Artikel vom 22.06.2011 0

Abenteuer Airport-Transfer Spaethfolge (36)

Es gibt Flughäfen, da ist der Transfer vom Terminal in die Stadt das Aufregendste an einer Reise dorthin. Mal findet das ganze per Boot statt wie in Helgoland, den Malediven oder Venedig, mal per Hubschrauber wie in Grönland.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Neulich war ich ganz weit weg von zu Hause. Rund 16.000 Kilometer, um genau zu sein. Manchmal braucht man vielleicht die Perspektive von außen, um zu simplen Erkenntnissen zu gelangen. Jedenfalls wurde mir klar, wie aufregend die Reise vom oder zum Flughafen an manchen Orten sein kann, und wie im Idealfall dieser Transfer eine Essenz dessen vermittelt, was ein Reiseziel zu bieten hat. Da würde es notfalls reichen, nur einmal vom Flughafen in die Stadt und zurück zu fahren, und man hätte bereits einen guten Eindruck von den Verhältnissen. Ich gebe zu, dass mein Paradebeispiel dafür, jener Ort, an dem ich das feststellte, nicht wirklich repräsentativ ist und für Vielflieger von mikroskopisch kleiner Bedeutung. Es ist eine Insel mitten im Pazifik, in Französisch-Polynesien. Sie heißt Nuku Hiva, hat 2.600 Einwohner, und man gelangt dorthin von der Hauptinsel Tahiti in gut dreistündigem Flug mit einer ATR72 von Air Tahiti.

Der wirkliche Aha-Effekt aber ist dann der Weg vom kleinen Flughafen, wo die Kerosin-Fässer vom Versorgungsschiff am nahegelegenen Strand abgeladen werden müssen, in den Hauptort. Er dauert gut eine Stunde im Allradjeep, kostet umgerechnet über 40 Euro, und hat es in sich. Durch drei Klimazonen führt die Reise: Von der heißen wüstenartigen Ebene am Meer, wo der Flugplatz liegt, zunächst über eine unbefestigte, zerfurchte Piste, dann über eine nagelneue Straße ins Hochgebirge auf über 1.200 Meter. Hier weht frischer Wind, der Blick fällt auf das Blau des Pazifik und das Grün eines Hochtals. Und auf die Serpentinen einer pittoresk angelegten Straße, die sich für Auto-Werbespots geradezu aufdrängt. Dann folgen üppiger Kiefernwald und saftige Wiesen mit Kühen wie in den Alpen, bevor der Abstieg in die tropisch-grüne Küstenebene zum Ort erfolgt. Eine unglaublich schöne Tour, eindrucksvoller und günstiger als jeder organisierte Inselausflug.

Als ich dort also auf Nuku Hiva war, fielen mir plötzlich ganz viele Flughäfen auf der Welt ein, die ähnlich ikonenhafte Transfer-Abenteuer bieten oder zumindest eine genussvolle An- und Abreise vom und zum Flughafen. Das Gute liegt eigentlich so nahe: Die Düne von Helgoland mit dem Flugplatz, der von Air Hamburg auch auf Linienflügen bedient wird, ist das beste Beispiel, die Überfahrt mit dem Börteboot auf die Felseninsel ist auch schon ein netter Ausflug, wenn es nicht gerade regnet oder stürmt. Überhaupt – Flughäfen mit Transfermöglichkeit per Boot haben ein besonderes Flair. Die Eleganz der Überfahrt im schnittigen Holzboot von Venedig-Marco Polo in die Lagunenstadt zum Beispiel. Oder die Flughafeninsel von Male auf den Malediven, wo die Armada der Hotelbediensteten im schneeweißen Outift wie in der Ferrero-Werbung mit ihren Dhonis oder kraftvollen Schnellbooten auf übermüdet vom Nachtflug im Ferienflieger landende Edel-Urlauber wartet. Ein besonderer Fall ist der geniale Toronto Island Airport in Kanada, der direkt vor der grandiosen Skyline auf einer Insel gelegene Innenstadtflughafen. Von hier fliegen die Dash-8 von Porter Airlines und Air Canada Jazz bis nach New York. Noch gelangen Passagiere mit einer dreiminütigen Fährfahrt zum Terminal, bald soll ein Tunnel gebaut werden.

Es gibt aber auch noch ganz andere Extreme. Zum Beispiel in Grönland, wo die Fliegerei die Lebensader der Bevölkerung ist. Wer Scoresbysund, den größten Ort der Ostküste, erreichen will (es gibt überhaupt nur zwei nennenswerte Orte auf Tausenden von Kilometern Küste), fliegt mit einer Dash 8 von Air Greenland zum Flugplatz Constable Pynt. Von dort sind es noch 50 Kilometer in den Ort – und die werden mangels Straße per Hubschrauber zurückgelegt. Wenn das Wetter mitspielt und nicht die Wolken tief in den umliegenden Berggipfeln hängen. Dann macht Air Greenland wieder ihrem Beinamen „Vielleicht Air“ Ehre. Wenn es gut läuft gibt es auf dem umgerechnet rund hundert Euro teuren Flughafen-Flugtransfer grandiose Arktis-Ausblicke. Ähnlich wie auf Nuku Hiva aber kann manchmal auch schon eine Straße vom Airport in die Stadt ungläubiges Staunen auslösen. Zum Beispiel in La Paz, dem Regierungssitz von Bolivien. Der Flughafen El Alto ist auf über 4.000 Metern einer der höchstgelegenen der Welt. Die Stadt selbst liegt rund 700 Meter tiefer in einem Talkessel. Diese Fahrt ist buchstäblich atemberaubend. Als ich dort war, brauchten einige Kollegen im Hotel erst mal eine Dusche aus der Sauerstoffflasche. Aber was nimmt man nicht alles in Kauf für einen aufregenden Flughafentransfer.

Stand: 22.06.2011 - 2:14 PM Uhr

Quelle: Andreas Spaeth für airliners.de

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