Luftfahrt bereitet sich auf Brexit vor

24.06.2016 - 12:05 0 Kommentare

Der Brexit wird Realität: Der Austritt der Briten aus der Europäischen Union wird sich auch auf den europäischen und deutschen Luftverkehr auswirken. Die Reaktionen der Branche fallen unterschiedlich aus.

Leitwerke von British-Airways-Maschinen in London-Heathrow - © © dpa, F. Arrizabalaga -

Leitwerke von British-Airways-Maschinen in London-Heathrow © dpa, F. Arrizabalaga

Der Brexit kommt, Großbritannien wird die Europäische Union verlassen. Das wird Folgen für den europäischen Luftverkehr haben, und auch in Deutschland werden die Auswirkungen spürbar sein.

Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) rechnet damit, dass sich der Luftverkehr zwischen der EU und Großbritannien mittelfristig verschlechtert. "Seit der Liberalisierung des EU-Luftverkehrs besteht für das Fliegen in Europa ein einheitlicher Markt", wird BDL-Präsident Stefan Schulte in einer Mitteilung zitiert.

Jetzt müssten zwischen der EU beziehungsweise jedem einzelnen EU-Staat und Großbritannien zahlreiche Themen neu verhandelt werden - jahrelang, so Schulte weiter. Als Beispiele nannte er Start- und Landerechte, Marktzugänge, Sicherheitsbestimmungen und Passagierrechte.


Top 5 Airlines Deutschland-Großbritannien

  1. Lufthansa: 24%
  2. British Airways: 23,5%
  3. Eurowings/Germanwings: 15,7%
  4. Ryanair: 14,4%
  5. Easyjet: 13,9%

Quelle: ch-aviation (Marktanteile nach Kapazitätsangebot, 7-12/2016)


"Wir machen uns Sorgen um unsere Kunden", sagte Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer des deutschen Flughafenverbandes ADV im Gespräch mit airliners.de. Er forderte die britischen Airlines, die auch Flughäfen in der Bundesrepublik bedienen, dazu auf, "möglichst schnell eine Lösung zu finden".

Beisel wies außerdem darauf hin, dass Großbritannien eine ähnliche Lösung wie die Schweiz anstreben könnte, die kein Mitglied der Europäischen Union ist. Das Land überführe zum Beispiel EU-Gesetze im Security- und Luftsicherheitsbereich in nationales Recht, so Beisel. Diese seien dann denen der EU gleichgestellt.

Die European Regions Airline Association (ERA) teilte mit: "Die Zeit wird zeigen, was das Votum für den Luftraum in Großbritannien und Europa bedeutet." Klar sei jedoch: Die Luftfahrt sei eine weltweite Industrie, die dann am besten funktioniere, wenn es offene Grenzen gebe. So könnten die Airlines ohne Schwierigkeiten operieren.

Kapazitätsverteilungen ausgewählter Fluggesellschaften
in Bezug auf den britischen Markt
inner-britisch von/nach Großbritannien sonstige Routen
Thomson Airways 0 98.3 1.7
Flybe 52.1 45.5 2.3
British Airways 11.7 80.1 7.2
Easyjet 9.2 57.1 33.7
Bmi Regional 10.6 50 39.4
Ryanair 1.6 38.3 61.7
Lufthansa 0 5.6 94.4
Air Berlin 0 0 100

Quelle: ch-aviation (Marktanteile nach Kapazitätsangebot, 7-12/2016)

International Airlines Group streicht Gewinnprognose

Der Brexit hat bereits die Gewinnerwartungen der International Airlines Group (IAG) durchkreuzt. Schon in den Wochen vor dem Referendum habe sich der Ticketverkauf schwächer entwickelt als erwartet, teilte das Luftfahrt-Bündnis mit, zu dem neben British Airways auch Iberia, Vueling und Aer Lingus gehören.

Angesichts des Votums für den Brexit und der daraus entstandenen Marktturbulenzen werde der operative Gewinn in diesem Jahr zwar immer noch deutlich steigen, aber nicht mehr so stark wie im Jahr 2015. Im abgelaufenen Jahr hatte IAG den um Sondereffekte bereinigten operativen Gewinn um mehr als zwei Drittel auf 2,34 Milliarden Euro gesteigert.


Top 5 EU-Airlines im Großbritannien-Verkehr
(ohne britische Airlines)

  1. Ryanair: 14,2%
  2. Wizzair: 2,4%
  3. Aer Lingus: 1,9%
  4. Lufthansa: 1,4%
  5. KLM: 1,4%

Quelle: ch-aviation (Marktanteile nach Kapazitätsangebot, 7-12/2016)


Easyjet und Ryanair müssen Planungen überdenken

Besonders von den möglichen Folgen des EU-Austritts betroffen ist Easyjet. Der Börsenkurs des Unternehmens sank zuletzt um über 17 Prozent. Das Unternehmen gibt sich derweil unaufgeregt, der Brexit werde "keine wesentlichen Auswirkungen" auf die Strategie haben. Easyjet sei gut vorbereitet. "Wir sind längst in ganz Europa aktiv und haben auch in anderen Ländern eine Zulassung", hatte Easyjet-Chefin Carolyn McCall vor der Abstimmung dem Handelsblatt gesagt.

© dpa, EPA/OLAF KRAAK Lesen Sie auch: Easyjet hofft trotz Brexit auf EU-Luftverkehrsbinnenmarkt

Der irische EU-Carrier Ryanair, für den Großbritannien ebenfalls ein wichtiger Markt ist, wird seine Pläne überdenken. "Wir werden vermutlich erst einmal nicht in Großbritannien wachsen, sondern andere Märkte wie Deutschland und Spanien in den Fokus nehmen", sagte Marketing-Chef Kenny Jacobs zu "Biztravel".

Vom Reiseveranstalter Thomas Cook - zu dem auch die deutsche Airline Condor gehört - hieß es: Noch seien die Folgen des Brexit unklar. Man werde sich natürlich mit möglichen Auswirkungen beschäftigen und über aktuelle Entwicklungen informieren. Das Geschäft laufe wie gewohnt weiter.

© Heathrow Airports Limited, Lesen Sie auch: Welche Folgen der Brexit für Reisende haben kann

Airbus stellt Investitionsvorhaben in Frage

Auch Europas größter Luftfahrt- und Rüstungskonzern Airbus wird die Investitionspläne in Großbritannien auf den Prüfstand stellen. Vorstandschef Tom Enders sagte, Großbritannien werde sich jetzt "noch mehr auf die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft gegenüber der EU und der gesamten Welt fokussieren. Aber natürlich werden wir unsere Investitionsvorhaben in Großbritannien überdenken, so wie jeder andere auch". Airbus hofft, dass der wirtschaftliche Schaden durch den Brexit klein bleibe.

© Airbus , Lesen Sie auch: Ein Luftfahrt-Brexit und viele Fragen

Von: ch, dh
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