Gewerkschaftliche Konkurrenzkämpfe

Lufthansa appelliert an Politik

07.08.2008 - 19:23 0 Kommentare

Im Streit mit ihren Gewerkschaften hat die Lufthansa den Gesetzgeber um Hilfe gerufen. Die größte deutsche Airline sieht sich neben den Forderungen von ver.di auch zahlreichen Spartengewerkschaften wie der Vereinigung Cockpit und UFO ausgeliefert. Leidtragende sind neben der Lufthansa aber auch die Arbeitnehmer in weniger spezialisierten Bereichen.

Bei der Lufthansa wagen jetzt die Piloten der Tochter CityLine die Machtprobe. Fünf Tage nach dem Ende der Streiks beim Boden- und Kabinenpersonal gingen die Flugzeugführer in einen 36-stündigen Ausstand - und ließen damit zum Leidwesen der Reisenden bereits zum dritten Mal in ihrer Tarifrunde hunderte Flüge auf innerdeutschen und innereuropäischen Strecken mit regulären Streiks ausfallen. Im Hintergrund steht aber auch der Kampf konkurrierender Gewerkschaften um Mitglieder und Einfluss.

Darum wendet sich die Airline nun an die Politik. "Wir appellieren an die Politik, einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen, der die Konkurrenz von Gewerkschaften innerhalb eines Unternehmens regelt", sagte ein Konzernsprecher der "Rheinischen Post" (Freitagsausgabe). Mehrere Gewerkschaften innerhalb eines Unternehmens würden dazu führen, dass die einzelnen Arbeitnehmervertretungen sich in ihren Tarifforderungen gegenseitig aufschaukeln. Er verwies darauf, dass dies nicht allein ein Problem der Fluggesellschaft, sondern auch etwa der Bahn sei. Dort hatten vergangenes Jahr zunächst die Gewerkschaften Transnet und GDBA gestreikt, anschließend die Lokführergewerkschaft GDL.

Warnung vor "britischen Zuständen der Vor-Thatcher-Ära"

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) spricht sich für gesetzliche Richtlinien aus. Der Gesetzgeber sollte dem bedrohlichen Gewerkschaftswettbewerb Einhalt gebieten, sonst drohe Lufthansa, Bahn und Krankenhäusern die "britischen Zustände der Vor-Thatcher-Ära". Denkbar wäre laut IW, einem Streik eine Schlichtung vorzuschalten oder Streiks einer konkurrierenden Gewerkschaft bei geltendem Tarifvertrag für unzulässig zu erklären.

Dann könnte im vorliegenden Fall die UFO für das Kabinenpersonal keinen Tarifabschluss erstreiken, der den jüngsten ver.di-Abschluss überbietet. Bei Firmentarifverhandlungen wäre nach IW-Angaben auch denkbar, nach angelsächsischem Vorbild eine repräsentative Gewerkschaft wählen zu lassen, die dann die Interessen aller Berufsgruppen vertreten könnte.

Lufthansa und die Spezial-Gewerkschaften

Lufthansa kennt das Problem mit konkurrierenden Gewerkschaften schon seit 2001, als erstmals die Vereinigung Cockpit (VC) sich als eigenständiger Tarifpartner etablieren konnte. Die VC kämpft derzeit für höhere Löhne bei den Piloten zweier Töchter und könnte jederzeit mit neuen Streiks die Flugpläne durcheinanderwirbeln. Lufthansa- Personalchef Stefan Lauer forderte schon vor einem Jahr neue Regeln, damit konkurrierende Gewerkschaften sich nicht Runde für Runde überbieten. «Eine Tarifautonomie ohne Regeln läuft Gefahr, zu einem reinen Tarifdiktat zu werden», erklärte er damals.

Naben den Spezialisten im Cockpit und in der Kabine gilt auch die Lufthansa-Technik als mächtig, weil hier der Organisationsgrad besonders hoch ist. Und tatsächlich wirkte beim ver.di-Streik in der letzten Woche auch vorrangig der Ausstand der Spezialisten von der Lufthansa-Technik. Nach dem aus Techniker-Sicht "mageren" Abschluss im ver.di-Tarifstreit könnten nun auch diese eine eigene Spezialgewerkschaft gründen wollen. Die Macht dazu hätten sie. Ein Horrorzenario für die Gewerkschaft. Gleichzeitig wäre eine weitere Spezialgewerkschaft aber auch ein Problem für die Lufthansa.

Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind aber vor allem auch die Mitarbeiter in "schneller ersetzbaren" Bereichen, die im System der machtvollen Spezialgewerkschaften keine Stimme mehr haben.

In der vergangenen Woche hatte das Boden- und Kabinenpersonal der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di die Lufthansa bestreikt, am Donnerstag und Freitag streikt die Piloten-Gewerkschaft Vereinigung Cockpit bei der Lufthansa-Tochter Cityline für mehr Geld. Die in der Gewerkschaft UFO organisierten Flugbegleiter haben dem Unternehmen ebenfalls mit einem Arbeitskampf gedroht und die Lohnforderungen von ver.di dabei überboten. Die Piloten des Lufthansa-Mutterkonzerns drohen ebenfalls mit Warnstreiks in den nächsten Tagen. Sie fordern eine Konzern- Personalvertretung bei Deutschlands größter Fluggesellschaft.

Von: AFP, ddp, dpa, airliners.de
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