Interview

"Ohne Air Berlin gibt es weniger Sicherheit"

14.08.2018 - 07:15 0 Kommentare

Easyjet-Europachef Thomas Haagensen spricht im Interview mit airliners.de über die Möglichkeit nach Air Berlin am Flughafen Berlin-Tegel einzusteigen, welche anderen interessanten Märkte er noch sieht und wie die Airline-Pleite den Markt verändert hat.

Thomas Haagensen:

Thomas Haagensen: "Tegel war schnell im Fokus." © Easyjet

Billigflieger Easyjet hat die Pleite von Air Berlin genutzt, um in der deutschen Hauptstadt kräftig auszubauen. Neben den zwölf Maschinen in Schönefeld baut der Low-Coster auch eine Basis mit 25 Maschinen in Tegel auf. Europachef Thomas Haagensen spricht gern über dieses Thema - zum einen liege der Fokus aktuell klar auf einer stabilen Operations am Cityairport, zum anderen sei man mit dem Tegel-Aufbau im selbstgesteckten Zeitplan und biete die Grundlage für eine außergewöhnliche Wachstumsgeschichte.

airliners.de: Herr Haagensen, Air Berlin ging am 15. August 2017 insolvent, wann gab es bei Easyjet die Entscheidung, nach Tegel zu gehen?
Thomas Haagensen: Als wir hörten, dass Air Berlin insolvent ist, haben wir uns den Markt genau angeschaut. Unsere Strategie ist es immer, eine starke Nummer eins oder zwei in einem großen Markt zu sein. Immerhin waren in Schönefeld schon zwölf unserer Flugzeuge stationiert - Berlin war also schon wichtig für uns und wir wussten, wie interessant der Markt ist. Daher haben wir uns die Veränderungen genau angeschaut, auch weil wir natürlich reagieren müssen. Tegel war also schnell im Fokus.

Welche anderen interessanten Märkte sehen Sie gerade, auf denen Airlines in Schieflage sind?
Wir kennen alle die Namen wie Alitalia, Norwegian et cetera. Aber da müssen wir ganz genau hinschauen und ausloten, was noch geht. Im Moment liegt die Aufmerksamkeit darauf, unsere Position in Tegel aufzubauen und weiter zu entwickeln.

Was konkret hat Easyjet von Air Berlin übernommen?
Unter anderem Slots, Flugzeuge über Leasing-Verträge und den Crew-Raum.

… und Mitarbeiter?
Die haben wir nicht übernommen, die haben sich neu beworben. Wir haben bereits 380 Flugbegleiter und Piloten für Tegel eingestellt. Wir denken, dass bis September 2018 mehr als 400 Ex-Air-Berliner für uns fliegen - dazu kommt noch Personal von anderen Airlines.

Über den Interviewpartner

Thomas Haagensen ist seit 2008 als Europachef von Easyjet für die Märkte Dänemark, Deutschland, Finnland, Osteuropa und Schweden zuständig. Der gebürtige Däne studierte Business Administration in Lausanne und arbeitete danach zunächst bei Tetra Pak. 2004 kam er zu Easyjet.

Im Juni verbuchte Easyjet unseren Informationen nach nur knapp 70 Prozent Auslastung in Tegel. Mögen die Berliner die Airline nicht?
Ich sehe das ganz anders: Wir haben im September unser Interesse an einer Übernahme angekündigt und nicht einmal vier Monate später ging es los. Und auch die jetzigen Flüge für den Sommer wurden erst im April veröffentlicht. Was ich sagen will: Wir haben normalerweise viel länger Zeit, um die Auslastung aufzubauen. Dazu kommt, dass wir in Tegel ein riesiges Programm gestartet haben. Man kann daher auch nicht von Anfang an die beste Auslastung liefern. Die wird von Monat zu Monat besser, und das obwohl wir gleichzeitig jeden Monat die Kapazitäten erhöhen. Von daher sind wir sehr zufrieden mit der Nachfrage.

Ist Easyjet eigentlich auch mit der problematischen Infrastruktur von Tegel betroffen?
Wir waren von Anfang an sehr konservativ in unserer Planung: Wir haben zwar viele Puffer für Probleme eingeplant, aber gleichzeitig war unser Start in Tegel nicht zurückhaltend. Wir haben direkt von Beginn an ein großes Programm angeboten, indem wir beispielsweise auf viele Wet-Lease-Partner setzten. In Tegel klappt alles reibungslos, wir sind sehr zufrieden mit unter anderem Pünktlichkeit und Auslastung.

Wie lange setzt Easyjet in Tegel noch auf Wet-Leases?
Das ist nicht die Frage danach, wie lange wir es wollen, sondern wie lange wir es brauchen. Für uns ist es natürlich nicht ideal gewesen, mit Wet-Lease-Providern zu beginnen, weil es teurer ist als die eigene Produktion und die Kunden auch verwirren kann. Immerhin fliegen sie mit einer Maschine, die nicht unsere ist … Aber am wichtigsten war es, dass wir unseren Passagieren sehr schnell ein gutes Angebot ab Tegel bieten konnten. Jetzt ist der Plan, dass wir die Wet-Leases abbauen und am Ende des Sommers ist 100-prozentig Easyjet.

Das sind dann 25 eigene Maschinen in Tegel?
Genau.

Wet-Leases sind teuer, haben Sie eben gesagt. Ist das auch der Grund, weswegen Sie die Kosten für Tegel noch einmal nach oben korrigiert haben?
Wenn man die reinen Gesamtkosten nimmt, sind diese sogar niedriger, als wir erwartet hatten. Gestiegen sind lediglich die Anteile pro Sitz. Dort hatte einen Impact, dass wir nicht einen optimalen Flugplan anbieten konnten und dass wir auch erst sehr spät die Buchungen freigeben konnten. Auch weil es einfach von allen mehr Angebot gibt, als wir das erwartet hatten.

Das war Tegel, Air Berlin war aber auch sehr stark in Düsseldorf. Den Airport fliegen Sie aktuell nur an, haben dort keine eigene Basis - soll sich das ändern?
Wir entwickeln unser Netzwerk immer mit viel Fokus. Erst einmal geht es um ein gutes Standing in Berlin und dann schauen wir uns andere Standorte an. Aber in Düsseldorf speziell gibt es aktuell einfach nicht die Kapazitäten, Nummer eins oder zwei zu werden.

Ziehen wir abschließend mal eine Bilanz: Was gibt es nach Air Berlin weniger im Markt? Alle Airlines bieten mehr Kapazitäten, die Flugzeuge sind wieder unterwegs und auch viele Mitarbeiter haben neue Jobs …
Ich glaube, es gibt weniger Sicherheit für die Zukunft. Denn das gab es vorher. Ansonsten gibt es von allem mehr: mehr Auswahl, mehr Kapazität und niedrigere Preise. Für Passagiere, die ab Berlin fliegen, ist es ein Jahr später eine ziemlich gute Lage.

Herr Haagensen, vielen Dank für das Gespräch.


Alle Themen in unserem Schwerpunkt zur Air-Berlin-Insolvenz:

Von: cs
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