Interview "Luftverkehr darf nicht als Belastung verstanden werden"

22.01.2016 - 16:07 0 Kommentare

Die Bedeutung Deutschlands als globale Drehscheibe im Luftverkehr droht weiter zu sinken, sagt Barig-Chef Michael Hoppe. Schlechte Rahmenbedingungen und hohe Kosten führen schnell zur Abwanderung ausländischer Airlines, warnt er im airliners.de-Interview.

Michael Hoppe, Generalsekretär des Board of Airline Representatives in Germany - © © Barig -

Michael Hoppe, Generalsekretär des Board of Airline Representatives in Germany © Barig

Das "Board of Airline Representatives in Germany" vertritt hierzulande die Interessen von rund einhundert nationalen und internationalen Linienflug, Ferienflug- und Luftfrachtgesellschaften. Wir haben mit dem (Barig)-Generalsekretär Michael Hoppe über die aktuellen Herausforderungen gesprochen.

Im vergangenen Jahr haben vor allem die ausländischen Fluggesellschaften für Passagierrekorde an vielen großen und kleinen deutschen Flughäfen gesorgt. Geht das 2016 so weiter?
Michael Hoppe: Es ist davon auszugehen, dass die ausländischen Fluggesellschaften ihre Kapazitäten und Frequenzen weiter ausbauen werden. Inwieweit auch Deutschland davon profitieren kann, bleibt abzuwarten. In ihren Heimatländern haben es die internationalen Fluggesellschaften zumeist mit Rahmenbedingungen zu tun, die im Vergleich zu Deutschland erheblich besser sind. Dies ermöglicht ihnen eine gezielte, fortschreitende Expansion zu günstigen Konditionen, gerade auch im Hinblick auf die Kosten. Denn: Viele Fluggesellschaften sind in ihren Heimatländern als leistungsstarke Wirtschaftsmotoren anerkannt.

Wie sehen die Airlines der Welt den Luftverkehrsstandort Deutschland eigentlich im Vergleich zu anderen europäischen Ländern?
Hoppe: Wie bereits angedeutet, hat der Flugverkehr in anderen Ländern oftmals eine andere, deutliche positivere Stellung als in Deutschland. Hierzulande werden die Airlines häufig mit Attributen wie Lärm, Emissionen, Nachtflug und so weiter in Verbindung gebracht. Dabei werden permanent enorme Anstrengungen und hoch effiziente Maßnahmen ergriffen, mit denen die Fluggesellschaften deutlich zur Verringerung von Umwelt- oder Lärmbelastungen beitragen und dabei auch sehr erfolgreich sind.

Beispielsweise hat das Bundesumweltministerium in einer repräsentativen Umfrage festgestellt, dass sich die Zahl derjenigen, die sich von Fluglärm stark oder sehr stark betroffen fühlen, in den Jahren von 2006 bis 2014 um fast zwei Drittel reduziert hat. Nur noch sechs Prozent aller Befragten fühlen sich durch Fluglärm gestört – eine umso bemerkenswertere Entwicklung, als der Flugverkehr in diesen Jahren kontinuierlich zugenommen hat. Diese Erfolge werden leider aber nicht honoriert.

Stattdessen keimen immer wieder Diskussionen zu Betriebsbeschränkungen an einzelnen Flughäfen auf, die für die Produktivität, Effizienz und Zukunftssicherung Deutschlands sehr gefährlich sind. Fakt ist: Der Luftverkehr in Deutschland leidet heute bereits unter zu hohen und völlig unnötigen Kosten wie beispielsweise der Luftverkehrsabgabe. Die Passagierzahlen und damit wirtschaftlichen Ergebnisse an einigen deutschen Flughäfen könnte besser sein, als wir es 2015 erlebt haben, würden diese unnötigen Abgaben endlich abgeschafft.

Wenn man sich das anhört, scheinen die Probleme von deutschen und internationalen Airlines relativ deckungsgleich. Welche speziellen Forderungen haben die internationalen Airlines hier in Deutschland?
Hoppe: An erster Stelle muss Deutschland dafür sorgen, dass die Kosten für die Produktion von Luftverkehr spürbar günstiger werden. So müssen zum Beispiel Gebühren und Entgelte an den Flughäfen deutlich nach unten angepasst werden. Die Fluggesellschaften bringen mehr und mehr Passagiere an die Flughäfen, wo sie auch äußerst wertvolle Shopping-Kunden sind.

Das zweite wichtige Feld sind die Betriebszeiten an den deutschen Flughäfen. Sie dürfen auf gar keinen Fall zusätzlich verschlechtert werden. Deutschland liegt im Herzen Europas und hat unter Beweis gestellt, als Drehkreuz für Flüge rund um den Globus agieren zu können. Es muss jedoch gewährleistet sein, dass entsprechende Infrastruktur und Möglichkeiten auch weiterhin bereitgestellt werden. Andernfalls werden die internationalen Fluggesellschaften zu anderen Airports im Ausland, wo weniger Restriktionen bestehen, abwandern – und mit ihnen die Fluggäste.

© BDF, Lesen Sie auch: "Laufen Gefahr, dass Deutschland vollständig vom Rest der Welt abgekoppelt wird"

Die Bundesregierung erarbeitet ja aktuell ein Luftverkehrskonzept für Deutschland. Sind darin die Bedürfnisse der ausländischen Airlines angemessen berücksichtigt?
Hoppe: Ganz wichtig ist hier eine notwendige positive Grundeinstellung der Politik. Luftverkehr darf nicht als Belastung verstanden werden. Er birgt jede Menge Chancen für die Wirtschaft und ermöglicht langfristige Stabilität. Wenn aber die Rahmenbedingungen zusätzlich verschlechtert werden, etwa weil die Produktionsbedingungen durch zu hohe Gebühren und Entgelte zu teuer sind, wird der Luftverkehr in Deutschland nicht wettbewerbsfähig bleiben und einen Abschwung erleiden.

Das würden nicht nur die deutschen Fluggesellschaften spüren, die ohnehin unter starkem Wettbewerbsdruck aus dem Ausland stehen. Der gesamte Luftverkehrsstandort Deutschland würde darunter leiden und damit als globale Drehscheibe für alle internationalen Fluggesellschaften uninteressanter werden. Auch die Teilnahme Deutschlands am Welthandel und damit an den großen Passagier- und Warenverkehrsströmen würde sich verschlechtern, da sich der Luftverkehr stärker ins Ausland verlagern könnte.

Die Lage ist ernst. Das muss die Politik erkennen und entsprechend handeln. Insofern muss das angestrebte Luftverkehrskonzept Maßnahmen beinhalten, die die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland verbessern, um im globalen Kampf bestehen zu können. Geschieht dies nicht, wird sich das Szenario sehr schnell weiter verschlechtern, und der Standort Deutschland wird erheblich Federn lassen müssen.

Ist es denn aus Sicht der internationalen Airlines zielführend, dass die EU-Kommission mit ihrer neuen Luftverkehrsstrategie über europäisch einheitlich verhandelte Abkommen für "fairen Wettbewerb" sorgen will?
Hoppe: Prinzipiell ist jedes Vorgehen der Kommission zu begrüßen, das einen für alle Beteiligten fairen Wettbewerb fördert. Wir dürfen nicht vergessen: Der Luftverkehr unterliegt nicht den Regularien der Welthandelsorganisation. Daher ist es üblich, in bi- oder multinationalen Abkommen die Regeln hierfür festzulegen. Mit einer Reihe von Ländern wie beispielsweise den USA und Kanada hat die EU-Kommission schon entsprechende Abkommen geschlossen. Diese sind zwar aus unserer Sicht nicht immer für alle Beteiligten optimal, haben aber in jedem Fall für verlässlichere Rahmenbedingungen gesorgt.

Insofern können die von der EU angestrebten Verhandlungen für den gesamten Wirtschaftsraum mit über 500 Millionen Einwohnern in vielen Fällen ein geeignetes Instrument sein. Das Vorgehen ist umso wertvoller, wenn im Rahmen solcher Verhandlungen auch Dinge wie Sicherheitsstandards festgelegt sowie die Weichen für eine fortschreitende Liberalisierung gestellt werden. Daran sind alle interessiert. Wenn die EU-Kommission nun mit weiteren Ländern Verhandlungen aufnimmt, birgt das gewiss ein großes Potenzial. Allerdings muss dieser Prozess auch kritisch und fachkundig begleitet werden.

Von: gk, dh

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