Neuentwicklung von 797 vorerst kein Thema mehr für Boeing

07.08.2019 - 14:20 0 Kommentare

Boeing verfolgt offenbar die Idee eines neuen Middle-of-the-Market-Flugzeugs vorerst nicht weiter. Luftfahrtexperte Michael Santo berichtet, dass wegen der 737-Max-Krise die Kapazitäten des Konzerns an Grenzen kommen.

Boeing-Schriftzug in Everett - © © Hendrik Rybicki -

Boeing-Schriftzug in Everett © Hendrik Rybicki

US-Flugzeugbauer Boeing hat mit seinem umstrittenen Vorgehen bei Entwicklung und Zertifizierung der 737 Max nicht nur seine Reputation schwer beschädigt, sondern sich auch finanziell in eine Schieflage manövriert. Dies schlägt so weit durch, dass nach Ansicht des Luftfahrtexperten Michael Santo ein gänzlich neuer Entwurf für ein neues Mittelstreckenflugzeug in weite Ferne gerückt ist.

Offenbar sind alle Kapazitäten bei Boeing auf die Bewältigung der Probleme der 737 Max gerichtet, weshalb es an Personal und finanziellen Ressourcen für eine teure, langwierige und aufwendige Entwicklung eines komplett neuen Flugzeugs mangelt.

Ein neues Modell für den "Middle of the Market", über das unter dem Namen 797 seit Jahren spekuliert wird und das als Nachfolger der ausgelaufenen 757 in Frage käme, sei momentan bei Boeing kein Thema, so der Analyst. Mit Ausnahme einiger weniger unermüdlicher Verfechter bei Boeing verfolgt momentan niemand mehr aktiv das Thema 797. Die Krise um die Max überschatte alles.

© EPA/dpa, Guillaume Horcajuelo Lesen Sie auch: Airbus will mögliche Boeing 797 mit Kampfpreisen kontern

Embraer-Kauf belastet Finanzen zusätzlich

Außerdem habe Boeing die Übernahme der zivilen Flugzeugsparte des brasilianischen Embraer-Konzerns finanziell noch nicht verdaut. Insgesamt hätten dafür 4,2 Milliarden US-Dollar gestemmt werden müssen, so der Luftfahrtanalyst. Deshalb plane Boeing nun eine Finanzierungsrunde in Höhe von 5,5 Milliarden US-Dollar. Das Geld solle auch dazu genutzt werden, außerplanmäßigen Kapitalbedarf in anderen Geschäftsbereichen auszugleichen.

Und natürlich wird in einer solchen Situation auch die Personaldecke überprüft. Erfahrungsgemäß werden davon zunächst die Headquarter-Funktionen in Everett betroffen sein.

Weiterführung der 737-Max-Produktion ein Wagnis

Bei der Wiederzulassung der 737 Max geht es für Boeing langsam in eine entscheidende Phase. Anfang dieser Woche hat der Hersteller nach Informationen verschiedener Quellen mit dem Testprogramm zur Wiederzulassung des Flugzeugs begonnen. Boeing strebe nach wie vor eine reine Software-Lösung und keine Hardware-Änderungen an, habe allerdings ein kleines Team mit Analysen zu möglichen aerodynamischen Modifikationen an den Triebwerksaufhängungen beauftragt.

Dieses Vorgehen macht aus Sicht von Santo absolut Sinn, Boeing ziehe damit bereits eine weitere Ebene in den Prozess für den Fall ein, dass sich die amerikanische Luftfahrtaufsichtsbehörde FAA nicht mit der reinen Softwareanpassung zufrieden gibt

Als Ursache der beiden Abstürze in Äthiopien und Indonesien wird ein Problem bei dem neuartigen Stabilisierungssystem MCAS vermutet, mit dessen Update Boeing die Flugzeuge wieder zulassen möchte. Das MCAS soll dafür sorgen, dass die Max sich im Flug so verhält wie ihre Vorgängermodelle, um den Aufwand für Unterschiedsschulungen so gering wie möglich zu halten. Eigentlich wäre das Handling der Max aufgrund der veränderten Konstruktion mit neuen Motoren anders als das ihrer Vorgänger.

Nach einem internen, allerdings noch unbestätigten Zeitplan solle ab Oktober die Wiederzulassung angestrebt und noch vor Jahresende das Flugverbot für alle 737 Max wieder aufgehoben werden. Wenn das klappt, kann vermutlich auch die bislang weiterlaufende Produktion ohne größere Probleme fortgeführt werden. Mittlerweile wird aber der Raum für fertige Flugzeuge ebenso wie für große Komponenten wie Rümpfe knapp.

Nach Einschätzung von Luftfahrtanalyst Santo erzeugt das Weiterführen der Produktion daher einerseits einen klaren öffentlichen Druck. Auf der anderen Seite sei es allerdings ein gewagtes Spiel, da die FAA mit Sicherheit eine deutlich intensivere Prüfung als in den letzten Jahren durchführen werde. Beim geringsten Zweifel werde die Aufsichtsbehörde die Wiederzulassung weiter verschieben.

Der Hersteller prüft mittlerweile auch, ob die Produktion der 737 Max noch weiter heruntergefahren oder sogar temporär komplett gestoppt werden muss.

Bei den zwei Abstürzen von Boeing 737 Max in Indonesien und Äthiopien waren insgesamt 346 Menschen ums Leben gekommen. In der Folge wurde im März ein weltweites Flugverbot für die Baureihe verhängt, das bis auf weiteres gilt.

Von: hr
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