Gedankenflug Ryanair und Kohle: Neues vom Klimalobby-Bullshit-Bingo

Ryanair ist angeblich die Firma mit dem zehnthöchsten CO2-Ausstoß in Europa. Das ist natürlich kompletter Bullshit, kommentiert airliners.de-Herausgeber David Haße und warnt: Klimapopulismus ist gefährlich.

Boeing 737 von Ryanair. - © © AirTeamImages - Simone Ciaralli

Boeing 737 von Ryanair. © AirTeamImages /Simone Ciaralli

Kommentar: Abseits der tagtäglichen News machen sich die airliners.de-Redakteure auch Gedanken über das weniger Offensichtliche. Mit Ihren "Gedankenflügen" lassen Sie die Leser daran teilhaben.

Als Journalist überrascht es mich doch gewaltig, wie eine plumpe Behauptung von Umwelt-Lobbyisten in den vergangenen Tagen komplett unhinterfragt die mediale Runde machen konnte. Das empfinde ich vor allem bei einem so wichtigen Thema wie dem Klimawandel als unerträglich.

Die Aussage, Ryanair sei die Firma mit dem zehnthöchsten CO2-Ausstoß in Europa ist nichts anderes als purer Blödsinn. Zum einen, weil es sich bei dem "offiziellen EU-Ranking", auf das die Behauptung zurückgeht, mitnichten um eine Liste der "größten CO2-Emittenten Europas" handelt. Es ist vielmehr schlicht die Liste der gemeldeten Emissionen im Rahmen des EU-CO2-Emissionshandels (ETS).

Nun ist es aber so, dass das EU-Emissionshandelssystem ausschließlich den zivilen Luftverkehr sowie den energieintensiven Industriesektor samt Kraftwerken umfasst. Darum tauchen auf der ETS-Liste logischerweise auch nur Großindustrieanlagen, Kraftwerke und Fluggesellschaften auf. Zumindest unter Journalisten sollte sowas durchaus zur Allgemeinbildung gehören.

Nur was sagt dieser einfache Fakt dem Beobachter über das Ranking? Autos, Schiffe, Bahn, Landnutzung, Kleinindustrie, Bausektor, Abfallwirtschaft und so weiter und so fort: Die Mehrheit der Emissionen (rund 6o Prozent) ist nicht im EU-Emissionshandel erfasst – und damit auch nicht im "Ranking", das auf der ETS-Liste basiert.

Wer Interesse hat, kann sich die ETS-Excel-Tabelle der EU übrigens hier herunterladen. Sie ist recht umfangreich und man muss die 47 Spalten und ihre über 14.000 Zeilen schon gewissenhaft sortieren um eine Art negativer "Top-Liste" zu erschaffen, in der dann Ryanair tatsächlich auf "Platz 10" erscheint.

Was daraus folgt ist ganz einfach: Die "Top-10-Verschmutzer" kann man aus den Daten des EU-Emissionshandels keinesfalls seriös ableiten. Aber es geht noch weiter. Denn selbst wer sich einfach nur die Bilderstrecken zum Thema etwas genauer anschaut, dem sollte schnell noch eine weitere Ungenauigkeit der Klimalobby in Sachen Ranking-Systematik auffallen:

So hat beispielsweise das Energieunternehmen RWE die zweifelhafte Ehre, gleich dreifach in der Negativ-Top-10-Liste vertreten zu sein. RWE belegt also die Plätze 2, 3, und 5 während Ryanair nur einmal punkten "darf". Dieser Umstand sollte jedem Beobachter irgendwie ungerecht vorkommen. Während die EU-ETS-Liste nämlich einzelne Kraftwerke ausweist, werden bei den Airlines nicht analog dazu die einzelnen Flugzeuge aufgeführt.

Würde die Liste einzelne Flugzeuge aufführen, sähe die Verteilung aber bedeutend anders aus. Denn die rund 10.000 Flugzeuge in Europa emittieren laut der Zahlen in der Liste zusammen (!) 22 Mal weniger CO2 als die fast genauso große Anzahl an einzeln aufgeführten Kraftwerken und Industrieanlagen in der EU.

Für das realistische Gesamtbild kommen dann noch die Emissionen hinzu, die gar nicht vom ETS abgedeckt sind. Die folgende Grafik sollte jedem recht anschaulich vermitteln, ob es denn wirklich stimmen kann, dass eine einzige Airline der zehntgrößte CO2-Emittent in Europa sein kann – oder eben nicht:

Klimapopulismus ist kontraproduktiv

Die wohl bei vielen hängenbleibende Aussage, man müsse in Sachen Klimarettung einfach nur aufhören zu fliegen, ist also nichts als populistisches Bullshit-Bingo. Durch die Verbreitung von Rankings wie diesem werden lediglich die Emissionen in anderen Sektoren verniedlicht und die Einsparpotentiale im Luftverkehr überhöht.

Wer realistische Relationen in Sachen Treibhausgasen nicht greifen kann und noch dazu Fehlinfos bekommt, wird sein Verhalten in Sachen Klimaschutz aber nie sinnvoll verändern. Das ist gefährlich, denn es muss passieren – und zwar quer durch alle Sektoren – den Luftverkehr eingeschlossen.

Denn es ist unbestritten, dass die Luftfahrt ein Klimaproblem hat. Besonders die Wachstumsraten sind eine enorme Herausforderung. Aber die Airlines sind mitnichten die "neue Kohle". Vor dem Hintergrund dieses eklatanten Missverhältnisses ist es mir unbegreiflich, wie selbst die Redaktionen namhafter Medien absolut kein Gefühl für die Relationen im Bereich von Klimagasemissionen zu haben scheinen.

Ohnehin gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen Flugzeugen und Kohlekraftwerken, der regelmäßig von vielen Beteiligten vergessen wird: Ein abgeschriebenes Kohlekraftwerk ist nicht nur eine massive CO2-Schleuder, sondern vor allem auch eine billig zu betreibende Gelddruckmaschine. Deswegen ist der Emissionshandel ein sinnvolles Instrument, um die Produktion zu verteuern. Weil Kerosin dagegen der mit Abstand größte Kostenblock in den Bilanzen aller Fluggesellschaften ist, will jede Airline so schnell es geht davon weg. Nur gibt es (noch) keine technischen Alternativen.

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der studierte Marketing- und Kommunikationsfachmann beschäftigt sich seit 2007 professionell mit den Themen der Luftverkehrswirtschaft und Luftverkehrspolitik
Kontakt: david.hasse@airliners.de

Von: dh

Datum: 05.04.2019 - 11:07

Adresse: http://www.airliners.de/neues-klimalobby-bullshit-bingo/49588