Nicht alle Air Berliner fliegen noch

15.08.2018 - 07:15 0 Kommentare

Ein Jahr nach der Air-Berlin-Insolvenz haben die meisten Ex-Beschäftigten neue Jobs gefunden. Doch der Übergang war in der Regel nicht reibungslos, viele sind nicht in der Luftfahrt-Branche geblieben.

Air-Berlin-Mitarbeiter demonstrieren im November 2017 für ihre Weiterbeschäftigung. - © © dpa -

Air-Berlin-Mitarbeiter demonstrieren im November 2017 für ihre Weiterbeschäftigung. © dpa

Die rund 8000 ehemaligen Mitarbeiter der Air Berlin haben inzwischen überwiegend neue Jobs: Im Juli seien rund 85 Prozent von ihnen in neuen Stellungen untergebracht gewesen, berichtete die "Bild am Sonntag" unter Berufung auf interne Zahlen, ohne weitere Details zu nennen. Die Informationen von Arbeitsagenturen, Unternehmen und Gewerkschaften, die airliners.de vorliegen, deuten zumindest darauf hin, dass die meisten Air Berliner wieder in Lohn und Brot sind.

Allerdings verlief der Übergang in den wenigsten Fällen so reibungslos wie erhofft. Die Gesellschaften, die Teile der Air Berlin erwarben, übernahmen die Mitarbeiter in der Regel nicht direkt und schon gar nicht zu den alten Konditionen, sondern forderten sie auf, sich auf ausgeschriebene Stellen zu bewerben.

© dpa, Lesen Sie auch: Air Berlin: Fast 2000 Klagen wegen Kündigungen

Deshalb sieht die Gewerkschaft Verdi die Situation der Mitarbeiter seit der Air-Berlin-Insolvenz sogar als "eine ziemliche Katastrophe" an. "Sie sind die eigentlichen Leidtragenden", sagte Verdi-Bundesvorstand Christine Behle der dpa.

Viele sind zu Eurowings gegangen

Der größte Anteil an Air Berlinern dürfte bei Eurowings untergekommen sein: Nach eigenen Angaben hat sie die LGW mit rund 1000 Mitarbeitern komplett übernommen. Gewerkschafter bezweifeln diese Zahl allerdings. Nach ihren Einschätzungen verblieben von der alten Belegschaft maximal 700 Personen.

Außerdem wurden seit dem Ende von Air Berlin weitere 2000 Stellen bei anderen Eurowings-Gesellschaften neu besetzt. Wie viele davon mit früheren Air Berlinern, verrät das Unternehmen nicht.

Bei Easyjet in Berlin-Tegel sollen laut Deutschland-Chef Thomas Haagensen insgesamt rund 400 Ex-Air-Berliner beschäftigt werden. Ursprünglich hatte der Billigflieger angekündigt, rund 1000 Mitarbeiter der insolventen Airline rekrutieren zu wollen.

Im Technik-Bereich wurden nach Angaben der Gewerkschaft Verdi 250 Arbeitskräfte von Nayak übernommen - der Spezialist hatte zusammen mit dem Logistikunternehmen Zeitfracht den Wartungsbetrieb von Air Berlin gekauft. Die Zeitfracht-Gruppe erwarb außerdem die Frachttochter Leisure Cargo mit ihren 60 Mitarbeitern.

Mitarbeiter der Air Berlin Group

Ende 2016* Ende Oktober 2017**
Piloten 1540 1250***
Kabinenpersonal 3433 2700-2800
Technisches Personal 1305
Verwaltung/Service/Sonstige 2203
Summe 8481 8000
Quelle: *Geschäftsbericht **geschätzt laut Gewerkschaften und Presseberichten
***weitere 100 waren an andere Airlines ausgeliehen oder im unbezahlten Urlaub

Vor allem für das fliegende Personal, das über die Hälfte der Air-Berlin-Belegschaft ausmachte, gab es zwar eine Vielzahl an neuen Jobs bei anderen Airlines. Dennoch war für die meisten Air Berliner das Ende ihrer Airline eine harte Zäsur: Viele mussten Einbußen bei Gehalt und Arbeitsbedingungen oder einen Ortswechsel in Kauf nehmen, nicht wenige verabschiedeten sich bei ihrer Neuorientierung komplett aus der Luftfahrt.

Viele Flugbegleiter stiegen aus

Besonders hoch war die Zahl der Aussteiger offenbar beim Kabinenpersonal. "Ich schätze, 25 bis 30 Prozent haben der Fliegerei den Rücken gekehrt", sagt Uwe Hien, Tarifexperte der Gewerkschaft Ufo, im Gespräch mit airliners.de. Manche hätten die Airline-Pleite zum Anlass genommen, eine lang aufgeschobene Änderung der Lebensplanung umzusetzen.

Für die anderen gab es kaum Probleme, einen neuen Job in der Kabine zu finden. "Ich kenne keine Airline, bei der nicht Air Berliner untergekommen sind", so Hien. Die meisten seien bei den diversen Eurowings-Gesellschaften gelandet, viele auch bei der neuen Condor-Tochter Thomas Cook Aviation, einige bei Germania oder bei Brussels Airlines in Düsseldorf, wo sie weiterhin Langstrecke fliegen können.

Flugbegleiterin der Air Berlin. Foto: © dpa, Caroline Seidel

Bei Eurowings werden zwar die Air-Berlin-Dienstjahre bei einer Übernahme anerkannt. Gleichwohl komme es zu Unterschieden bei der Vergütung, berichtet der Gewerkschafter: "Wer Purser war und bei Eurowings weiter als Purser beschäftigt wird, hat die geringsten Einbußen, ältere Flugbegleiter verlieren dagegen am meisten."

Gehaltseinbußen bei den Piloten

Bei den gut bezahlten Piloten fielen die Abstriche noch massiver aus. "Die meisten haben zweistellige Prozentsätze eingebüßt, im Schnitt 15 bis 20 Prozent", sagt Janis Schmitt, Sprecher der Vereinigung Cockpit (VC).

Das gilt auch für Eurowings, wo nach Schmitts Schätzung 40 bis 50 Prozent der Air-Berlin-Piloten untergekommen sind. "Viele wurden mit Gehaltsverlust eingruppiert und sind vielleicht in fünf bis sechs Jahren wieder in dem Bereich wie vorher."

Hinzu komme der Verlust von Senioritätsvorteilen beim neuen Arbeitgeber: "Beim Dienstplan und bei Stations- und Urlaubswünschen stellen sich die Piloten wieder hinten an, auch beim Aufstieg vom Copiloten zum Kapitän."

Die ehemaligen Air-Berlin-Piloten David McCaleb (rechts) und Kai Dede sind für Easyjet in Berlin stationiert. Foto: © Easyjet

Laut Schmitt verdienen viele Air Berliner besser, wenn sie zu Easyjet wechseln. Und Ryanair lockt einige mit dem schnellen Aufstieg zum Kapitän.

Ansonsten sind die neuen Arbeitgeber der Piloten noch bunter gemischt als bei den Flugbegleitern: Neben Thomas Cook Aviation und Charter-Flieger Small Planet zählen dazu ausländische Carrier wie Wow Air, Emirates oder die Frachtlinie Cargolux. Einige habe es auch nach China gezogen, wo die Bezahlung überdurchschnittlich sei, erzählt Schmitt.

78 Prozent Erfolgsquote bei Transfergesellschaften

Anders als beim fliegenden Personal ist die Lage bei der übrigen Air-Berlin-Belegschaft: Hier gibt es nach wie vor eine größere Zahl an Arbeitslosen oder -suchenden. Das zeigen die aktuellen Zahlen der Transfergesellschaften und der Arbeitsagenturen.

In die beiden Transfergesellschaften Boden und Technik sind bislang insgesamt 1500 ehemalige Air-Berlin-Mitarbeiter eingetreten. Knapp 1200 haben ihr halbes Jahr dort bereits abgeschlossen. Davon konnten 936 eine neue Beschäftigung finden, also 78 Prozent.

Transfergesellschaften

Die beiden Transfergesellschaften für ehemalige Boden- und Technik-Mitarbeiter der Air Berlin wurden im November 2017 eingerichtet und bleiben voraussichtlich bis Ende 2019 in Betrieb. Die Beschäftigten erhalten dort sechs Monate lang 75 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens. Im Fall des Bodenpersonals können nur Mitarbeiter am Standort Berlin eintreten - die Finanzierung wird zum größten Teil durch den Berliner Senat übernommen. Dabei dürfte der vorgegebene Finanzrahmen von zehn Millionen Euro gar nicht ausgeschöpft werden. Nach jüngsten Angaben werden höchstens sieben Millionen benötigt. Die Techniktransfergesellschaft wird überwiegend aus der Insolvenzmasse der Air Berlin Technik GmbH bestritten.

Bei den Bodenmitarbeitern, von denen 608 die Transfergesellschaft durchlaufen haben, sind nur 50 Prozent in der Luftfahrt oder in den Bereichen Tourismus und Verkehr untergekommen. Zehn Prozent wechselten in den Handel, weitere zehn Prozent in den öffentlichen Dienst.

Die Transfergesellschaft Technik, die bisher 586 Teilnehmer in Berlin, Düsseldorf und München abgeschlossen haben, verzeichnet für einige Mitarbeiter - ähnlich wie beim fliegenden Personal - schlechtere Arbeitsbedingungen und Gehälter bei den neuen Beschäftigungen. "Wir wissen, dass viele erst einmal wieder befristet eingestellt wurden. Wir wissen auch von Gehaltseinbußen von 20 bis 30 Prozent, die Gewerkschaft Verdi spricht sogar von 40 Prozent", sagt Peter Klöckner, Chef des Transferträgers Bob Transfer.

Arbeitsagenturen listen noch rund 1000 Air Berliner

Von allen Air-Berlin-Beschäftigten hat sich bei den Arbeitsagenturen nur ein Teil arbeitslos oder arbeitssuchend gemeldet. So waren in Berlin und Brandenburg im Dezember 1200 Air Berliner registriert. Rund 60 Prozent davon haben neue Beschäftigungen gefunden. Anfang Juli waren noch rund 480 Arbeitssuchende verblieben.

In Düsseldorf und Umgebung sind noch rund 500 ehemalige Air-Berlin-Mitarbeiter bei der Arbeitsagentur registriert. Ursprünglich waren es rund 1900, insgesamt seien dort rund 2750 Personen von der Airline-Insolvenz betroffen gewesen, heißt es. In München werden keine Zahlen dazu erhoben.

Leere Schalter der Air Berlin am Flughafen Berlin Tegel. Foto: © dpa, Paul Zinken

Bei den Arbeitsagenturen sieht man auch für die bislang noch nicht vermittelten Mitarbeiter gute Chancen. "In Bezug auf Qualifizierung und Alter sind die ehemaligen Air Berliner für viele Unternehmen und für den öffentlichen Dienst interessant", betont ein Sprecher der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg.

Noch sind gar nicht alle Arbeitsplätze bei Air Berlin weggefallen: In der Verwaltung sind derzeit noch rund 65 Mitarbeiter damit beschäftigt, das Unternehmen abzuwickeln. Laut Insolvenzverwalter Lucas Flöther wird das noch Jahre dauern.

© privat, Lesen Sie auch: "Air Berlin ist nicht tot" Interview mit Air-Berlin-Insolvenzverwalter Lucas Flöther


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Von: pra
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