Die Born-Ansage (53) ( Gastautor werden )

Muss Fliegen wirklich noch billiger werden?

16.02.2017 - 09:00 0 Kommentare

Immer billiger werden - das dient nicht mehr der Erschließung neuer Kundenschichten, sondern dem Verdrängungswettbewerb. Kolumnist Karl Born weiß, wohin das führt. Ein Weckruf.

Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. - © © airliners.de, Karl Born -

Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. © airliners.de, Karl Born

"Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgendjemand ein wenig schlechter machen kann und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Menschen."

Dieses Zitat hat mir die Verbreitung der Angebotspalette von Billigfluggesellschaften wie Ryanair, easyjet, Eurowings, Wizz Air, Wow Air, Norwegian und anderen wieder in Erinnerung gebracht. Es stammt von John Ruskin, einem englischen Sozialphilosophen, wohlgemerkt aus dem 19. Jahrhundert. Wettbewerb nur über den Preis hat also eine lange Tradition - mit nur geringem Lerneffekt.

Aldi und Lidl machen es vor

Gut, Fliegen soll kein Luxusgut sein und möglichst vielen Menschen offen stehen. Aber das ist doch seit Jahren kein Thema mehr. Immer billiger werden zu wollen, dient nicht mehr dazu, neue Kundenschichten zu erschließen, sondern nur dem Verdrängungswettbewerb.

Wohin das führt, können wir bei anderen Branchen beobachten. Die permanenten Preissenkungsaktionen der Discounter wie Aldi oder Lidl erweitern schon lange nicht mehr den Gesamtmarktanteil der Discounter gegenüber den traditionellen Anbietern, sondern dienen nur noch der Marktanteils-Umschichtung untereinander.

Der CEO einer bekannten Touristikgesellschaft berichtete mir mal stolz, wieviel "traffic" neuerdings auf der Website seiner Airline sei. Und was haben die Kunden dort gemacht? Sie haben sich nicht über die Airline informiert, sondern nur geschaut, ob es hier oder anderswo ein Euro billiger sei. Ein unverändert wertvolles Gut wird in der Vermarktung auf einen Euro Preisunterschied degeneriert.

Das neue Eldorado für zweitklassige Manager

Ich könnte mich jedesmal aufs Neue amüsieren, wenn sich ein bei der Buchung besonders schlauer User über den Sitzabstand auf einem Langstreckenflug beklagt und ebenso vermeintlich eloquent bemerkt, dass die Legehennen-Verordnung doch wesentlich strenger sei.

Ebenso finde ich es "lustig", wenn die angeblichen "Urlaubsretter" im Privatfernsehen Bilder von "unmöglichen" Hotels kommentieren, aber nur am Rande den kleinen dreistelligen Preis erwähnen, den in Folge des Preissenkungswahns heute viele Urlauber auch für einen Urlaub in der Karibik für ganz normal halten.

© AirTeamImages.com, Paul Buchroeder Lesen Sie auch: Billigflieger werden in Deutschland weiter wachsen

Der Preis als einziges Marketing-Instrument ist zum Eldorado für viele zweitklassige Manager geworden. Um einen Euro billiger anzubieten als die Konkurrenz (egal ob man sich das leisten kann oder nicht), muss man keine Betriebswirtschaft studiert haben. Zumal mit der Preissenkung ein Wegfall von Leistungen für den Kunden einhergeht. Oder der Kunde muss zunehmend Leistungen selbst erbringen (zum Beispiel beim Check-In). Oder die Preissenkung gehen zu Lasten der Beschäftigten (Gehaltseinbußen, Arbeitsverdichtung) oder zu Lasten dritter Marktteilnehmer.

Ein früherer Geschäftsführer von Tuifly begründete die weitere Abschaffung einer bislang etablierten Leistung mit den Worten: "Wir passen uns damit dem Wettbewerb an." Müssen sich die Kunden da bedanken?

Dummerweise ist dies alles zu einem allgemeinen Wahn geworden. In "Fragmente", den philosophisch-aphoristischen Schriften von Novalis, heißt es so schön: "Gemeinschaftlicher Wahnsinn hört auf, Wahnsinn zu sein, und wird Magie, Wahnsinn nach Regeln und mit vollem Bewusstsein." Na dann, guten Flug!

Etwas Nettes soll aber doch noch zum Schluss kommen. Nicht am Valentinstag, sondern zu den Erstflügen der Eurowings mit Air-Berlin-Fluggerät, postete der Social-Media-Bereich der Air Berlin: "In einer offenen Beziehung mit Eurowings." Das finde ich kreativ (und offensichtlich auch inhaltlich richtig).

Über den Autor

In seiner Reihe "Die Born-Ansage" veröffentlicht der ehemalige Condor-Vertriebschef, Tui-Vorstand und Touristik-Honorarprofessor Karl Born auf airliners.de Kolumnen zum aktuellen Geschehen in der Luftverkehrswirtschaft.

Professor Karl BornAls Redner auf Führungskräfte- und Verbandstagungen ist Karl Born in der ganzen Welt unterwegs. Als "Querdenker der Reisebranche" für seine "Bissigen Bemerkungen" ausgezeichnet, nimmt der ehemalige Airline- und Touristikmanager auch in Sachen Luftverkehr kein Blatt vor den Mund. Kontakt

Von: Karl Born für airliners.de
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