Artikel vom 21.09.2011 0
Das stille Örtchen und seine Tücken Spaethfolge (49)
Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.
Auf langen Flügen soll man viel trinken, das tun die Passagiere viel zu wenig, so habe ich schon oft bemerkt. Ich organisiere mir dagegen immer schon möglichst am Boden, etwa in der Lounge, eine große Flasche Wasser zum Mitnehmen an Bord. Ohne ausreichend Flüssigkeit am Platz, um die ich nicht im Halbschlaf die Flugbegleiter anbetteln muss, fühle ich mich an Bord nicht wohl. Viele Fluggäste sind da wohl auch deswegen zurückhaltend, weil der Gang zur Toilette gerade in der Holzklasse auf Langstrecken sehr beschwerlich sein kann, wenn man über viele Sitznachbarn hinwegsteigen und dann noch Schlange stehen muss. Ob Piloten genug Flüssigkeit zu sich nehmen, vermag ich nicht zu beurteilen. Tatsache ist jedoch, dass sie Menschen sind wie Du und ich und daher immer mal zur Toilette müssen. Doch auch für Flugkapitäne kann das zur schwierigen Prozedur werden. Und für alle an Bord mitunter beinahe tödlich ausgehen.
Zum Beispiel auf Flug NH140, einem japanischen Inlandsflug einer Boeing 737 der ANA im September. Dort hatte der Pilot eine Pinkelpause eingelegt und wollte danach an seinen Arbeitsplatz zurückkehren. Eigentlich ein simpler Vorgang. Doch in der Fliegerei können manchmal die einfachsten Dinge zur Katastrophe führen, wenn sich daraus eine unheilvolle Kausalkette entspinnt. In diesem Fall wurde dem Flug beinahe die Tatsache zum Verhängnis, dass der Knopf zum Öffnen der Cockpittür auf dem Instrumentenpanel im Cockpit dem zehn Zentimeter entfernt angebrachten Trimmschalter für die Ruder recht ähnlich sieht. Jedenfalls betätigte der arme Copilot den falschen Knopf, um seinen Kollegen wieder hereinzulassen. Eine scharfe Rolle des Flugzeugs nach rechts und ein Sturzflug über 2.000 Meter waren die Folge, ebenso zwei verletzte Flugbegleiter.
Noch viel haariger erging es in einem ähnlichen Fall, ebenfalls bei einer Boeing 737, den Insassen eines Air-India-Express-Flugs im Mai vergangenen Jahres über der Arabischen See. Auch hier verließ der Kapitän das Cockpit, um sich zu erleichtern. Das gelang ihm dann aber nicht, weil das Klo besetzt war – ein unschöner Zustand, den auch viele Passagiere kennen. Also strebte der Pilot unverrichteter Dinge zurück ins Cockpit und bemerkte dabei, dass das Flugzeug massiv an Höhe verlor und nach links drehte. Und ausgerechnet jetzt ging die verdammte Cockpittür nicht auf. Erst der Notfall-Code verschaffte ihm wieder Zugang, was volle 40 Sekunden dauerte. Glücklicherweise gelang es dem Piloten dann rechtzeitig, die Kontrolle über die Maschine wiederzugewinnen. Es stellte sich heraus, dass der Copilot nach dem Weggang des Kapitäns seinen Sitz nach vorn gerückt und dabei versehentlich die Steuersäule nach vorn gedrückt und den unkontrollierten Sinkflug ausgelöst hatte - und diesen dann nicht zu beenden vermochte. Von Regionalflügen gibt es sogar noch bizarrere Geschichten, wo etwa der Pilot einer Dash-8 nicht mehr aus dem Klo herauskam, weil die Tür klemmte, und schließlich der Copilot allein landen mußte. Der „Tatort Toilette“ ist an Bord also nicht zu unterschätzen.
Das alles mag Mark Feuerstein sehr bewusst sein. Feuerstein ist Cheftestpilot der Boeing 747-8 und schwärmte mir kürzlich bei einem Besuch in Seattle von der wichtigsten Innovation des neuen Flugzeugs vor. Das erste Post-9/11-Boeing-Modell bietet nämlich hinter der Cockpittür erstmals nicht nur ein Ruheabteil für die Piloten, sondern auch eine eigene Piloten-Toilette im Sicherheitsbereich. Sozusagen die Tür mit Herz für Flugzeuglenker. „Das erhöht den Komfort für uns ungemein“, schwärmte Feuerstein, auch wenn der enge Cockpit-Lokus natürlich nicht mit den riesigen Badezimmern etwa vorn im A380-Oberdeck mithalten kann, aber Flugkapitäne sind ja bescheiden. Ab Februar dürfen dann auch Lufthansa-Piloten in der 747-8 ihre kleinen und großen Geschäfte ganz nahe bei ihrem „Büro“ verrichten – und alle an Bord können sich wieder ein Stückchen sicherer fühlen. Und eines dürfte auch sicher sein: An Streitigkeiten über das Pilotenklo ist die pünktliche Ablieferung der ersten 747-8-Frachter diese Woche nicht gescheitert.
Stand: 21.09.2011 - 12:04 PM Uhr
Quelle: Andreas Spaeth für airliners.de
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