Mehr Mut zur Langsamkeit

21.12.2015 - 17:10 0 Kommentare

Die Bahn und das Flugzeug – Gerne werden die beiden Verkehrsmittel innerdeutsch gegeneinander ausgespielt. Das muss nicht sein, findet airliners.de Chefredakteur David Haße: Die Bahn hat andere Stärken als prestigeträchtige Höchstgeschwindigkeit.

Der ICE 4 ist nur bis 250 km/h zugelassen. - © © Deutsche Bahn - Claus Weber

Der ICE 4 ist nur bis 250 km/h zugelassen. © Deutsche Bahn /Claus Weber

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Was haben Überschallflüge und ICE-Hochgeschwindigkeitsverkehre jenseits der 250 Kilometer pro Stunde gemeinsam? Ganz einfach: Beides ist wirtschaftlich untragbar und ökologisch fragwürdig. Nun ist es aber scheinbar politisch gewollt, dass die Bahn mit ihrem grünen Image in die Super-Hochgeschwindigkeit investiert und verstärkt gegen den innerdeutschen Luftverkehr antreten soll. Aber wie sinnvoll ist das?

Gerade beim Höchstgeschwindigkeitsverkehr auf der Schiene ist nunmal bei weitem nicht alles so grün, wie es glänzt. Dabei geht es nicht mal vorranging um die Umweltschäden von hunderten Kilometern schnurgerader Trassen oder um den Lärm: Der Stromverbrauch bei Höchstgeschwindigkeit ist schlicht und einfach unglaublich. Der Windwiderstand steigt nun mal mit jedem zusätzlichen km/h – und das nicht proportional sondern exponentiell!

Das hat die Bahn übrigens schon lange selbst gemerkt und den neuen ICE 4 nur für Fahrten unter 250 Stundenkilometern zugelassen. Und mit dem Mut zur Langsamkeit hat sie Recht: Wer braucht denn Züge, die wie der ICE 3 mit über 300 Stundenkilometern in unter vier Stunden nonstop zwischen Berlin und München rasen können?

© Deutsche Bahn AG, Oliver Lang Lesen Sie auch: Bahn holt zwischen Berlin und München auf

Wer als potentieller Flugzeug-Umsteiger erstmal mit dem normalen Bummelzug etliche Stationen in entgegengesetzter Richtung bis zum nächsten ICE-Hauptbahnhof fahren muss, nur um später genau dort wieder vorbeizurasen wo er eine Stunde zuvor eingestiegen war, wird die Milliardeninvestitionen in Höchstgeschwindigkeits-Sprinter zur Flug-Ablösung sicher als wenig effektiv beurteilen. Ganz sicher hätte unser Fahrgast in derselben Zeit auch einfach zum nächsten Flughafen fahren können, um die Reise anschließend noch schneller und vergleichbar energieeffizient fortzusetzen.

Ist echte Intermodalität nur eine Utopie?

Das Stichwort dazu heißt "Intermodalität". Dieses sperrige Wort beschreibt eine schöne Grundidee der Mobilität: Ein System der Verkehrsmittel, bei dem jedes seine ureigenen Vorteile mit einbringt zum Wohle des Reisenden. Auch wenn es dadurch hier und da etwas langsamer wird: Sind die Haltepunkte entlang der Strecke in dieser Utopie nicht der eigentliche Vorteil der Bahn?

Daher sollte ganz generell erlaubt sein, die Milliardeninvestitionen infrage zu stellen, mit der die steuerfinanzierte Bahn im Konkurrenzkampf gegen das innerdeutsche Fliegen zu punkten versucht. Allein die Baukosten für die Super-Sprinter-Hochgeschwindigkeitstrasse Berlin-München haben rund zwölf Milliarden Euro verschlungen. Damit hätte man grob überschlagen in München zehn weitere Runways bauen oder den Flughafen Kassel-Calden ganz ohne Flugverkehr über 120 Jahre lang betreiben können. Von stattdessen ausgebliebenen Investitionen in nicht einfrierende Weichenheizungen und zusätzliche Toilettenreinigungskräfte bei der Bahn einmal ganz abgesehen.

Aber lassen wir die Polemik und das Aufrechnen. Die vielen Menschen, die aktuell von der Bahn auf den Fernbus umsteigen, sind offenbar aus anderen Gründen keine Höchstgeschwindigkeitsfanatiker. Sie wollen pünktlich und günstig fahren. Und hier und da bequem aus- und einsteigen können. Sie müssen ganz offensichtlich gar nicht schnell am Ziel sein. So einfach ist das.

© Fotolia.com/airliners.de, iterum Lesen Sie auch: Kurzstreckenflüge auf die Bahn verlagern?

In diesem Sinne ende ich wieder mit der Überschalljet-Analogie: Die Concorde-Betreiber haben ihre Flugzeuge vom Staat geschenkt bekommen. Genau wie die Bahn heute ihre Super-Züge und Highspeed-Trassen für Geschwindigkeiten jenseits der 250. Der Betrieb bringt nur Prestige, wirtschaftlich wird er nie.

Von: dh
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