Spaethfolge (96) ( Gastautor werden )

Nicht ohne meinen Pyjama

22.08.2012 - 10:03 0 Kommentare

Schlafanzüge für First Class-Gäste gehören zu den eher überflüssigen Accessoires einer Luxusreise im Flugzeug, wo es ohnehin meist zu warm ist. Zwei fehlende Pyjamas sorgten aber vorletzte Woche für einen Eklat bei Qantas.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Flug QF94, eine A380 der Qantas auf der Strecke von Los Angeles nach Melbourne, hatte neulich eine halbe Stunde Verspätung, weil ein paar Koffer wieder aus dem Bauch des Riesenfliegers geholt werden mußten. Zwei Gäste der First Class, ein australischer Doktor der Psychologie und seine Frau, weigerten sich, die 15-stündige Reise anzutreten. Der Grund, den der Kapitän an Bord zum Riesengelächter der Mitpassagiere verkündete, war außergewöhnlich: Durch einen Beladungsfehler waren keine First Class-Pyjamas in Größe XL vorhanden. Auf diesen aber bestanden der Seelendoktor und seine Frau. Das Angebot der Crew, auf weniger exklusive Business Class-Schlafanzüge des bekannten Designers Peter Morrissey auszuweichen, lehnte das Paar ab und beharrte darauf, auszusteigen und einen Tag später den Rückflug standesgemäß anzutreten – im XL-Nachtgewand des Modeschöpfers Akira Isogawa.

Wie hieß es doch früher scherzhaft – wer Psychologie studiert, bei dem ist vielleicht selbst eine Schraube locker? Die vernichtenden Kommentare waren dem Paar jedenfalls gewiss. „Darum fliege ich lieber Economy Class, damit ich nicht mit solchen Snobs eine Kabine teilen muss“, ereiferte sich eine Passagierin.

Ich halte Airline-Schlafanzüge für eine der überflüssigsten Erfindungen seit dem fliegenden Auto. Mir ist im Flugzeug auf Langstrecken immer zu warm, und das besonders, wenn es wie in First Class auch noch üppige Bettdecken gibt. Und auch obwohl sich das englische Royals-Traumpaar Kate und Will letztes Jahr auf der Rückreise aus Kanada in der British Airways (BA)-First auf einem Linienflug gemütlich in Pyjamas kuschelte, was sicher entzückend aussah. Aber ich nehme Pyjamas gern mit, als Souvenir, aber auch praktische Freizeitkleidung für zu Hause. Und jetzt bitte keine Proteste: Pyjamas sind durchaus zum Mitnehmen gedacht, wenn man sich die Mühe machen will (was ähnlich wie bei den Bord-Waschtaschen kaum jemand tut).

Das aktuelle blaue Oberteil mit blütenweißem Kragen von Lufthansa jedenfalls, vom Edel-Hemdenschneider Van Laack, ist zum Beispiel durchaus ansehnlich. Zu vielen Anlässen auch außerhalb der Nacht an Bord richtig gekleidet ist der Passagier mit dem Pyjama von Cathay Pacific, der exklusiv von der angesagten Boutiquenkette Shanghai Tang aus Hongkong stammt. Das Design besticht durch schlichte Eleganz, das wahlweise curryfarbene Oberteil mit weinroter Bordüre oder schwarz mit leuchtend grünen Kanten bedient sich des chinesischen Stehkragens. Mit dem Nacht-Outfit von JAL könnte man locker auch auf einer Party aufkreuzen, vor allem dank der eleganten, anthrazitfarbenen Jacke aus dickerem, knitterfreiem Baumwollstoff. Besonders folkloristisch sind die Schlafanzüge dagegen bei ANA – und sehr schwierig in der Handhabung. Das zu wickelnde, entfernt an Kimonos erinnernde Oberteil aus dünnem, fest gewirktem braunen Baumwollstoff verfügt über nicht weniger als vier Bänder an verschiedenen Stellen, der Himmel weiß wie man so etwas richtig anzieht. Wem dabei der Schweiß ausbricht erfährt sogleich schnittbedingte Linderung – unter den Achseln gibt es eigens Aussparungen im Stoff zur Transpiration.

Die Mehrzahl der angebotenen Pyjamas, und dazu gehört auch das lappige, wenig vorteilhafte aktuelle Qantas-First-Nachtpolter, verleiten aber eher dazu, die Augen zu schließen, worum es ja schließlich auch gehen sollte nachts. So etwa die Givenchy-Kreation für Damen bei Singapore Airlines vor einigen Jahren in einem seltsamen Pink-Ton, wie ihn viele Latzhosenträgerinnen in den frühen Achtzigern schätzten. Ein Fall für die Modepolizei auch BA: Der schnell knitternde einheitsgraue Pyjama mit blauen Borten wirkt wie Anstaltskleidung. Die Engländer bieten wie viele Airlines nur ein oder zwei Größen nach dem Motto „One size fits all“ – aber denkste. Selbst für einen Passagier von knapp 1,90 Meter Körpergröße sind die Hosenbeine derart überlang, das man sich die Bordsocken getrost sparen kann.

Aber die Airlines sind lernfähig: Lufthansa bot lange Zeit nur ein Oberteil zum Schlafen in der First Class. Der weite blaue Bogner-Pullover war gut zum Joggen oder Segeln verwendbar, an Bord aber zog ihn kaum jemand an. Hier hatte die Kranich-Linie wahrlich am falschen Ende gespart. Kein Wunder, denn wer schläft in der semi-öffentlichen Kabinen-Umgebung schon unten ohne oder bringt gar im Handgepäck seine eigene Pyjama-Hose mit an Bord? Aber Aussteigen wollte deshalb trotzdem keiner bei Lufthansa, um sich erst mal das fehlende Unterteil zu besorgen.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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