Artikel vom 14.12.2011 0
Triumph über die Tariftreiber Spaethfolge (61)
Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.
Tja, dumm gelaufen, wenn man plötzlich unbedingt für den nächsten Tag einen Flug von Hamburg nach Genf und zurück buchen muss. Da gibt es nämlich nur einen, der für den Tagestrip in Frage kommt: von Eurowings für Lufthansa in einer schicken CRJ-900 geflogen. Wenige Wochen zuvor war der Roundtrip noch für rund 200 Euro zu haben. Dann waren es 600. Doch nun, einen Tag zuvor, sind es plötzlich knapp über 1.000 Euro, um in Economy Class von der Elbe an den Genfer See und zurück zu düsen.
Yield Management nennen das Airline-Manager, die von Statistiken, Erfahrungswerten, Prognosen und einer gehörigen Portion Bauchgefühl getrieben sind. Zu jedem möglichen Zeitpunkt so viel wie möglich aus jedem Sitzplatz herauszuholen an Ertrag, das ist die Herausforderung. Und wer darin gut ist, macht in der Branche ganz ordentliche Geschäfte. Dazu gehört auch Lufthansa. Und das ist ja auch in Ordnung – wenn es einen nicht plötzlich selbst trifft, was das an horrenden Flugpreisen bedeuten kann.
Jedenfalls waren über 1.000 Euro der IATA, die mich einlud, verständlicherweise zu teuer. Alternativ ergab sich als einzige Lösung, am Vorabend anzureisen. Via München. Geplanter Abflug eine halbe Stunde später als der Nonstop-Abendflug, Ankunft in Genf dafür zu nachtschlafender Zeit. Sogar das Hotel sollte mir gezahlt werden, was selbst bei den heftigen Genfer Preisen noch weitaus billiger kam. Denn über ihren bayerischen Hub ermöglichte Lufthansa einen Preis von rund 400 Euro, wenige Stunden vor Abflug gebucht.
Ich also im Schweinsgalopp zum Flughafen. Als ich sah, dass München um 15 Minuten verspätet sein sollte, machte ich mir noch keine Gedanken. Dann aber hieß es, es schneie in München, und jetzt werde der Flughafen vorübergehend geschlossen. Da schwante mir meine Chance: Mit Genf würde es an diesem Abend sicher schwierig werden. Da wäre es doch vielleicht aus Kulanz möglich, auf den nächsten Morgen umzubuchen? Die Dame am Schalter schaute in ihren Computer: Ja, die Genf-Maschine stehe auch gerade noch in Paris, das sei alles ungewiss. Für den Morgenflug sei nur noch die höchste Buchungsklasse frei, aber sie würde mich ausnahmsweise umbuchen.
Ich grinste in mich hinein. Glück gehabt. Ich freute mich über den dann doch noch zu Hause stattfindenden Abend. Die flotte CRJ-900 am frühen nächsten Tag war dann nicht mal halbvoll. Hätte jemand kurzfristig buchen wollen, wäre er sicher genauso abgeschreckt gewesen wie ich vom aufgerufenen Tarif.
Blieb noch der Rückflug am Abend. Wieder eine mühsame Verbindung über München. Dann mit dem Lumpensammler nach Hamburg. Dort war schon am Morgen nur noch Platz 35F frei, fast ganz hinten. Eine Stunde früher in Genf abfliegen, dafür eine Stunde später in Hamburg ankommen als per Direktflug, das war der Deal, der auf dem Rückweg nochmal 300 Euro gespart hatte. Dafür, so tröstete ich mich, gibt es in der Münchner Lounge die reschesten Brez’n in ganz Deutschland, die ich anderswo stets bitterlich vermisse.
Aber es kam wieder anders. Meine Termine in Genf waren früh zu Ende, und zeitig am Flughafen war bereits klar, dass – mein München-Flieger schon wieder erheblich verspätet sein würde. Diesmal ein Technical, kein Schnee, aber irgendwie ein Fluch auf dem süddeutschen Hub bei dieser Reise.
Wieder hatte ich ein gutes Argument, um um eine Umbuchung auf den Nonstop-Flug zu bitten. Die Dame bei Swiss schaute kritisch, prüfte und wägte ab, um irgendwann zu fragen: „Fenster oder Gang?“. Da wusste ich, dass ich gewonnen hatte. Keine Brez’n und ein noch längerer Aufenthalt in der Lounge, dafür auf direktem Wege und eine Stunde vor der Zeit zurück daheim. Und noch 600 Euro gespart. Das nenne ich optimales Preis-Leistungs-Verhältnis.
Diesmal hatte ich die Yield-Manager geschlagen, sie waren dank der einem Hub stets immanenten Schwächen unglücklich gescheitert in dem Versuch, mir bzw. der IATA unfassbar viel Geld abzuknöpfen für einen kurzfristig gebuchten bequemen Flug. Immerhin informierten sie mich noch großherzig per SMS über die erhebliche Verspätung meines München-Flugs, als ich schon lange mit der Hamburg-Bordkarte im Jackett in der Lounge bei einem Glas Wein saß und mit stiller Freude meinen Triumph auskostete. Diese Runde geht eindeutig an mich.
Stand: 14.12.2011 - 8:44 AM Uhr
Quelle: Andreas Spaeth für airliners.de
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