen zwischen Motivwänden am Frankfurter Flughafen. © dpa /Frank Rumpenhorst

Im Kampf gegen den Klimawandel zeigt sich eine Mehrheit der Deutschen gewillt, auf kurze Flüge zu verzichten - jedenfalls auf dem Papier. In einer Umfrage gab eine deutliche Mehrheit an, für den Klimaschutz deutlich mehr für Flugtickets zu bezahlen bereit wären.

Allerdings nutzen Fluggäste kaum die heute bereits mögliche freiwilligen Möglichkeiten zur CO2-Kompensationen für Flüge. Fluggäste der Lufthansa gleichen sogar immer seltener ihren CO2-Ausstoß aus. Wie die "Welt am Sonntag" unter Berufung auf die Ökobilanz der Fluglinie berichtete, brach die Summe der freiwilligen Kompensationsleistungen im vergangenen Jahr sogar ein: Die CO2-Kompensation betrug demnach 2018 nur noch rund 6500 Tonnen, im Vorjahr waren es noch fast 17.000. Die Kompensationsleistungen gingen von rund 333.600 Euro auf 127.400 Euro zurück.

Dem Bericht zufolge ist ein Grund für den Rückgang, dass die Lufthansa-Tochter Airplus ihr Angebot einer speziellen Kreditkarte für Firmenkunden einstellte. Mit der Karte namens "Carbon Offset" konnten Unternehmen bei der Bezahlung des Fluges automatisch die Emissionen ausgleichen lassen und entsprechend mehr zahlen. "Das Produkt wurde für Neukunden Ende 2014 eingestellt und lief für Bestandskunden im Laufe des Jahres 2018 aus", sagte ein Airplus-Sprecher der Zeitung.

Airplus warnte allerdings vor falschen Schlussfolgerungen aus den Daten. Die Nachfrage nach detaillierten "Green Reports" zu Firmenflügen, mit denen die Unternehmen detailliert nachvollziehen könnten, wie viel klimaschädliche Gase ausgestoßen wurden, sei vergangenes Jahr gestiegen. Damit könnten Firmenkunden individuell bei anderen Dienstleistern für Ausgleichsmaßnahmen zahlen.

Widersprüchliche Signale von der Kundschaft

Dennoch spricht der winzige Anteil der Privatkunden, die den Klimagasausstoß ihre Flüge kompensieren, eine recht deutliche Sprache. Zwar gibt es seit Jahren neben den Angeboten der Lufthansa in Kooperation mit Myclimate auch noch andere Anbieter, aber auch dadurch bleibt der Anteil der kompensierenden Flugreisenden sehr gering.

Gleichzeitig sind der eingangs erwähnten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov für die Deutsche Presse-Agentur drei von vier Erwachsenen (74 Prozent) persönlich bereit, auf Kurzstreckenflüge zu verzichten. 63 Prozent würden zudem "deutlich" weniger Fleisch essen, 56 Prozent das Auto in Innenstädten stehen lassen.

© airliners.de, Lesen Sie auch: So verschieden sind die Emissionsdaten in Klimavergleichen Hintergrund

Die Hälfte der Deutschen fände es demnach auch akzeptabel, wenn Tickets für Flugreisen deutlich mehr kosteten als bisher. Bei den Spritpreisen sieht das schon anders aus, nur gut jeder Vierte (27 Prozent) würde eine deutliche Verteuerung in Kauf nehmen. Deutlich höhere Preise für Fleisch fände gut jeder Zweite (52 Prozent) in Ordnung, wenn es der effektiven Begrenzung des Klimawandels und einer nachhaltigen Agrarpolitik dient. Wenig Toleranz zeigen die Bürger bei Strompreisen. Deutlich mehr für Ökostrom würden der Umfrage zufolge nur 20 Prozent bereitwillig zahlen.

Große Koalition diskutiert CO2-Bepreisung

Union und SPD streiten derzeit über den richtigen Weg, Deutschland beim Klimaschutz wieder auf Kurs zu bringen. Im Gespräch ist ein sogenannter CO2-Preis, der den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) verteuert - und damit klimafreundliche Technologien fördert. Unter anderem Benzin und Heizöl würden damit teurer werden. Befürworter des CO2-Preises wollen, dass das Geld den Bürgern wieder zugute kommt, als Rückzahlung pro Kopf oder über Entlastungen an anderer Stelle.

Eine Gruppe innerhalb der CDU hat sogar bereits einen detaillierten Vorschlag für eine neue Klimaschutzpolitik vorgelegt. Die liberale Union der Mitte empfiehlt einem Medienbericht zufolge in ihrem Konzept mit dem Titel "Ohne Pillepalle: Klimaschutz - einfach machen" die Einführung einer "allgemeinen CO2-Abgabe" und Entlastungen an anderer Stelle, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.

© dpa, Gero Breloer Lesen Sie auch: Politik streitet nach EU-Wahl um die Einführung einer Kerosinsteuer

Nach den Vorstellungen der Union der Mitte soll eine CO2-Abgabe anfangs bei 60 Euro pro Tonne CO2 liegen und bis 2030 kontinuierlich auf 120 Euro angehoben werden. Die Bundesregierung soll auf EU-Ebene eine einheitliche Lösung "zur CO2-orientierten Besteuerung von Flugbenzin (Kerosin) und Schiffsdiesel" anstreben. Die Kfz-Steuer soll für Autos mit weniger als 1800 Kubikzentimetern Hubraum gesenkt werden und für Fahrzeuge mit größeren Motoren erhöht werden.

Unions-Fraktionschef dringt auf EU-Ansatz

Mit Blick auf die Debatte über teureres Fliegen sagte Fraktionschef Brinkhaus: "Wenn jemand jetzt zusätzlich eine Kerosinsteuer einführen wollte, könnte man das meiner Ansicht nach nur auf europäischer Ebene machen", sonst drohten erhebliche Ausweichverkehre. Sonst werde Frankfurt kein Luftverkehrs-Drehkreuz mehr sein und München auch nicht. Das werde den Flugverkehr aber nicht reduzieren, sondern nur innerhalb Europas verlagern "und nichts ist gewonnen". Nachdem sich die Unionsfraktionschefs aus Bund und Ländern offen für die Idee gezeigt hatten, hatte sich Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) skeptisch geäußert.

Mahnende Worte kommen hingegen vom Vorsitzenden der Jungen Union (JU), Tilman Kuban. Er warnt seine Partei ausdrücklich davor, sich zu sehr an den Grünen zu orientieren. "Wir müssen eigene Akzente setzen", sagte Kuban der "Passauer Neuen Presse". "Wir sollten nicht den Grünen hinterherlaufen und uns in einen Überbietungswettbewerb begeben." Eine CO2-Steuer sei der falsche Weg, sagte Kuban. "Wir brauchen eine ökologische Unternehmensteuerreform. Unternehmen, die mehr für den Klimaschutz tun, sollten besonders entlastet werden. Das sind die richtigen Anreize."

Von: dh mit AFP, dpa
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