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Im innerdeutschen Luftverkehr ist noch viel Luft nach oben

07.12.2017 - 08:01 0 Kommentare

Vier innerdeutsche Routen will Easyjet ab Januar von Berlin-Tegel aus fliegen. Dies schließt bei weitem noch nicht die Lücken, die Air Berlin hinterlassen hat, sagt Verkehrsexperte Manfred Kuhne.

Easyjet hebt ab: Von Januar an auch ab Berlin-Tegel.Foto: © AirTeamImages.com, Javier Guerrero

Easyjet hat nun ihre Tegel-Pläne vorgestellt und fordert Lufthansa auf zunächst vier innerdeutschen Strecken heraus: Düsseldorf, Frankfurt, München und Stuttgart - wie erwartet tritt der britische Low-Cost-Carrier damit auf vier der wichtigsten innerdeutschen Routen mit wöchentlich 250 Flügen in beiden Richtungen an. Hinzu kommen 362 Flüge im Europaverkehr.

Insgesamt will Easyjet zwischen Januar und März etwa eine Million Sitzplätze von und nach Tegel anbieten. Rein rechnerisch wären das pro Flug etwa 140 Sitze. Noch ist nicht bekannt, wie viele Sitze auf einzelnen Routen angeboten werden.

Angebot lässt sich nur auf Basis der Frequenzen bewerten

Am Anfang fliegen auch andere Airlines für Easyjet im Wet-Lease. Darunter Condor. Zum Einsatz kommen dort zwei Maschinen der A320-Familie und eine Boeing 757. Da die Flugzeuge unterschiedliche Sitzplatzkapazitäten haben, kann das angekündigte Angebot zur Zeit nur auf der Basis von Flügen bewertet werden.

Im innerdeutschen Verkehr bietet Easyjet auf den vier nun eröffneten Routen monatlich etwa 1100 Flüge an. Air Berlin hatte hier knapp 1800 Flüge angeboten, sodass die Angebotslücke längst nicht geschlossen ist. Auffallend ist die hohe Frequenzdichte von Easyjet zu den Lufthansa Hubs Frankfurt und München. Bisher gar nicht bedient werden die vom Yield her interessanteste Route von München nach Hamburg sowie die weiteren aufkommensstarken Verbindungen nach Düsseldorf und Köln/Bonn.

Bisherige innerdeutsche Air-Berlin-Routen (beide Richtungen)
Route
Flüge von Air Berlin
Flüge von Easyjet
Berlin Düsseldorf
532
113
Frankfurt
240
295
Köln/Bonn
550
München
560
443
Stuttgart
462
243
Hamburg Stuttgart
(im Mai angestellt)
München Düsseldorf
552
Hamburg
378
Köln/Bonn
346
gesamt
3920
1094

BVA: Kuhne

Die Route zwischen Berlin und Köln/Bonn wird zum Sommerflugplan wieder von Ryanair angeboten werden. Insgesamt hatte Air Berlin auf den neun wichtigsten innerdeutschen Strecken etwa 3900 Flüge angeboten.

Easyjet setzt auf "ad hoc"-Slots

Auffallend ist, dass die Route von Berlin nach Düsseldorf bisher nur im Tagesrand angeboten wird. Mehr hatte man auf der letzten Flugplankonferenz nicht erhalten. Vier bis fünf weitere Slots glaubt Easyjet über den "Deal" auf Grundlage der sogenannten "ad hoc"-Slots zu erhalten.

Lufthansa hatte bereits angekündigt, auf Niki-Slots in Düsseldorf verzichten zu wollen, um die Genehmigung der EU-Kommission zur Übernahme der Air-Berlin-Töchter zu erhalten. Zudem gab es schon im Sommer Gerüchte, Easyjet würde groß am NRW-Airport aufschlagen.

Easyjet baut nach und nach aus

Im April wird Easyjet die Flotte in Tegel auf 20 und ab Juli dann auf 25 eigene Maschinen aufstocken. Da ist noch Luft für weitere innerdeutsche Flüge, zumal ja das bisherige innerdeutsche Angebot von Easyjet verglichen mit dem Angebotsstand vor der Air Berlin Pleite der Lufthansa nicht sonderlich wehtut.

Easyjet in Berlin-Tegel im kommenden Jahr
Wet-Lease Easyjet
Jan 12 2
Feb 12 3
März 12 5
April 14 6
Mai 13 7
Juni 13 10
Juli 11 14
Aug 3 22
Sep 3 22
Okt 3 22
Nov 0 25

Die Grafik zeigt das Engagement von Easyjet am Flughafen Berlin-Tegel in den Monaten Januar bis November 2018 im Verhältnis zu im Wet-Lease geflogenen Maschinen für den Billigflieger im gleichen Zeitraum.Quelle: Easyjet

Die restlichen Lücken will Eurowings zudem ab Januar mit monatlich weiteren 1000 Flügen füllen. Bereits im Laufe des November haben Lufthansa und Eurowings das Angebot auf wichtigen Routen um etwa 600 Flüge aufgestockt. Auch der bisher von Easyjet angebotene Einstiegstarif von etwa 50 Euro im innerdeutschen Verkehr, der nur um etwa sieben Euro unter dem bisherigen Easyjet-Durchschnittstarif liegt, ist keine sonderliche Herausforderung. Zumal Eurowings diese unterbietet.

Es muss also im innerdeutschen Verkehr noch etwas passieren, wenn die Wettbewerbssituation wie zu den Air-Berlin-Zeiten wiederhergestellt werden soll. Eine denkbare Lösung wäre, dass von den ehemaligen etwa 4200 Air-Berlin-Flügen auf den aufkommensstärksten innerdeutschen Routen (Originärpassagiere) rund 2000 von Easyjet, 1000 von Ryanair und der Rest von Eurowings übernommen werden.

© AirTeamImages.com, 4x6zk-moni shafir Lesen Sie auch: Das plant Easyjet in Tegel

Wünschenswert wäre, wenn Eurowings zugleich viele Routen im Europaverkehr übernehmen würde, da es hier von wenigen Ausnahmen abgesehen keine Monopolsituation gibt. Die kritischen Routen nach Wien und Zürich werden jetzt schon von Easyjet bedient werden.

Über den Autor

Verkehrsexperte Manfred Kuhne bezieht auf Basis von Analysen und Prognosen Position zu verkehrswirtschaftlichen- und politischen Fragestellungen der Luftfahrt in der Serie "Apropos". Alle Folgen lesen.

Manfred KuhneNach 45 Jahren Praxis am Verkehrswissenschaftlichen Institut der RWTH Aachen und bei der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen berät der Dipl.-Ing. und Dipl.-Wirtsch.-Ing. Manfred Kuhne Unternehmen bei Grundsatzpapieren und Stellungnahmen. Zudem arbeitet er für wissenschaftliche Institute, Beratungsunternehmen und Ingenieurbüros.
Kontakt: apropos@airliners.de

Von: Manfred Kuhne für airliners.de
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