Analyse

Strecke MUC-BER: Teure Züge und günstige Eurowings-Flüge

09.07.2019 - 08:48 0 Kommentare

Mit dem Einstieg von Eurowings zwischen München und Berlin gibt es neue Konkurrenz. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen hat airliners.de dabei stichprobenartig die Preisentwicklung beobachtet und zieht Schlüsse.

Ein ICE auf der Schnellfahrstrecke Berlin München in Thüringen. - © © Deutsche Bahn AG - Frank Barteld

Ein ICE auf der Schnellfahrstrecke Berlin München in Thüringen. © Deutsche Bahn AG /Frank Barteld

Durch die seit 2017 im Betrieb befindliche neue Schnellfahrstrecke der Bahn zwischen München und Berlin sowie der neuen, zusätzlichen Flugverbindung hat sich für Passagiere zwischen den beiden Städten eine interessante Konstellation ergeben. Mit der Bahn, Lufthansa, Easyjet und jetzt Eurowings buhlen vier Unternehmen um die Gunst der Reisenden.

Zwischen dem 11. Mai 2019 und dem Pfingswochenende hat sich airliners.de daher die Preisentwicklung genauer angeschaut. Der Fokus lag darauf, am Pfingstwochenende einen Kurztrip entweder in die Hauptstadt oder nach München zu planen.

Der Blick auf die Zahlen zeigte dabei schnell: Die Bahnstrecke funktioniert dank hoher Auslastung recht gut. Allerdings bleiben die Flugbewegungen seit der Eröffnung der Bahnstrecke laut der Daten vom statistischen Bundesamt bis zuletzt stabil. Eine Verlagerung vom Flug auf den Zug ist nicht zu erkennen. Trotzdem wird deutlich, dass die Bahn sehr gut angenommen wird. Die Konkurrenz zwischen Flugzeug und Zug sorgt jedoch bei der Bahn nicht für fallende Preise.

Die Bahn ist teuer

Wer ein Bahnticket kaufen will, muss tief in die Tasche greifen, während die Flugpreise selbst kurzfristig niedrig sein können. Mit dem Einstieg von Eurowings gibt es sogar noch günstigere Preise. Vor allem am Pfingstwochenende waren die Bahn-Preise hoch. Das Angebot hat jedoch auch seine Reize. Seit der Eröffnung des Verkehrsprojektes Deutsche Einheit 8 (VDE8), ist eine Fahrt Berlin-München in vier bis fünf Stunden möglich.

Wer von Innenstadt zu Innenstadt möchte und dabei das Flugzeug nimmt, sollte auch mindestens vier Stunden einplanen, angesichts der Situation an den Berliner Flughäfen eher noch mehr. Der Einstieg von Eurowings in den zwischen Bahn, Lufthansa und Easyjet umkämpften Markt erscheint in dieser Situation nicht unbedingt zwangsläufig.

Bei der Preisbetrachtung fällt vor allem der Unterschied zwischen Bahn und Flugzeug auf. Selbst bei kurzfristiger Buchung sind die Flugtickets günstig. Als Grundlage hat airliners.de mehrere Dutzend Stichproben um das vergangene Pfingstwochenende genutzt. Es war ein attraktiver Zeitpunkt für Münchner, mal die Bundeshauptstadt zu besuchen und für Berliner sich Bayerns Landeshauptstadt genauer anzuschauen. Damit kann dieses Wochenende als preisliche Worst-Case-Situation eingestuft werden.

Vor Pfingsten von Berlin nach München: Fliegen für um die 50 Euro

Während Eurowings auf der Strecke Kampfpreise rund um Pfingsten ab 35 Euro anbietet und die Lufthansa sowie Easyjet Preise ab etwa 50 Euro möglich machen, ist es bei der Bahn auffallend anders. Vor allem für Gelegenheitsfahrer, die keine Bahncard für Rabatte besitzen, wurde es sehr teuer.

Schon für den Freitag vor Pfingsten (7. Juni 2019) waren am 17. Mai bei der Bahn kaum noch Sparpreise zu bekommen. Dabei hat die Bahn recht viele Abstufungen. Wer am Freitag um 6 Uhr morgens ab Berlin losfahren wollte, der bekam noch eine wichtige Sparpreisstufe. Ohne Bahncard wären zu Beginn des Wochenendtrips 75,90 Euro zu bezahlen gewesen und - wie beim Flugzeug - eine Zugbindung hinzunehmen. Das Besondere an dem Preis: Er erlaubt auch das Fahren mit dem zuggebundenen Prämienticket für 1.000 Bahn-Bonuspunkte.

Die späteren Angebote konnten hingegen nicht mehr als zuggebundenes Prämienticket gebucht werden. Schon ab 7 Uhr Morgens lagen die Sparpreise bei 90 bis 106 Euro. Ab dem Mittag wurden bereits die ersten Züge gelistet, die nur noch über einen Flexpreis gebucht werden konnten, das pro Strecke stolze 167 Euro kostet. Gleichzeitig wurde eine hohe Auslastung angezeigt. Erfahrungsgemäß ist dann eine Reservierung empfehlenswert.

Flugpreise um die 200 Euro sind sehr selten

Ein völlig anderes Bild zeichnete sich im Flugverkehr ab. Eurowings schaffte es zwar nicht mehr, den Kampfpreis für 35 Euro anzubieten, doch der Morgen-Umlauf, ab Berlin etwa um sieben Uhr, war für 40 Euro zu haben. Ohne Gepäck freilich, das bei der Bahn kostenlos mitgenommen werden kann. Wer nicht so früh aufstehen will, konnte um neun Uhr für 60 Euro mit der Lufthansa fliegen, um zehn Uhr gab es einen Eurowings-Flug für 50 Euro und Easyjet bot kurz nach dem Mittag für 77 Euro ebenfalls einen Flug an. Solche Preise sind also oft günstiger als die Angebote der Deutschen Bahn. Selbst für Bahncard-Kunden lohnt es sich nicht immer, den Zug zu nehmen.

Nur wenige Flüge der Lufthansa waren am 17. Mai teurer als die Flexpreise der Deutschen Bahn. Manche kosteten dann allerdings mehr als 200 Euro. Easyjet und Eurowings blieben hingegen im Bereich unter 110 Euro.

Der Kurzurlaub nach Berlin ist per Bahn ab München etwas teurer

In der Gegenrichtung sahen die Preise im Flugverkehr für den Beginn des Kurztrips nach Berlin für den 7. Juni ähnlich aus. Das galt aber nur für den Abflug am Morgen bis in den frühen Nachmittag. Für den späten Nachmittag waren Flugpreise um die 180 Euro zu erkennen, also teurer als die Preise mit der Bahn.

Bei der Bahn hingegen waren die Preise Richtung Norden in der Tendenz noch teurer. Selbst der Zug um sechs Uhr nach Berlin früh kostete bereits 90 Euro im Sparpreis. Diesen Preis gab es für diesen Tag nur noch ein weiteres Mal. Sonst wurden durchweg mehr als 100 Euro verlangt.

Der Pfingstmontag wurde teuer

Noch teurer waren die Rückwege am Pfingstmontag. Es gab nur eine Ausnahme. Wer von Berlin sehr früh nach München zurück wollte, der konnte am Erhebungstag (17. Mai) für Preise unter 70 Euro Fahrscheine erwerben. Im Flugverkehr sah es an diesem Tag hingegen wieder äußerst günstig aus.

Die Preise änderten sich zum Pfingstwochenende in den Folgewochen kaum. Selbst wenige Tage vor Abflug waren noch günstige Flugtickets zu bekommen. Der Trip von Berlin nach München war pro Strecke für unter 80 Euro noch problemlos buchbar. Nur Münchner, die Berlin besuchen wollten, mussten fast immer über 100 Euro zahlen. Die Tendenz, dass für Berliner einen Besuch in München gündtiger ist blieb also auch in den Folgetagen noch erhalten.

Bei der Bahn lagen die Sparpreise, wenn es sie überhaupt gab, bei rund 140 Euro. Der Preisunterschied zum Flexticket war so gering, dass sich der Sparpreis eigentlich kaum noch lohnte. Nur wer früh am Freitag aufstehen wollte, bekam kurzfristig noch Preise um die 100 Euro. Da die Bahnfahrt somit fast immer teurer als ein Flug war, lohnte sich der Zug rein preislich für einen Kurztrip kaum. Das Preis-Leistungsverhältnis bessert sich aber, wenn größeres Gepäck mitgenommen werden muss.

15 Kilogramm Aufgabegepäck kosten bei Easyjet fast 19 Euro je Strecke. Schwereres Gepäck ist etwas teurer. Eurowings bietet 23 Kilogramm für rund 15 Euro. Für die Lufthansa gilt der selbe Preis. Teurer können zudem die Sitzplatzreservierungen werden. Während beim Zug nur 4,50 pro Strecke gezahlt werden, kann das beim Flugzeug, je nach persönlicher Präferenz, um ein vielfaches teurer werden. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied: Beim Zug ist eine Überbuchung gerade an reisestarken Zeiten nicht ungewöhnlich. Dann muss der Gast auf dem Boden seines gebuchten Zuges Sitzen. Beim Flugzeug sind Überbuchungssituationen hierzulande äußerst ungewöhnlich. Auch ohne Reservierung bekommt der Fluggast einen Platz zugewiesen.

Die Situation änderte sich auch in den Wochen und Monaten nach Pfingsten nicht. Im Gegenteil, im Flugverkehr sanken die Preisuntergrenzen. Easyjet und Eurowings haben sich angepasst und bieten beispielsweise für den 7. bis 10. August 2019 Flugpreise ab 33 beziehungsweise 30 Euro an. Das ist in etwa das Sparpreisniveau der langsamen ICEs, die zwischen Berlin und München fünf Stunden brauchen. Allerdings nur, wenn an einem Wochentag außer dem Freitag gebucht wird. Fahrten um ein Wochenende herum sind bei der Bahn auch weiterhin erheblich teurer.

Der Flugverkehr ist stabil, Tourismus steigt bei der Bahn

Nun könnte man schnell zu dem Schluss kommen, dass die Umsteiger vom Flugzeug dafür sorgen, dass sich die Bahn füllt und die Preise steigen. Ein Blick in die Daten des statistischen Bundesamtes belegt diese naheliegende Vermutung aber bisher nicht. Im Gegenteil: der Flugverkehr ist bis zum Februar 2019 stabil, obwohl die neue Zugstrecke seit Dezember 2017 angeboten wird. Der Originärverkehr zwischen München und Berlin lag beispielsweise im Februar 2018 bei 54.625 Personen. Insgesamt haben 72.036 Reisende für die Strecke das Flugzeug gewählt. Im August 2018 steigt der Originärverkehr auf 56.484 zu 69.512 Personen und im Februar 2019 schließlich sind es 60.905 zu 73.247 Fluggästen. Es ist ein konstant hohes Niveau zu beobachten und keine Auswirkungen durch die Bahnstrecke erkennbar.

© Thomas Rietig, Lesen Sie auch: Das Rennen ist eröffnet Schiene, Straße, Luft (11)

Diese Zahlen bestätigen auch Vertreter in der Industrie. Von der Presseabteilung des Münchener Flughafen heißt es etwa: "Es gibt keine negativen Auswirkungen auf den Flugverkehr zwischen Berlin und München. Neben Lufthansa und Easyjet fliegt nun sogar auch noch Eurowings." Auch Easyjet sagte auf airliners.de-Anfrage, dass kein Einfluss der Bahnstrecke zu erkennen sei. Burkhard Kieker, Geschäftsführer von Visit Berlin, hat eine Erklärung für das Phänomen: "Wir haben seit der Eröffnung der ICE-Schnellfahrstrecke deutlich mehr bayrische Touristen in der Stadt. Die ICE-Verbindung ist daher vor allem eine Ergänzung zum bestehenden Luftverkehr, die insgesamt mehr Nachfrage erzeugt."

Das erklärt die Stichproben, Statistiken und Beobachtungen. Zudem decken sich diese mit regelmäßig angefragten Preisen nach den Pfingstfeiertagen. Die Preise sind bei der Bahn durchweg hoch. Die Flugtickets, bei ebenfalls guter Auslastungsbeobachtung, niedrig. Sie sind aber wohl eher durch den Einstieg der Eurowings und dem Neuling auf der Strecke Easyjet zu erklären und nicht durch die Bahn.

Preisunterschiede zu hoch, um mit Steuern Veränderungen zu schaffen

Zu beachten ist hierbei, dass die Preisunterschiede so groß sind, dass auch die Diskussionen über das Senken der Mehrwertsteuer bei der Bahn oder das Erheben einer Kerosinsteuer das kaum ausgleichen könnten. Ein 50-Euro-Flugticket steigt mit Kerosinsteuer nicht auf die 150 Euro-Preise der Deutschen Bahn und andersrum reduziert eine Mehrwertsteuersenkung die Zugfahrkarte nicht in diesem Maße. Mit steuerlichen Mitteln ist eine Verlagerung des Verkehrs - zumindest auf dieser Relation - offenbar nicht zu erreichen.

Interessant ist zudem, dass die Preisgestaltung bei der Bahn einige Tricks erlaubt. Mitunter ist es möglich für ein und den selben Zug zwei Teiltickets zu kaufen: also etwa Berlin nach Leipzig und Leipzig nach München. Dabei gelang es airliners.de, am Freitag vor Pfingsten eine Ersparnis von rund 30 Euro zu erreichen, weil das letzte Segment noch als Sparpreis zur Verfügung stand. Die Preisgestaltung ist also nicht besonders transparent. Immerhin gibt es ein klar definiertes Oberlimit. Teurer als 167 Euro kann es auch bei extremer Nachfrage nicht werden. Fluggesellschaften verlangen in flexiblen Buchungsklassen wie B und Y auf der Strecke erheblich höhere Preise, was airliners.de aber nur sehr selten beobachten konnte.

Obwohl die neue Rennstrecke zwischen Berlin und München von vielen als Konkurrenz zum Luftverkehr eingestuft wird, ist sie es nicht. Die Bahnstrecke erzeugt nach den vorliegenden Informationen einen Bedarf an Verkehr, der vorher nicht gegeben war. Für die Bahn ist das gut, da sie sehr hohe Preise vorgeben kann, ohne sich vor der Konkurrenz des Flugzeuges fürchten zu müssen. Das gilt andersherum allerdings auch. Die Airlines müssen die Bahn nicht fürchten, sie haben aber untereinander genug mit den Preisen zu kämpfen.

Von: as
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