Naiv ist, wer pauschal billig bucht

01.02.2016 - 16:19 0 Kommentare

Ein Pauschalreise-Familienausflug hat für airliners.de-Chefredakteur David Haße etwas Lehrreiches: Wer nicht aufpasst, sitzt ungefragt im Billigflieger. Selbst auf langen Strecken. Ein Gedankenflug.

Passagiere am Flughafen Frankfurt machen sich auf den Weg zu ihrer Maschine. - © © dpa - Frank Rumpenhorst

Passagiere am Flughafen Frankfurt machen sich auf den Weg zu ihrer Maschine. © dpa /Frank Rumpenhorst

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Ich gebe zu, es ist schon ein Weilchen her, dass ich in einem Charterflieger saß. Als ich mit meinen Eltern anno dazumal von Berlin-Tegel im Pauschal-Arrangement in die Wärme geflogen bin, hatten die Fluggesellschaften noch Namen wie Deutsche BA, Euroberlin oder Dan Air.

Zugegeben, im Nachhinein erscheint es mir durchaus naiv: Aber als ich jetzt drei Dekaden später erstmals selbst als Papa einen Vollcharter-Pauschalreisetripp buchte, war mir eines wirklich nicht bewusst: Die Billigfliegerei ist in der Zwischenzeit offensichtlich auch bei reinen Touristenfliegern zum Standard geworden.

Ich würde mich zwar nicht als ausgesprochenen Vielflieger bezeichnen, aber ich sitze schon recht häufig in Flugzeugen von Airlines jeglicher Couleur. Nicht zuletzt mein Job müsste mich eigentlich auch gelehrt haben, dass heute in Sachen Bordservice nichts mehr ist wie Anno dazumal. Warum also hatte ich jetzt etwas anderes erwartet?

So blöd es vielleicht klingen mag: Ein einfacher Hinweis auf kostenfreies Gepäck in der Reisebeschreibung hatte irgendwie den Eindruck hinterlassen, dass der Rest des Charterfluges dann auch nicht nach dem Lowcost-Prinzip ablaufen würde - gerade weil es auch nicht nach Mallorca gehen sollte sondern an den Persischen Golf: Fünf-Sterne-Hotel und sechs-Stunden-Flug inklusive.

Für All-Inclusive-Gäste eine Zumutung

Wie dem auch sei: Ich war am Sonntag ganz sicher nicht der einzige an Bord, dem erst durch eine Lautsprecheransage der charmanten Flugbegleiter schlagartig bewusst wurde, dass es Mahlzeiten und Getränke in den nächsten Stunden nur gegen Bares geben würde.

Das Raunen im Flieger war nicht zu überhören und soweit ich später im Hotel beim Frühstück und der Poolbar lauschen durfte, gab es bei etlichen Mitreisenden auch noch Stunden nach dem "Bier und Sandwich - acht Euro bitte!"-Schock im Flieger kaum ein anderes Thema. Unverschämt, so die übereinstimmende Meinung, schließlich habe man nicht umsonst All-Inclusive-Ultra gebucht.

Dabei bin ich im Gegensatz zu meinen neuen Pool-Bekannten nicht einmal der Fluggesellschaft böse: Die ist im Vollcharter logischerweise immer nur genau so spendabel, wie es der Auftraggeber verlangt. Und in den ersten Reihen gab es tatsächlich Leute, die sich gleich nach dem Start über Zeitschriften, ein recht profan anmutendes Tablett mit Speisen sowie einen ganz normalen Getränkeservice freuen durften.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Bei einem Familienurlaub in die Ferne fallen rund 100 Euro extra für die Versorgung auf dem Hin- und Rückflug nicht wirklich ins Gewicht. Ich hätte nur vorher gerne gewusst, wie viel Taschengeld ich für die Flüge mitnehmen muss.

Und die Option auf eine selbstverständliche Langstreckenflug-Grundversorgung war augenscheinlich nicht nur in meiner Online-Buchungsmaske extrem gut versteckt - vielleicht aus Angst, dass es sich der ein oder andere im letzten Moment doch noch anders überlegt?

Lowcost auf der Langstrecke: Nicht erstrebenswert

Und nun kommt die Selbsterkenntnis. Erstens: Wer billig bucht, hat selbst Schuld. Zweitens: Anders als auf kurzen innereuropäischen Low-Cost-Standardhüpfern ist das "a la Carte"-Konzept schon auf einer "kurzen Langstrecke" echt nicht erstrebenswert. Wer etwa anderes behauptet, hat offenbar den Knall nicht gehört.

© airliners.de, Lesen Sie auch: Über die Freiheit, auszuwählen

Klar hat man als Passagier oberflächlich betrachtet auch auf einem Langstreckenflug mit Billigflieger-Zusatzgeschäftskonzept eine bessere Auswahl als im "Alle bekommen dasselbe"-Charterflieger. Nur ist es offensichtlich nicht nur mir, meiner Frau und meinen Kindern unmöglich, auf einem Flug deutlich über ein, zwei Stunden auf Essen und Trinken zu verzichten.

Und damit wird aus einer Aufpreis-würdigen Comodity auf normalen Billigflieger-Strecken auf der Langstrecke ein Grundbedürfnis. Und wenn Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden, ist das per se ein nicht erstrebenswerter Zustand. Das ist in der Maslowschen Bedürfnispyramide nicht anders als im Low-Cost-Charterflieger an den Persischen Golf.

Möglicherweise werde ich langsam alt, bin mittlerweile zu verwöhnt, habe selbst den Low-Cost-Knall einfach noch nicht gehört oder alles zusammen. Aber mich hat die Erfahrung eines gelehrt: Die nächste Urlaubsreise stelle ich wieder aus Einzelkomponenten zusammen. Da weiß ich dann jedenfalls, was ich bei der jeweiligen Airline zu erwarten habe.

Morgen ist das Kennenlern-Treffen mit unserem Reiseleiter. Zu diesen Treffen sind zwar schon meine Eltern nie hingegangen, weil es dabei schon vor 30 Jahren nur um den Verkauf kostenpflichtiger Zusatzleistungen wie Ausflüge ging. Aber wie gesagt: Wenn man das weiß, ist es ja auch OK.

Ich werde die Gelegenheit also nutzen, um nach dem Preis für ein Upgrade auf dem Rückflug zu fragen. Und schwuppdiwupp verwandelt der sich hoffentlich in ein Erlebnis, wie ich es als Kind in Erinnerung habe: Cola soviel man will und ein Sandwich auf einem engen Tablett. Nur eines kann ich meinen Kindern wohl leider für kein Geld der Welt kaufen: Ins Cockpit darf heute so einfach niemand mehr reinschauen.

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der studierte Marketing- und Kommunikationsfachmann ist beruflich seit rund 15 Jahren in der Onlinebranche zu Hause. 2007 wagte er mit dem zuvor als Projekt gestarteten airliners.de den Schritt in die Selbständigkeit. Kontakt: david.hasse@airliners.de

Von: dh, gk
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