Artikel vom 11.03.2009 0
Tourismusbranche übt sich in verhaltenem Optimismus
Weltgrößte Reisemesse ITB eröffnet
«Die Reisebranche steht vor neuen und bisher in dieser Form nicht gekannten Herausforderungen», sagte der Präsident des Deutschen ReiseVerbandes (DRV), Klaus Laepple. Bei jedem siebten Deutschen wirkt sich nach einer Studie der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) die Finanzkrise auf die Urlaubsplanung aus. Nach der Untersuchung, die als wichtigste deutsche Reiseanalyse gilt, sehen sich 21 Prozent der Bundesbürger von der Finanzkrise persönlich betroffen. Die Forscher gehen allerdings davon aus, dass der Anteil der Bundesbürger, die in den Urlaub fahren, in diesem Jahr nur von 76 auf 73 Prozent zurückgeht. Urlaubsreisen hätten für die Deutschen weiterhin hohe Priorität, sagte der Tourismusforscher Martin Lohmann. Wenn aufs Reisen verzichtet wird, dann eher auf Kurztrips und auf zusätzliche Touren neben der Haupturlaubsreise.Im vergangenen Jahr haben die Bundesbürger nach der Analyse insgesamt 64 Millionen Urlaubsreisen von mindestens fünf Tagen Dauer unternommen. Das waren 1,1 Millionen Reisen mehr als 2007. Der Anteil der Deutschen, die ihre Koffer für eine Urlaubsreise packten, stieg 2008 von 74,8 auf 76,2 Prozent.
Wie es in diesem Jahr weiter geht, darüber wagte der Branchenverband DRV keine konkrete Prognose. Allerdings seien Urlaubsreisen weniger konjunkturabhängig als Geschäftsreisen, die zuletzt einen tiefen Einbruch hinnehmen mussten. Laepple sagte: «Unser Ziel ist es, das Vorjahresergebnis wieder zu erreichen.»
Die Reiseveranstalter hätten sich auf die veränderten Bedingungen eingestellt und ihre Kapazitäten konservativ geplant, sagte Laepple. Für die Branche gelte, Profitabilität gehe vor Mengenwachstum - «kurz gesagt: Marge geht vor Menge». Eine Preisschlacht bei Reisen schloss Laepple aus. Die Verbraucher sollten deshalb nicht auf das «große Schnäppchen» warten, sondern sich rechtzeitig entscheiden.
«Ölpreis ist Schlüsselfaktor der Reisebranche»
Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, sieht im Ölpreis den Schlüsselfaktor für die Entwicklung der Reise- und Tourismusbranche. «Ich nehme an, dass niedrige Ölpreise nur ein kurzlebiges Phänomen sind», sagte der Ökonom am Mittwoch auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin.
Die Öl-Lieferanten würden schnell merken, dass der Verkauf auf dem derzeit niedrigen Niveau letztlich nicht nachhaltig sei. «Also werden sie das Angebot verknappen, und die Preise ziehen wieder an», prognostizierte Walter.
Die Welt erlebe derzeit die massivste Rezession in der Nachkriegszeit. Die Krise werde bis weit ins Jahr 2010 andauern, fügte Walter hinzu. Zwar blickt der Ökonom «zuversichtlich» auf die langfristigen Perspektiven der Reisebranche. Aber wenn die Flugpreise stiegen, würden die Verbraucher bei den Wochenendtrips sparen und sich möglicherweise gegen Flugreisen entscheiden, sagte Walter.
Der Volkswirt vermutet außerdem, dass die Europäer generell kurz- bis mittelfristig billigere Reisen zu Nahzielen bevorzugen werden. «Am Ende ist vielleicht der Campingurlaub wieder populär oder Ferienwohnungen und Jugendherbergen.»
Die Bahn wird dem Flugzeug nach Einschätzung Walters in absehbarer Zeit kaum Konkurrenz machen. Beim Ausbau der Bahnnetze herrschten dafür «zu viel staatliche Bürokratie und nationaler Protektionismus». Eher der PKW werde gegenüber dem Flugeug gewinnen. Insbesondere, wenn neue gesetzliche Bestimmungen wie der Pflichterwerbe von Emissionszertifikaten das Wachstum beim Luftverkehr behinderten.
Die ITB als weltweit führende Messe der Reiseindustrie war am Vormittag von Hinsken und Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) eröffnet worden. Bei der weltgrößten Reisemesse zeigen bis Sonntag mehr als
11 000 Aussteller aus 187 Ländern Reiseziele und neue Trends. Die Messe ist an den ersten drei Tagen nur für Fachbesucher geöffnet, am Wochenende auch für Privatpublikum. Die Veranstalter erwarten wieder rund 170 000 Besucher (2008: 177 891).
Weitere Informationen zum Thema:
Stand: 11.03.2009 - 7:11 PM Uhr
Quelle: dpa, ddp, AFP
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