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Neue Runde in der Alitalia Endlos-Saga

06.12.2007 - 15:15 0 Kommentare

«Möge der Beste gewinnen!» Mit diesem sportlich-fairen Spruch hatte der italienische Ministerpräsident Romano Prodi erst am Mittwoch seine Zukunfts-Hoffnungen für die marode Fluggesellschaft Alitalia auf den Punkt gebracht. Jetzt sind die Karten auf dem Tisch: Air France-KLM und die italienische Air One haben - noch völlig unverbindlich - ihr Interesse an einer Übernahme erklärt. Überraschend kam hingegen für viele italienische Beobachter die Absage der Lufthansa, die den Deutschen gute Chancen ausgerechnet hatten.

Seit im Juli ein erstes Bieterverfahren für Alitalia kläglich gescheitert war, ist Prodi in der Bredouille. Damals hatten nach monatelangen Spekulationen schließlich alle Interessenten das Handtuch geworfen - es gebe keine Verhandlungsspielräume mit der Regierung und damit auch keine Sanierungschance, begründete etwa der italienische Geschäftsmann Carlo Toto, zu dessen AP Holding auch der Lufthansa-Partner Air One gehört, seinen Ausstieg. Jetzt gilt Air One wieder als möglicher Anwärter, denn die Bedingungen für den Kauf haben sich mittlerweile geändert.

Da ist zunächst einmal der neue Chef von Alitalia, Maurizio Prato, der sehr konkret an seine große Aufgabe herangeht. Bereits Ende August legte er einen wohl durchdachten neuen Rettungsplan für das Sorgenkind vor, in dem nicht nur Stellenkürzungen, sondern auch die Einstellung nicht-profitabler Verbindungen eingeräumt werden. Zudem sieht der Plan vor, die Alitalia-Flüge demnächst hauptsächlich über den römischen Flughafen Fiumicino und weniger über den Mailänder Airport Malpensa abzuwickeln - ein Punkt, der vor allem bei Air France-KLM als Bedingung für eine mögliche Übernahme gilt.

Kaufpreise wurden unterdessen noch nicht genannt - jedoch soll zumindest der französisch-niederländische Konzern nicht bereit sein, den als «überzogen» gewerteten Börsenwert von 1,1 Milliarden Euro zu zahlen. Die französische Wirtschaftszeitung "La Tribune" berichtet, der von Air France gebotene Kaufpreis sei deutlich niedriger als der dieser Börsenwert.

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Hintergrund: Air France-KLM und Alitalia

Die größte europäische Fluggesellschaft Air France-KLM will den Sanierungsfall Alitalia übernehmen. Im ersten Halbjahr des Finanzjahres 2007/08 (bis 30. September) steigerte der französische Konzern seinen Überschuss um 86,2 Prozent auf 1,15 Milliarden Euro. Das Betriebsergebnis nahm um 16,4 Prozent auf 1,14 Milliarden Euro zu. Der Halbjahresumsatz stieg trotz der Dollarschwäche um 4,2 Prozent auf 12,43 Milliarden Euro. Der Gewinn ermöglichte den Abbau der Schulden um fast eine halbe Milliarde auf 3,11 Milliarden Euro und die Erhöhung des Eigenkapitals um 1,2 Milliarden auf 9,6 Milliarden Euro.

Air France-KLM verfügt über rund 570 Flugzeuge und beförderte damit im vergangenen Geschäftsjahr 73,5 Millionen Passagiere. Bis 2012 will der Konzern weitere 112 Maschinen beziehen, darunter 12 Airbus A380 und 19 Boeing 777.

Die zum Verkauf stehende marode Alitalia konnte ihren Verlust im ersten Halbjahr 2007 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 220 Millionen Euro auf 211 Millionen Euro verringern. Wegen der in diesem Zeitraum von 11,7 Millionen auf 11,9 Millionen gestiegenen Passagierzahlen konnte die italienische Fluggesellschaft den Umsatz um 3 Prozent auf 2,31 Milliarden Euro steigern. Für den staatlichen Anteil von 49,9 Prozent erwartet die italienische Regierung einen Kaufpreis von mindestens 1,5 Milliarden Euro. Für die Sanierung muss ein Käufer mit weiteren 1,5 Milliarden Euro an Investitionen rechnen.

Alitalia mit noch gut 11.000 Beschäftigten ist seit Jahren in schweren Turbulenzen. Von 1996 bis 2006 häufte die Fluggesellschaft laut Wirtschaftsministerium in Rom 3,1 Milliarden Euro Verluste an. Der Staat musste Milliarden zuschießen, um eine Pleite abzuwenden. Seit Monaten versucht Italien nun, seinen 49,9-Prozent-Anteil zu verkaufen. Eine erste Bieterrunde war im Juli gescheitert, weil sich alle Bewerber wegen aus ihrer Sicht nicht akzeptabler Bedingungen für eine Sanierung wieder zurückzogen.

Nach einer umfassenden Prüfung hat sich denn nun auch die Lufthansa entschlossen, im jüngsten Bieterverfehren kein Angebot für die italienische Nationalairline abzugeben. Damit überlässt die Kranich-Linie der französisch-niederländischen Air France-KLM und der italienischen Billigfluggesellschaft Air One das Feld.

Air France ist seit 2001 mit der 185 Flugzeuge zählenden Alitalia über eine gemeinsame Gesellschaft verbunden. 2003 tauschten sie symbolisch Kapitalanteile von jeweils zwei Prozent. Beide sind auch Mitglied der Luftfahrtallianz SkyTeam.

An der Pariser Börse wurde der Plan gut aufgenommen. Die Air-France-Aktie legte zeitweise mehr als fünf Prozent zu. "Der Rückzug der Lufthansa aus dem Privatisierungsprozess ist eine gute Nachricht für Air France", sagte Stéphane Radiguet de Raymond James Asset Management. "Das heißt, dass es keinen Preiskrieg geben wird." Gegenüber Air One habe Air France aufgrund der Größe eindeutig die besseren Karten und könne "attraktive finanzielle Bedingungen" bei der italienischen Regierung aushandeln.

Die von einem Bankenkonsortium unterstützte italienische Air One hat als nationaler Bieter allerdings einen Teil der Politik hinter sich. Doch ihr Umsatz von 611 Millionen Euro im vergangenen Jahr entspricht gerade einmal dem Verlust von Alitalia.

Für Prodi und seine zerstrittene Regierung wird es in dieser Endlos-Saga vor allem zeitlich immer enger. Sollte das Verfahren erneut scheitern, mit dem der Staat seinen 49,9-Prozent-Anteil veräußern will, «dann würde das ganze Spiel nochmal bei Null beginnen», schrieb die Zeitung «La Repubblica» am Donnerstag. «Und dann wird auch die Möglichkeit, dass die Regierung einen Staatskommissar zur Leitung von Alitalia einsetzen muss, sehr konkret.»

Prodi will nun bis Weihnachten zwischen Air France und Air One entscheiden. Für die Alitalia-Aktie brachte die neue Hoffnung auf ein Ende der Krise ein kräftiges Plus von vier Prozent auf 87 Cent an der Börse.

Vieles wird davon abhängen, wie die Gewerkschaften auf die Sanierungspläne der Kaufanwärter reagieren. Angeblich will Air France-KLM bei Alitalia 2700 Arbeitsplätze streichen und die Flotte um 30 Flugzeuge verkleinern - da bahnen sich wieder Streiks und Proteste an. Marco Veneziani von der Transportgewerkschaft Uil fasste das so zusammen: «Uns interessiert nicht die Nationalflagge des Käufers, sondern dessen Industrieplan.» Zumindest in diesem Punkt stimmen die Arbeitnehmerverbände scheinbar mit Prodi überein, der das so formulierte: «Wer der neue Besitzer ist, ist nebensächlich. Wesentlich ist die Strategie.»

Von: Von Carola Frentzen, dpa (mit AFP)
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