Spaethfolge (142) ( Gastautor werden )

Nur wassern ist schöner

17.07.2013 - 12:29 0 Kommentare

Fliegen und Wasser, diese beiden Elemente gehörten mal zusammen, zur großen Zeit der Flugboote. Heute kann man Wasserflugzeug-Abenteuer in Alaska oder auf den Malediven erleben. Einmal im Jahr auch am Wolfgangsee in Österreich.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Rund zwei Drittel der Erdoberfläche bestehen aus Wasser, von den Ozeanen bis zum Binnensee, vom kleinen Rinnsal bis zum Sumpfgebiet. Als die Menschen Fliegen lernten war es daher naheliegend, mit den neuen Fluggeräten aufs Wasser zu gehen. Noch vor dem ersten Motorflug der Brüder Wright 1903 gelang einem Pionier ein kurzer „Wasserflug“, das war 1901 am Wienerwaldsee in Österreich.

Später, mit Aufkommen der Verkehrsfliegerei, baute man luxuriöse Flugboote. Die unglaubliche deutsche Do X von 1929 mit ihren zwölf Motoren war das größte Passagierflugzeug der Welt zu jener Zeit. Leider sind heute nur wenige Fragmente erhalten. Später verbanden Flugboote wie etwa Pan Ams berühmter China Clipper erstmals die Erdteile auf dem Luftweg – und nutzten die Wasseroberfläche als Landeplatz. Das waren beinahe fliegende Kreuzfahrer, so elegant ging es an Bord zu.

Nach dem zweiten Weltkrieg war dann die große Zeit der Flugboote schnell vorbei, gab es doch nun genügend Pisten an Land. Ich träume heute noch, ich hätte die Ära der fliegenden Schiffe selbst erlebt, doch dafür wurde ich eindeutig zu spät geboren. Jedes Mal, wenn ich irgendwo auf der Welt die Gelegenheit habe, gehe ich am liebsten in einem Wasserflugzeug in die Luft. Am einfachsten geht das bei den vielen Buschfliegern in Alaska oder Kanada, wo fast jeder statt dem Kleinwagen die Cessna auf Schwimmern hinter seinem Haus am See liegen hat.

Absolut faszinierend ist der Airline-ähnliche Flugbetrieb mit Twin Otters auf den Malediven. Die habe ich mal besucht für meine Reportage „Barfußflieger im Paradies“. Noch nie hatten ich und die betreffenden Redaktionen so viele Anfragen von Interessierten, die sich nach der Lektüre selbst dort als Piloten bewerben wollten. Wo sonst auf der Welt darf man schon barfuß im Cockpit sitzen und täglich elegant auf türkisblauem Wasser aufsetzen?

Doch in Europa führt die Wasserfliegerei ein Schattendasein, sieht man mal vom französischen Wasserflug-Mekka Biscarosse am Atlantik ab. In Deutschland geht fast gar nichts. Da war ich natürlich neugierig, als ich jetzt gefragt wurde, ob ich mir die Scalaria Air Challenge am österreichischen Wolfgangsee anschauen wolle. Dort war ich noch nie und verbinde das immer noch eher mit Helmut Kohl, der vor kitschiger Bergkulisse Ziegen und Hirsche streichelt. Am vergangenen Samstag war es soweit und die Österreicher haben sich wirklich ins Zeug gelegt, die Wasserfliegerei bombastisch zu inszenieren. Da ist natürlich die unmittelbare Nachbarschaft zum luftfahrt-affinen Getränkekonzern mit dem roten Stier im Logo sehr hilfreich, der sich mit seiner Luftflotte stets da engagiert, wo staunende Massen zu erwarten sind.

Allein zuzuschauen, wie rund ein Dutzend Wasserflugzeuge vor der grandiosen Bergkulisse ihre Kreise ziehen und dann neben Badenden und historischen Raddampfern gischtsprühend wassern war eine Wonne. Star des Abends war Iren Dornier, passenderweise ein Enkel des Do X-Erfinders Claude Dornier, mit seinem grandiosen Do 24 ATT-Flugboot. Das habe ich zwar schon häufig gesehen und sogar einmal drin gesessen, aber noch nie in seinem Element bewundern dürfen, auf oder über dem Wasser. Von der Abendsonne beschienen, elegant vorgeflogen vor dem Alpenglühen der Berggipfel, da schmilzt man als Flugzeugfreund noch schneller dahin als das Eis in den stets gut gefüllten Champagnerkübeln an diesem Abend. Ähnlich großartig die ebenfalls vertretene PBY Catalina, einer der echten Flugboot-Klassiker, die ich als Kind immer schon in den Meeresforschungs-Filmen von Jacques Cousteau bewundert habe.

Irgendwann war es dann dunkel am Wolfgangsee, und dann nahm die Huldigung der Wasserflieger eine ganz neue Dimension an, die selbst für die Weltumrundungs-erprobte Do 24 eine Premiere gewesen sein dürfte: Jede Menge Pyrotechnik, tanzende Hubschrauber, leuchtende Trommler und trudelnde Alpha Jets läuteten die so genannte „Flying Opera“ ein, an der Hollywood-Komponist Harold Faltermeyer mitgestrickt hat, darunter machen es die Österreicher nicht. Jedenfalls kletterte irgendwann ein älterer Herr mit langem schwarzem Haar und ledernem Rockstar-Outfit über eine steile Leiter etwas unsicher auf die leicht schief stehende, extra abgedeckte Tragfläche der Do 24. Das war Steve Stevens, der Gitarrist von Billy Idol, der heftig in die Saiten griff, von seinem auf der anderen Seite des Flügels hockenden Keyboarder begleitet. Ein Auftritt der ganz besonderen Art, sogar das offensichtlich verwöhnte Publikum in dieser Event-Location staunte. Aber ganz ehrlich: Für mich hätt’s das Brimborium alles net ’braucht, wie der Österreicher sagt. Ich wäre glücklich gewesen, einmal in der Do 24 mitfliegen zu dürfen vom Wasser aus. Vielleicht klappt’s ja nächstes Jahr.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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