Artikel vom 22.02.2012 0

Und ewig lockt die Notrutsche Spaethfolge (70)

Wer hat sich das nicht schon gewünscht im Flugzeug: Nervige Warteschlangen nach der Landung, schreiende Kinder neben sich. Zumindest als Gedanke wäre die Flucht über die Notrutsche da äußerst reizvoll. Aber wehe, einer versucht es wirklich.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Was haben der SPD-Politiker Franz Müntefering und Norwegens Prinzessin Mette-Marit gemeinsam? Eigentlich wenig, aber beide Promis haben in jüngerer Vergangenheit Flugzeuge über Notrutschen verlassen. Das sind die potenziell lebensrettenden Riesenmatratzen, die sich im Notfall in Bruchteilen von Sekunden aufblasen und Passagieren den schnellsten Weg aus einem Flugzeug bahnen. Der Sozialdemokrat machte eine geradezu galante Haltung, als er im September 2009 auf dem Stuttgarter Flughafen eine Fokker 100 von Contact Air über die Rutsche verlassen musste nach einer Landung ohne Hauptfahrwerk. Sakko und Aktenmappe fest umklammert, also eigentlich gegen die klare Ansage, die Maschine ohne Handgepäck zu verlassen, sauste er die kurze Rutsche hinab, reichte danach sogar einer nachfolgenden CDU(!)-Kollegin die helfende Hand, eine große Koalition der besonderen Art.

Die norwegische Prinzessin Mette-Marit ereilte ein ähnliches Schicksal Anfang Februar in Kopenhagen, als in einer MD-82 der SAS beim Startlauf ein Triebwerk erst einen lauten Knall von sich gab und dann Rauch austrat. Das von der als extrem flugängstlich bekannten Prinzessin getwitterte Foto des evakuierten Flugzeugs mit herunterhängenden Rutschen schaffte es in alle Klatschspalten. Und das Bild, wie sie später zur Beruhigung auf dem Jumpseat des Ersatzfliegers saß, um doch noch nach Oslo zu kommen. „Ich hätte mir Schöneres vorstellen können als so eine Nachricht zum Frühstück“, sagte mir letzte Woche der neue SAS-Chef in Kopenhagen, der die alten Zweistrahler jetzt zügig ausmustern will.

Viel öfter als in echten oder vermeintlich echten Notfällen erregen Notrutschen aber Aufsehen und Ärger, wenn es überhaupt keine brenzlige Situation gab. Wer kennt das nicht: Der Flieger ist gelandet, rollt ewig herum, steht dann gefühlt endlos am Gate, bevor Treppe oder Brücke freigegeben werden. Neben einem schreit ein Baby, genervte Geschäftsleute schreien in ihre Handys, der Zeitpuffer bis zum Weiterflug schmilzt unaufhaltsam. Wenn man dann, so wie ich möglichst oft, direkt am Notausgang über den Tragflächen sitzt, ist die Versuchung schon groß, einfach das Notfenster herauszuwuchten und abzuhauen. Ich habe das sogar schon bei einem Notfalltraining geübt – und das Ding ist überraschend schwer, 20 Kilo mindestens.

Erst letzte Woche allerdings gab es wieder einen Fall, wo Passagiere, des Wartens überdrüssig, zur Tat schritten. Auf dem Flughafen von Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam gab der 29-jährige Le Van Thuan dem Bitten einer jungen Mutter nach, deren Kind schrie und die einfach nur raus wollte. Er öffnete den Notausstieg und löste damit die Rutsche aus. Doch niemand traute sich dann, sie zu nutzen. Der Täter muss nun 950 Dollar Strafe zahlen und der Flughafen beziffert die Kosten des Vorfalls auf 10.000 Dollar. Soviel kostet allein das Verstauen der Rutsche, mindestens.

Das wissen auch Flugbegleiter, denn die trainieren die Benutzung der Notrutschen ausgiebig. „Arm doors“ und „Disarm doors“ lauten daher die wichtigsten Durchsagen in der Kabine vor und nach dem Flug. Da heißt es gut hinhören – denn versehentlich abgeschossene Rutschen sind der Albtraum aller Kabinenmitarbeiter und manchmal sogar Kündigungsgrund. Allein in den USA entstehen jedes Jahr Kosten in Höhe von rund 20 Millionen Dollar durch unbeabsichtigt ausgelöste Rutschen.

Das war auch Steven Slater bekannt, einem Flugbegleiter von Jet Blue, der im August 2010 auf dem JFK-Flughafen einen spektakulären Abgang machte: Nach einem Streit mit einer Passagierin griff er sich kurzerhand zwei Bierdosen, ließ die Rutsche raus und türmte. 25.000 Dollar kostete das die Airline. Im Internet wurde er durch diese menschlich verständliche Reaktion zu einer Art Volkshelden, über den Songs komponiert und T-Shirts mit seinem Konterfei bedruckt wurden. Er erhielt schließlich ein Jahr Haft auf Bewährung.

Mein aufregendstes Erlebnis auf einer Rutsche war die Evakuierungsübung aus dem A380-Oberdeck im Emirates-Trainingszentrum in Dubai. Wie gut, dass man zuerst gar nicht sehen kann, wie tief es da tatsächlich hinuntergeht, die Höhe des Ausstiegs über Grund entspricht mindestens einem fünfstöckigen Haus. Wenn man sich erstmal traut zu springen und es einem gelingt, die Arme oben zu behalten, macht es fast Spaß. Trotzdem möchte ich das nie im Ernstfall erleben - ob mit oder ohne echtem Notfall.

Stand: 22.02.2012 - 8:29 AM Uhr

Quelle: Andreas Spaeth für airliners.de

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