Hintergrund

Mehr als ein Tarifkonflikt

09.09.2014 - 15:32 0 Kommentare

Die Lufthansa kommt nicht aus den Streiks heraus, am Mittwoch ist das Drehkreuz München dran. Es ist der vierte Streik in fünf Monaten. Hat die Airline die Entschlossenheit der Piloten unterschätzt?

Das Logo der Fluggesellschaft Lufthansa leuchtet auf dem Flughafen in Hamburg hinter einem roten Positionslicht. - © © dpa - Bodo Marks

Das Logo der Fluggesellschaft Lufthansa leuchtet auf dem Flughafen in Hamburg hinter einem roten Positionslicht. © dpa /Bodo Marks

Gut vier Monate nach dem Amtsantritt des neuen Chefs Carsten Spohr türmen sich bei der Lufthansa die Probleme. Die für diesen Mittwoch angekündigte, mittlerweile vierte Welle des Pilotenstreiks zeigt, dass die Tarifpartner in einer Sackgasse stecken. Fast schon mechanisch erstellt die Airline einen Notflugplan, bucht die gebeutelten Passagiere auf die Bahn oder spätere Flüge um und kommt im Grundkonflikt keinen Schritt voran.

Der Verhandlungsfaden ist nach monatelangen Gesprächen und dem Einsatz eines externen Moderators abgerissen. Der Sprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC), Jörg Handwerg, wirft der Lufthansa vor, eine «Blockadehaltung» einzunehmen und auf Zeit zu spielen. Ein kompromissfähiges Angebot stehe weiterhin aus. Die Lufthansa beharrt ihrerseits darauf, dass die Piloten länger im aktiven Dienst bleiben: Verkehrspiloten dürfen seit ein paar Jahren vom Gesetzgeber aus bis zum Alter von 65 Jahren fliegen, das tatsächliche Eintrittsalter in den Vorruhestand liegt aber bei 59 Jahren. Die Airline will es schrittweise auf 61 Jahre erhöhen.

Aufgabe ist kaum zu bewältigen

Mit der Kündigung der Übergangszahlungen und der Betriebsrenten für sämtliche Beschäftigte zum Ende des vergangenen Jahres hat sich das Management noch unter dem alten Chef Christoph Franz eine kaum zu bewältigende Aufgabe gestellt. Das Unternehmen rückt nämlich keineswegs nur den gut verdienenden Piloten zu Leibe, so dass sich die Vereinigung Cockpit als Vorkämpfer für andere Beschäftigtengruppen fühlen kann. Nicht weniger als 18 ungelöste Streitpunkte stehen laut VC allein auf der Agenda für die Piloten.

Auch den Flugbegleitern soll ihre im Vergleich zu den Piloten bescheidene Übergangsrente beschnitten werden. Sämtliche Beschäftigte sollen zudem Einbußen bei den Betriebsrenten hinnehmen, die Lufthansa auf feste Zuschüsse umstellen will. Bislang hatte das Unternehmen die noch zu Hochzinszeiten vereinbarten Rentenzahlungen garantiert und damit das Zinsrisiko komplett auf sich genommen.

Streiks der anderen Beschäftigtengruppen keinesfalls ausgeschlossen

Die Flugbegleitergewerkschaft UFO hat sich zwar auf einen langfristigen Verhandlungsplan mit der Lufthansa eingelassen, ein Abschluss ist aber ebenso unsicher wie bei der dritten Gewerkschaft Verdi, die vor allem die Techniker im Unternehmen vertritt. Weitere Streiks der anderen Beschäftigtengruppen sind in den kommenden Jahren keinesfalls ausgeschlossen.

Mit ihren bislang beispiellosen Streiks zeigt die VC ein Maß an Entschlossenheit, das der gelernte Pilot und jetzige Firmenlenker Spohr gemeinsam mit seiner Personalchefin Bettina Volkens vielleicht unterschätzt hat. Als nach dem schwachen Geschäftsjahr 2013 eine Dividende an die Aktionäre ausgezahlt wurde, stellte VC-Präsident Ilja Schulz ganz offen die Machtfrage, für wessen Wohl die Lufthansa eigentlich unterwegs sei. «Unsere Übergangsversorgung steht nicht zur Verfügung, um die Renditeansprüche von Aktionären zu bezahlen.»

Nur mickrige Gewinne eingeflogen

Spohr muss aber liefern, denn trotz eines stolzen Umsatzes von zuletzt 30 Milliarden Euro fliegt Europas größter Luftverkehrskonzern nur mickrige Gewinne ein. Als eine seiner ersten Amtshandlungen musste Spohr die Gewinnziele seines Vorgängers zurückstutzen, was das Vertrauen der Anleger nicht gerade gestärkt hat. Der Druck durch Billigflieger und staatlich gestützte Konkurrenten wie Turkish Airlines oder Emirates wird immer stärker. Sorgen um neue Aschewolken oder die mögliche Sperrung des russischen Luftraums kommen hinzu.

Und Spohrs bislang einzige kommunizierte Perspektividee eines europäischen Billigfliegers Eurowings trifft ebenfalls auf den Widerstand der Piloten. Sie wollen in den Cockpits nur Kollegen dulden, die nach dem Lufthansa-Konzerntarif bezahlt werden. Die für Lufthansa weit günstigeren Gehaltssätze für Kapitäne und Co-Piloten der bereits im Kern bestehenden Eurowings gelten nach ihrer Lesart ausschließlich für kleinere Maschinen, die Spohr aber durch große Airbus A 320 ersetzen will. Weiterer Streit ist also sicher.

Von: Christian Ebner, dpa
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