Schiene, Straße, Luft (6) ( Gastautor werden )

Mit dem Rad zum Flug ist nicht immer leicht

23.06.2017 - 08:00 0 Kommentare

Verrückt, sagen die einen - macht die Klimabilanz auch nicht besser, sagen die anderen. Trotzdem wagt Verkehrsjournalist Thomas Rietig einen Selbstversuch und fährt mit dem Fahrrad zum Flughafen. Disruptivdenker oder "Klimasau"?

Ein Fahrrad steht vor dem Terminal am Hauptstadtflughafen BER - © © dpa - Bernd Settnik

Ein Fahrrad steht vor dem Terminal am Hauptstadtflughafen BER © dpa /Bernd Settnik

200 Jahre Fahrrad: Die Radelfreunde feiern und fordern alle auf, mehr Fahrrad zu fahren. Außerdem reden sie von disruptivem Denken oder gar Handeln, sprich: dem Bruch mit herkömmlichen Vorgehensmustern. Zum Beispiel die Idee, für einen Daytrip nach - sagen wir - London mit dem Fahrrad zum Flughafen zu fahren und es dort zu "parken".

Mit dem Rad zum Flug - was spricht dafür? Schwitzen muss nicht sein. Entweder wir sind durchtrainiert, weil wir ja sowieso jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit fahren, oder wir haben ein E-Bike. Fürs Wetter gibt es die App. Bleibt die Gepäckfrage. Eine kleine Reisetasche passt auf den Gepäckträger, ein Rucksack auf den Rücken.

Ich wage den Selbstversuch in Berlin

Alle Fahrradwege nach TXL enden an der letzten Kreuzung vor der einzigen Zufahrt zum Flughafen. Weiterfahren ist Radlern aber nicht verboten. Eine Runde im "Inner Circle" des Airports später weiß ich: Hier steht kein Fahrrad, geschweige denn ein Fahrradständer.

Aber auf Ebene Null werde ich fündig. Es gibt sie doch, die Fahrradständer in TXL! Und nicht nur für Flughafen-Mitarbeiter, sondern für jedermann. Sie sind noch nicht einmal alle belegt. Auf dem Seitenstreifen der vorbeiführenden Fahrbahn unter der Rampe für die Linienbus-Vorfahrt stehen sogar "Einsatzfahrzeuge", also Polizeiautos. Vielleicht setzt deren Präsenz die Diebstahlschwelle leicht herauf. Von hier zum Gate ist es nur 18 Treppenstufen weiter als von der Bushaltestelle.

Es gibt sie, man muss nur suchen: Fahrradständer am Flughafen Berlin-Tegel. Foto: © Thomas Rietig

Diese offenbar auch schon jahrzehntealten Fahrradständer sind die Ausnahme. Tatsächlich lautet das größte Handicap für disruptive Rad-zum-Flug-Pioniere: Es ist einfach nicht vorgesehen, dass Flugpassagiere mit dem Rad anreisen. Ließe sich da was ändern? Es sieht meist noch nicht so aus.

Disruptivdenker oder "Klimasau"?

Ich habe die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) angeschrieben, ob sie dazu eine Haltung haben. Sie lautet zusammengefasst: Die paar Radfahrer interessieren uns nicht. Ohnehin könne man mit dem Fahrrad kaum Gepäck transportieren. Nachdem die Billigflieger die Mitnahme von möglichst wenig Gepäck fördern, könnten die Flughäfen vielleicht darüber nachdenken, diese Art der Anreise von sich aus attraktiver zu gestalten.

Auf der anderen Seite des verkehrspolitischen Spektrums zeigt der Verkehrsclub Deutschland (VCD) ebenso wenig Bereitschaft zu neuem Denken. Selbst wer mit dem Rad zum Flug fahre, sei in der Luft "die echte Klimasau", so die Antwort auf meine Anfrage. Daher lautet der Rat des VCD: "Öfter mal auf das Fliegen verzichten." Diesen Spruch habe ich jetzt echt gebraucht.

Zum Schluss aber der hoffnungsvolle Ausblick, in Form des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC): "Selbstverständlich sollten auch Flughäfen mit top-ausgebauten Radwegen an die regionalen Radverkehrsnetze angeschlossen und mit sehr guten Fahrrad-Abstellanlagen ausgestattet werden", sagt mir eine Sprecherin und verweist nicht nur auf vorbildliche Angebote in Dänemark oder den Niederlanden, sondern auch auf Fraport.

Dort ist der Radschnellweg Frankfurt-Darmstadt am Airport vorbeigeplant. Das nütze sowohl den Beschäftigten dort, die auf dem Weg zur Arbeit "die freie Verkehrsmittelwahl haben sollten", als auch Reisenden mit kleinem Gepäck. Fraport findet das auch gut und hat sogar schon eine sehr informative Karte mit Fahrradwegen zum und um den größten deutschen Airport online gestellt. Schon jetzt führt ein gekennzeichneter Radweg an den "Haupteingängen" zu Terminal 1 und 2 vorbei. Und dort sind sogar Fahrradständer. Na also, geht doch!

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de
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