Artikel vom 05.10.2009 0
Piloten demonstrieren gegen Überlastung
Protest gegen EU-Ruhezeitenregelung
© dpa
Piloten demonstrieren gegen Überlastungen im Beruf
Dutzende Piloten haben am Montag gegen eine Überlastung in ihrem Job demonstriert. Die derzeitigen EU-Regelungen zu Flugdienst- und Ruhezeiten begünstigten eine gefährliche Übermüdung und Erschöpfung, heißt es in einer Mitteilung der Vereinigung Cockpit vom Montag in Frankfurt.
Am Rhein-Main-Flughafen verteilten bis zu 50 Piloten Flugblätter an Passagiere. Übermüdung sei genauso gefährlich wie Alkoholkonsum, sagte der Sprecher der Pilotengewerkschaft, Jörg Handwerg. Auf Spruchbändern hieß es: «Übermüdung kann tödlich enden».
Trotz eindeutiger medizinisch-wissenschaftlicher Belege, wonach die heutigen EU-Regelungen zu Flugdienst- und Ruhezeiten eine gefährliche Übermüdung und Erschöpfung begünstigten, sträubten sich die zuständigen EU-Institutionen und europäischen Airlines gegen Anpassungen, hieß es. Eine von der EU selbst in Auftrag gegebene Studie („Moebus-Report“) liege bereits seit einem Jahr vor. Trotzdem verharre Brüssel unter dem Druck der Airlines in Passivität, kritisiert die Pilotengewerkschaft.
Die Studie
Die Gutachter schlugen unter anderem eine Verringerung der in drei Wochen erlaubten Dienstzeit von 180 Stunden vor. Sie plädierten auch für eine Reduzierung der erlaubten Höchst-Dienstzeit von 13 Stunden pro Tag. Zudem forderten sie eine Reihe von anderen Verbesserungen bei der Berechnung von Ruhe- und Bereitschaftszeiten. Die Studie war vom Verband der Europäischen Fluggesellschaften (AEA) scharf kritisiert worden. Sie halte wissenschaftlichen Anforderungen nicht Stand und unterstütze «Rosinenpickerei der Gewerkschaften». Der Europäische Verband der Cockpitbesatzungen (ECA) hingegen warf den Fluggesellschaften vor, angesichts wissenschaftlicher Bedenken «den Kopf in den Sand zu stecken».
Im April war in der EU der fünf Jahre dauernde Versuch gescheitert, eine allgemein geltende Richtlinie über die Arbeits- und Bereitschaftszeit zu beschließen. Zwischen dem Ministerrat und dem Europaparlament gab es keine Einigung über den Fortbestand einer Ausnahmeregelung, wonach in Ausnahmefällen auch 65 Stunden Arbeit pro Woche erlaubt sein können. Auch über die Anerkennung von «inaktiver Bereitschaftszeit» als Arbeitszeit gab es keine Einigung.
Reaktionen
Die Lufthansa wies die Vorwürfe der Piloten von sich. Lufthansa- Sprecher Michael Lamberty sagte, bei größeren Distanzen wie Flügen nach Japan oder an die Westküste der USA fliege immer eine erweiterte Cockpitcrew, um Ruhezeiten während des Fluges zu ermöglichen. Die Lufthansa sehe keinen Nachholbedarf bei den gesetzlichen Regeln. Allerdings machte Lamberty klar: «Jeder, der in Europa Flugtickets verkauft, muss sich nach den gleichen Spielregeln richten.»
Der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften (BDF) wollte die Aktion der Gewerkschaft nicht kommentieren. Es sei normal, dass sich eine Gewerkschaft für kürzere Arbeitszeiten einsetze, sagte eine Sprecherin. Die Airlines hielten sich an die rechtlichen Regelungen, viele gingen in Tarifverträgen sogar darüber hinaus.
Der Verband der Europäischen Fluggesellschaften (AEA) hatte die Studie scharf kritisiert. Sie halte wissenschaftlichen Anforderungen nicht Stand und unterstütze «Rosinenpickerei der Gewerkschaften». Die Pilotenvereinigung ECA warf den Fluggesellschaften dagegen vor, «den Kopf in den Sand zu stecken».
Arbeitszeiten der Piloten
In Deutschland gelten derzeit noch schärfere gesetzliche Regelungen als die EU als Mindestmaß vorschreibt, sagte der Sprecher der Vereinigung Cockpit, Jörg Handwerg. Auch die derzeit geltenden Tarifverträge garantierten ein höheres Niveau. Die Gewerkschaft befürchtet allerdings, dass die deutschen Regelungen zugunsten einer Vereinheitlichung gelockert werden.
Die Arbeitszeiten von Piloten sind in der «Verordnung Nr. 8/2008» der EU-Kommission vom Dezember 2007 geregelt.
Die Dienstzeit darf 190 Stunden an 28 aufeinander folgenden Tagen und 60 Stunden an sieben aufeinander folgenden Tagen nicht überschreiten. Piloten arbeiten auch vor und nach dem Flug: Daher ist auch festgelegt, dass die «Blockzeit» (von Abflug bis Ankunft des Flugzeugs) nicht mehr als 900 Stunden im Kalenderjahr und 100 Stunden innerhalb von 28 Tagen betragen darf.
Die höchstzulässige Flugdienstzeit pro Tag beträgt 13 Stunden. Sie wird geringer, wenn der Pilot im «Tagesrhythmus-Tief» (zwischen 0200 und 0559 Uhr) beginnt und wenn er am Tag mehr als drei Flüge macht.
Die Mindestruhezeit muss der EU-Verordnung gemäß immer mindestens so lang wie die vorhergehende Dienstzeit sein, mindestens jedoch zwölf oder zehn Stunden - je nachdem, ob der Flug auf der Heimatbasis oder außerhalb der Heimatbasis beginnt. Piloten haben Anspruch auf eine Mindestruhezeit von 36 Stunden pro Woche, zu der zwei Nächte daheim gehören. Zwischen dieser wöchentlichen Mindestruhezeit und der nächsten dürfen nie mehr als sieben Tage liegen.
Stand: 05.10.2009 - 5:14 PM Uhr
Quelle: dpa, ddp, Vereinigung Cockpit
Anzeigen
Meistgelesen
- 1 Air Berlin wagt den Billigst-Tarif Neue Tarifstruktur
- 2 Lufthansa-A380 heißt «Berlin» Taufe in Tegel
- 3 A400M-Tests in Brandenburg beendet Testflüge verliefen «nicht nach Plan»
Anzeige

Wieder Charterflüge ab Lübeck