Artikel vom 29.06.2011 0
Über Schall und Rauch Spaethfolge (37)
Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.
Es war surreal. Wir saßen in einer alten Boeing 747-200 der Air France letzte Woche, einem der größten Exponate des Luftfahrtmuseums von Le Bourget. Dort wo gerade nebenan die wichtigste Luftfahrtschau der Welt abgehalten wurde. Draußen röhrte eine Rafale vorbei, der Regen prasselte auf den Jumbo-Rumpf. Im Dunkel der Kabine saß eine Handvoll Journalisten und lauschte dem Vortrag eines Herren, der sich Vorstandschef von Hypermach nennt. „Wir revolutionieren die Luftfahrt für immer. Unsere Vision ist eine Welt, in der das Unmögliche möglich wird,“ las der eher uncharismatische Mann vom Blatt ab und hatte Mühe, sich akustisch gegen den Nachbrenner der Rafale durchzusetzen. Eigentlich ganz passend, denn schließlich startete die Concorde ja auch mit dröhnendem Nachbrenner, um überhaupt in die Luft zu kommen. Das waren noch Zeiten.
Auch wenn es heute etwas Anachronistisches hat und politisch vielleicht nicht korrekt ist, bekenne ich mich hier als Concorde-Fan. Neunmal bin ich mit ihr geflogen zwischen 1993 und 2003. Einmal davon sogar im Cockpit in drei Stunden und 17 Minuten von New York-JFK nach London-Heathrow. Das vergisst man nicht. Durch den Nachbrenner roch es beim Start nach verbranntem Teppich. Später sah man den handbreiten Spalt, der sich zwischen Cockpitwand und dem Instrumentenpanel des Bordingenieurs auftrat, ein Ergebnis der Reibungshitze. Und die Krümmung des Horizonts aus 60.000 Fuß.
Daran musste ich denken, als ich letzte Woche diesen Mann reden hörte. In unter fünf Stunden rund um die Welt auf 60.000 Fuß mit Mach 3,5, das ist der 20-Sitzer Hypermach. Fast ohne Überschallknall. Der Luftstrom wird nämlich durch elektromagnetische Kräfte in den neu zu entwickelnden Motoren so manipuliert, dass der Knall am Boden kaum noch hörbar ist. Sagt der Hypermach-Chef. Auf Nachfrage, wie das denn funktioniere, beschied er die Zuhörer, dazu könne er nichts sagen, es sei aber um 70 Prozent effizienter als die Concorde-Motoren. Dafür könne er aber verkünden, dass dieses „Luxusprodukt für einen Nischenmarkt“ im Juni 2021 erstmals fliegen werde. Ah ja. Und ich bin bis dahin Milliardär und kaufe mir natürlich so einen Hypermach-Flitzer für meine Wochenendausflüge nach Sydney und Honolulu. Oder etwa nicht? Jedenfalls stieß Hypermach in Paris unter Fachleuten auf hochverdiente Skepsis.
Aber das Thema Überschall fasziniert die Menschen. Das merkte ich an den aufgeregten Anrufen verschiedener Radiosender. Was ich denn zur geplanten Öko-Concorde von Airbus sagen könne, wollten die Redakteure wissen, von einer Agenturmeldung an einem nachrichtenarmen Wochenende aufgeschreckt. Davon hatte ich noch gar nicht gehört und musste mich erstmal am Stand von EADS kundig machen. Da war man gerade damit beschäftigt, das übermannshohe, etwas kryptische Modell eines Deltaflüglers ins rechte Licht zu rücken.
Denn offenbar war es vor allem dazu gedacht, den französischen Präsidenten zu beeindrucken, der am Morgen den Stand kurz besucht und immerhin mehrere Minuten verweilt hatte, wie stolz berichtet wurde. Dafür hatte man eigens eine ganze Ecke der Präsentationsfläche abgesägt, um der Entourage ausreichend kameratauglichen Platz zu bieten. Die fehlende Ecke musste jetzt eilig wieder eingesetzt und verspachtelt werden. „In Deutschland hätten wir sowas nie gezeigt, aber in Frankreich ist da eine ganz andere Offenheit“, vertraute mir am Stand jemand an. Trotzdem ist die von den Medien sogenannte Öko-Concorde ein etwas abenteuerliches Konzept, das mit gleich drei verschiedenen Antrieben arbeitet und das Fluggerät mit 50 bis 100 Passagieren auf 69.000 Fuß mit Mach 2,3 ans Ziel katapultieren soll. Und das ganze vielleicht 2050. Und natürlich vollkommen umweltfreundlich, ohne Emissionen, mit Wasserstoff oder Biosprit und kaum hörbar.
Selbst bei EADS klingen Zweifel durch, ob aus diesen etwas zusammengeklaubten Ideen tatsächlich jemals irgendwas Reales erwachsen wird. Aber man hatte ausreichend Schlagzeilen, einige Minuten die Aufmerksamkeit von Monsieur le Président und konnte zeigen, wie super innovativ man doch forscht. Wer dran glaubt, wird selig. Gut dass mir zumindest niemand meine Erinnerungen an glorreiche Concorde-Abenteuer nehmen kann. Davon kann ich vermutlich noch meiner Enkel-Generation berichten, mangels neuer Überschallflugzeuge in den nächsten Jahrzehnten.
Stand: 29.06.2011 - 10:31 AM Uhr
Quelle: Andreas Spaeth für airliners.de
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