Artikel vom 09.11.2011 0
Von Himmelsgöttern und Saftschubsen Spaethfolge (56)
Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.
Neulich habe ich Pamela kennengelernt, bei einer Hochzeitsfeier, fernab aller Fliegerei. Blond, sehr adrett, ein bisschen aufgemacht. In Wirklichkeit heißt sie anders. Irgendwie habe ich es geahnt, als sie flötete: „Ich bin Flugbegleiterin.“ Sie fliegt bei TUIfly. Sicher ein ziemlich heftiger Job. Früher war das Arbeiten in der Kabine eine Berufung, heute ist es für die meisten eine Tätigkeit, die sie ein paar Jahre machen zum Geldverdienen, zwischen Schule, Ausbildung und Familiengründung oder dauerhaftem Beruf.
Bei TUIfly gibt es normalerweise keine Umläufe mit Übernachtungen am Zielort, erklärte mir Pamela. Mit einer Ausnahme: die neuen Flüge auf die Kapverden. Da geht es bei bis zu sechs Stunden Flugzeit für eine Strecke auch nicht anders. „Da wollen wir alle hin, und ein paar Tage Layover in der Sonne genießen“, schwärmte Pamela, die auch schon da war.
Gleich kam mir Ex-Air-Berlin-Chef Joachim Hunold in den Sinn, der früher mehrfach verkündete: „Wir nehmen gern Friseusen als Flugbegleiterinnen, für die ist das ein sozialer Aufstieg.“ Oder die Charakterisierung ihres Berufs, der heute von vielen Kabinen-Damen selbst als „Saftschubsen“ veralbert wird.
Und das alles vor dem Hintergrund, dass ich mich gerade intensiv mit Pan Am beschäftige, die am 4. Dezember 1991, also vor 20 Jahren, Pleite ging. Das ist noch viel interessanter jetzt, wo ich endlich rausgefunden habe, wo man sich im Netz auch hierzulande die grandiose ABC-Fernsehserie „Pan Am“ ansehen kann, die mit super Quoten in den USA seit Ende September läuft.
Unglaublich, welchen Stellenwert 1963, da spielt die Serie, die Stewardessen hatten. Da fällt eine Purserette aus, ihr Vorgesetzter sucht Ersatz und ruft bei Kabinenchefin Maggie an, gespielt von Christina Ricci. Die Zeit bis zum Abflug der Boeing 707 vom damaligen New Yorker Flughafen Idlewild nach London ist knapp, und den Passagieren guten Service zu bieten, koste es was es wolle, ist oberstes Gebot. Also sorgt der Mann aus dem mittleren Management dafür, dass Maggie auf dem Dach des damaligen Pan-Am-Buildings ein Hubschrauber zum Flughafen bereitgestellt wird, um sie rechtzeitig an Bord zu bringen.
Die Szene aus der ersten Folge von „Pan Am“ ist so beeindruckend, dass sogar das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ darüber schreibt: „Wie bei jeder Service-Super-Marke sind die Manager an der Kundenfront dazu ermächtigt, alles zu tun, um die Kundenzufriedenheit zu erhalten.“ Und da wird eben eine Purserette mal kurz im Heli zum Dienst geflogen. Das waren Zeiten.
Überhaupt, die Stewardessen selbst. Bildschön (zumindest die im Fernsehen), gebildet und weltläufig. Höhere Töchter in blauer Uniform. Genauso war es, bestätigten mir kürzlich ehemalige Pan-Am-Stewardessen in Berlin. Noch heute, mit inzwischen Anfang 70, strahlen die Damen die Aura der großen weiten Welt aus. Sie mussten aus Akademikerfamilien stammen, eine gute Ausbildung haben und mindestens zweisprachig sein. Pan Am war damals die Welt, und dies waren junge Damen von Welt.
Eine ganz andere Spezies als heute auch die Piloten – man nannte sie nicht umsonst „Skygods“ – Himmelsgötter. „Wenn sie sagten: ‚Der Himmel ist grün’, dann war der Himmel grün“, sagt ein heutiger Flugkapitän und Pan-Am-Experte. Piloten bei Pan Am waren kleine Könige, vor allem die, die sich im geteilten Berlin stationieren ließen. „Wir konnten unsere Arbeit in 12 bis 13 Tagen erledigen und hatten den Rest des Monats frei, manchmal fünf bis sechs Wochen zwischen den Diensten, man hat reichlich verdient – eine wunderschöne Zeit“, erzählte mir ein Veteran aus dem Pan-Am-Cockpit.
Allerdings gereichte das Prinzip des Skygod-Alleinherrschers der Pan Am nicht immer zum Vorteil, die anderen Crew-Mitglieder waren zur Kritiklosigkeit verdammt, Pan Am verlor etwa bei der Einführung der Boeing 707 viele Flugzeuge. Das wiederum hatte dann auch sein Gutes – Pan Am führte als Innovation für die ganze Branche in den frühen sechziger Jahren das Crew Coordination Concept im Cockpit ein, das bessere Zusammenarbeit bewirkte und heute immer noch in Abwandlung angewendet wird.
Aber nun sind eben andere Zeiten. Ich fliege übrigens bald auf die Kapverden in den Urlaub, mit TUIfly. Vielleicht begegnet mir ja Pamela in der Kabine wieder. Aber klar ist leider: Sie wird keine sexy hellblaue Uniform tragen und schon gar nicht mit dem Hubschrauber zum Abflug in Hamburg eingeschwebt sein. Das war einmal.
Stand: 09.11.2011 - 8:13 AM Uhr
Quelle: Andreas Spaeth für airliners.de
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