Digital Passenger (14) ( Gastautor werden )

Nett, aber nutzlos

08.08.2017 - 09:09 0 Kommentare

Wenn es um die Digitalisierung des Fliegens geht, wird gern das Electronic Luggage Tag angeführt. Letztendlich ist das elektronische Gepäckband aber nur eine teure Spielerei, meint Digital Passenger Andreas Sebayang.

Das Electronic Luggage Tag am Rimowa-Koffer ist gut lesbar angebracht.

Das Electronic Luggage Tag am Rimowa-Koffer ist gut lesbar angebracht.
© airliners.de - Andreas Sebayang

Von der Eva-App wird das Electronic Tag zum Koffer gesendet.

Von der Eva-App wird das Electronic Tag zum Koffer gesendet.
© airliners.de - Andreas Sebayang

Bei der Lufthansa gab es Probleme beim Einchecken mit dem Tag.

Bei der Lufthansa gab es Probleme beim Einchecken mit dem Tag.
© airliners.de - Andreas Sebayang

Das Rimowa Electronic Luggage Tag soll die alten, aber äußerst robusten Gepäckpapieranhänger ablösen. Statt des Beklebens des Koffers übernimmt ein Schwarz-Weiß-E-Paper-Display die Aufgabe. Stromzufuhr ist nur während einer Änderung notwendig und die Lesbarkeit ist mit Papier vergleichbar.

Ideal für Scanner, die nun nicht mehr verhedderte Papieranhänger lesen müssen, denn das E-Paper-Display ist sauber in den Koffer eingelassen und wird von Gorilla-Glas geschützt, das von vielen hochwertigen Smartphones bekannt ist. Nach etwa einem halben Jahr des Einsatzes zeigt das Display so gut wie keine Schäden. Der Koffer hat hingegen schon zahlreiche Kratzer abbekommen.

Einfache Handhabung

Bei meinem letzten Flug mit der taiwanischen Fluggesellschaft Eva Air von Taipei-Songshan nach Seoul-Gimpo konnte ich es ein weiteres Mal ausprobieren. Nach etwas ernüchternden Erfahrungen bei Lufthansa war ich gespannt, wie es dort aussieht.

Die Umsetzung ist denkbar einfach. Ich checke mich per App bei Eva Air ein, tippe auf das Feld für das elektronische Luggage-Tag und drücke im Innenbereich des Koffers eine Taste zur kurzzeitigen Bluetooth-Aktivierung. Schon wird mein zuvor gespeichertes Bild samt Firmenadresse und Namen durch das Luggage Tag ersetzt. Das dauert ein paar Sekunden und fertig ist das Ganze.

Beim Schalter am Flughafen Taipei-Songshan wird der Koffer einfach nur noch abgegeben. Ein Gepäckband muss nicht mehr drumrumgewickelt werden. Allerdings besteht Eva Air auf einen Adressaufkleber. Durch das Luggage Tag fehlt die Information leider, die zuvor auf dem Display angezeigt wurde ...

Keine Gepäckquittung mehr

Das war es dann aber auch. Es gibt keine Gepäckquittung mehr. Diese ist in der Eva-Air-App gelistet. Allerdings ohne weitere Informationen über den Verbleib des Gepäckstücks. Immerhin hat Eva Air kürzlich ihre App modernisiert und so den Umgang mit dem Tag erleichtert. Bis dahin hatte die Fluggesellschaft noch ein Design, dass eher an Windows-95-Zeiten erinnerte. Wer taiwanesische Platinenhersteller kennt, weiß aber, dass es dort einen gewissen Tech-Stil gibt, dem auch Eva Air lange nicht widerstehen konnte.

Einen großen Zeitgewinn gibt es jedoch nicht, denn Eva Air gehört zu den Carriern, die das Herumwickeln der Luggage Tags nicht auf den Kunden abwälzen. In der Theorie lässt sich aber auch die personallose Abgabe von Gepäck so fix erledigen. Zuhause einchecken, Gepäck am Flughafen in den Automaten geben und zum Abfluggate gehen. Fertig. Schlange stehen ist nicht mehr notwendig.

App ist langsamer als die Website

Bei Lufthansa ist die Umsetzung etwas weitreichender, allerdings auch mit allerhand Fehlern belegt. Dort lässt sich das Gepäck von der Verladung über die Umladung bei einem Zwischenstopp bis hin zur Ausgabe verfolgen. Theoretisch. Das elektronische Tag landet mitunter erst lange nach der Ankunft in der App oder beim ersten Umstieg. Die Daten sind allerdings da. Wer die Webseite für sein Gepäck öffnet, findet die Positionen erheblich schneller.

Der Grund liegt an teils fehlenden Funktionen in der Lufthansa-App. So fehlt etwa die Möglichkeit einer Aktualisierung. Das lässt sich immerhin leicht umgehen. Das gezielte Abschießen der App aus dem Speicher kann, muss aber nicht, helfen. Dann wird die Lufthansa-App nämlich gezwungen, die Daten neu abzufragen. Das führt manchmal (aber längst nicht immer) zum Erfolg.

Landet die digitale Gepäckbestätigung dann in der App, hat Lufthansa zudem ein Sortierungsproblem. Die Daten werden nicht in chronologischer Reihenfolge angezeigt, sondern wild durcheinander. Ein seltsamer, eigentlich auf den ersten Blick leicht behebbarer Fehler. Doch der Fehler liegt vermutlich im Backend, wie ein Blick auf die Webseite fürs Gepäck zeigt, denn letztendlich hat Lufthansa den einfachen Weg gewählt und nicht etwa die Gepäckverwaltung in die App nativ integriert.

© dpa, Kai Remmers Lesen Sie auch: Sita empfiehlt Funktechnologie bei Gepäck-Nachverfolgung

Das Unternehmen blendet eigentlich nur die Webseite in der App ein, was mitunter weitere Probleme auslöst, da der integrierte Webbrowser oft nicht korrekt arbeitet.

Ein weiteres Problem: Standardisierung

Abseits von Lufthansa sowie Eva Air und seit kurzem auch Swiss lässt sich das Luggage Tag derzeit nicht nutzen, und damit zeigt sich ein weiteres Problem: die Standardisierung. Das Rimowa Electronic Luggage Tag funktioniert nur mit Rimowa-Koffern und das wird wohl auch so bleiben.

Ich hatte schon 2016 beim Hersteller nachgefragt und die Antwort war nicht nur unbefriedigend, sie zeigte auch, dass sich darüber gar keine Gedanken gemacht wurde. Aber wo kämen wir hin, wenn neben Rimowa auch Samsonite oder Eminent gemeinsam Luggage Tags einbinden?

Von der ach so schönen modernen Gepäckwelt ist also nicht viel zu sehen. Der Fluggesellschaft wird etwas Arbeit gespart - sofern es sich um eine klassische Schalterabgabe handelt. Immerhin soll die Unterstützung ausgeweitet werden. United Airlines und einige Ferienflieger wie Thomas Cook und Condor sollen folgen. Rimowa hat die Hinweise darauf aber kürzlich von seiner Homepage entfernt.

Fazit

Rational betrachtet ist es den Aufpreis von rund 100 Euro, den etwa die Lufthansa für die Koffer mit Tag verlangen, eigentlich nicht wert - insbesondere wenn man bedenkt, wie unzuverlässig die Umsetzung des Rimowa-Tags teilweise ist.

Die eingeschränkten Funktionen seitens Eva Air enttäuschen zudem, wenngleich der Ansatz der bessere ist. Lieber wenige Funktionen, diese aber sauber in der App integriert. Aber von den Großen Plänen (Bag2Go) ist nichts übrig geblieben. Zu groß sind anscheinend die technischen Hürden eines wirklich intelligenten Gepäckstücks, dass seine Position ständig meldet.

Nichtsdestotrotz bereue ich den Kauf nicht, das liegt wohl an der ausgeprägten Technikaffinität, die einen schlicht einfach alles ausprobieren lassen will. Spaß macht es trotzdem. Zudem bleiben die Kosten im Vergleich zu schnell veralteter Technik wie Smartphone, Tablet oder Laptop im Rahmen. Wenn ich allerdings selbst hochrangige Luftfahrtexperten über die Technik schwärmen sehe, schüttele ich nur mit dem Kopf. Das Rimowa Electronic Luggage Tag ist ein teures Vielflieger-Hobby, mehr nicht.

Über den Autor

In seiner Reihe "Digital Passenger" kommentiert Technik-Journalist Andreas Sebayang auf airliners.de den digitalen Wandel in der Luftverkehrswirtschaft.

Andreas Sebayang ist der Digital Passenger, Foto: Sebastian KuhbachAndreas Sebayang ist als Hardware-Journalist regelmäßig für die Berliner IT-Nachrichtenseite Golem.de mit dem Flugzeug in der ganzen Welt unterwegs. Seine Erlebnisse als Vielflieger dokumentiert er auch auf seinem Instagram-Account AroundTheBlueMarble. Kontakt: digital-passenger@airliners.de

Von: Andreas Sebayang für airliners.de
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