Ein Luftfahrt-Brexit und viele Fragen

20.06.2016 - 14:44 0 Kommentare

In dieser Woche stimmen die Briten über den Verbleib Großbritanniens in der EU ab. In den Gedanken von airliners.de-Herausgeber David Haße gibt es dazu in Sachen Luftfahrt Fragen über Fragen. Er hat einige aufgeschrieben.

Ein Airbus-Mitarbeiter schwenkt den Union Jack vor einem Airbus A380 der British Airways. - © © Airbus  -

Ein Airbus-Mitarbeiter schwenkt den Union Jack vor einem Airbus A380 der British Airways. © Airbus

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Je näher der Brexit-D-Day kommt und je lauter die britische Branche vor einem EU-Austritt warnt, desto häufiger stelle ich mir eine Frage: Wenn der Brexit potentiell schlecht für den Luftverkehr in Großbritannien ist, was bedeutet das eigentlich im Umkehrschluss für die Luftfahrt im Rest der EU?

Die größten drei Player auf dem britischen Markt sind British Airways, Easyjet und Ryanair. Ändert sich etwas in Großbritannien, hat das unmittelbare Auswirkungen auf diese Airlines. British Airways und Easyjet sind britisch registriert. Wirklich flexibel reagieren kann wohl nur die in Irland EU-registrierte Ryanair.

Aber was bedeutet das für die Luftfahrt im Rest von Europa? Was würde wohl passieren, wenn Ryanair in Großbritannien zukünftig deutlich kürzer treten müsste - etwa weil der Zugang beschränkt wird oder die Nachfrage aus egal welchen Gründen sinkt?

Die Iren müssten wohl Kapazitäten verschieben, und das bedeutet nichts anderes als ein noch härterer Verdrängungswettbewerb im Rest der EU. Das freut dann vielleicht kurzfristig den ein oder anderen Flughafenchef. Aber spätestens wenn der Kampf um Marktanteile schneller als erwartet die ersten Opfer unter den lokalen Airlines fordert, würde sich das Blatt wieder wenden.

Aber denken wir nicht nur innereuropäisch: Was passiert eigentlich mit dem geplanten starken Auftreten der EU in Sachen gemeinschaftlicher Luftverkehrsabkommen, wenn das größte europäische Drehkreuz in London Heathrow plötzlich nicht mehr mit im EU-Boot ist? Wie stark kann die EU dann gegen China, die VAE und andere Länder argumentieren? Andererseits: Würde der Hub in Frankfurt vielleicht sogar profitieren, wenn die Banken aus London wegziehen? Man weiß es nicht.

© airliners.de, Gunnar Kruse Lesen Sie auch: EU-Kommission erhält Mandat für Luftverkehrsverhandlungen

Widmen wir uns aber den Brexit-Case-Fragen der näheren Zukunft: Der Austritts-Prozess würde wohl rund zwei Jahre dauern. In dieser Zeit müssten die britischen Behörden neue bilaterale Luftverkehrsabkommen mit einer Vielzahl von Staaten verhandeln. Das ist sicher aufwendig, aber machbar. Britische Airlines sollten sich aber nichts vormachen: In der EU wird es kaum ein gesteigertes Interesse daran geben, dass britisch registrierte Flugzeuge nach einem Brexit weiterhin nach Belieben innerhalb der EU operieren dürfen.

Airlines aus Nicht-EU-Ländern - wie etwa Norwegen oder Albanien - dürfen zwar auch am EU Open Sky teilhaben. Die Teilnahme an der sogenannten European Common Aviation Area (ECAA) wird aber nicht verschenkt. Mitspielen darf nur, wer nach der Pfeife der EU tanzt, inklusive Binnenmarkt-Teilnahme - ein rotes Tuch für Brexit-Befürworter. Insgesamt also ein fragliches Szenario.

Fragt man British Airways ist der Brexit ohnehin kein Grund zur Panik: Die IAG-Airline hat mit ihren EU-Partnerairlines Iberia, Aer Lingus und Vueling aber auch starke Partner, die operativ-bürokratischen Folgen eines Brexits zu umfliegen, was die durchaus moderaten Äußerungen von Airlinechef Willie Walsh erklärt.

Vor allem Easyjet muss Antworten finden

Ein mögliches Open-Sky-Aus für britische Airlines in EU-Europa würde ohnehin vor allem eine Airline treffen: Easyjet. Der Billigflieger unterhält ein breit gefächertes Netzwerk über den ganzen Kontinent. Von Deutschland nach Frankreich und weiter nach Spanien dürften die orangen Flugzeuge dann aber nicht mehr so ohne weiteres fliegen. Ein enormes Hindernis für Europas Billigflieger Nummer zwei.

Airline-Chefin Carolyn McCall hat darum bereits Worst-Case-Szenarios ausgearbeitet. Eine Option ist radikal: Umzug des Firmensitzes und neuer Flugbetrieb mit Sitz in einem EU-Land. Wird Easyjet also am Ende noch eine EU Airline? Wie wäre es mit der Heimatbasis BER? Sollte Luftfahrt-Berlin am Ende gar auf einen Brexit hoffen?

Es bleibt also bei Spekulationen: Im Luftverkehr läuft es nach einem Brexit nämlich entweder einfach weiter wie es ist - oder für einige Player ändern sich die Rahmenbedingungen grundlegend. Und wissen Sie was? Das größte Risiko erscheint mir dabei sogar ein "Best-Case-Brexit", also ein Austritt ganz ohne wirtschaftliche Komplikationen.

Denn eines steht außer Frage: Ein erfolgreicher Austritt würde ähnliche Ambitionen in anderen EU-Ländern beflügeln. Und dann besteht die realistische Gefahr, dass sich der EU-Open-Sky schneller in Luft auflöst, als es allen europäischen Luftfahrtnationen, allen Billigfliegern und auch allen anderen Airlines oder den Flughäfen recht sein kann.

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der studierte Marketing- und Kommunikationsfachmann ist beruflich seit rund 15 Jahren in der Onlinebranche zu Hause. 2007 machte er sich mit dem zuvor als Projekt gestarteten airliners.de selbständig. Kontakt: david.hasse@airliners.de

Von: dh
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