Spaethfolge (89) Live ist live

04.07.2012 - 08:06 0 Kommentare

Fußballspiele oder Olympia in Echtzeit und in Farbe auf Reiseflughöhe – die moderne Kommunikationstechnik beim Fliegen macht erstaunlich viel möglich. Und an Bord führt das zu ganz neuem Miteinander, wie ich gerade erlebt habe.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Was für ein Sportsommer – erst die Fußball-EM und jetzt kommen bald die Olympischen Spiele in London. Es gibt sportverrückte Vielflieger, die sich in solchen Zeiten Urlaub nehmen, um bequem zu Hause oder im Ferienquartier alle Ereignisse vor dem Bildschirm live verfolgen zu können. Denn ständig auf Reisen sein zu müssen, wenn irgendwo die Lieblingskicker zum entscheidenden Match antreten oder sich andere Großereignisse in bevorzugten Sportarten abspielen, das ist für wahre Fans eine Qual. Am Boden ist das ja noch relativ einfach. Wie oft habe ich schon auf Bahnhöfen oder in Flughafen-Lounges live Fußballübertragungen verfolgt. Einmal saß ich während der vorletzten EM in Managua in einer VIP-Lounge, sollte eigentlich die nicaraguanische Tourismusministerin interviewen. Es stellte sich aber heraus, dass sie gleichzeitig auch Sportministerin und großer Fußballfan war. So schauten wir gemeinsam ein dramatisches Deutschland-Spiel, hatten viel Spaß und ganz nebenbei ein interessantes Gespräch. Gut, dass ich viel Zeit bis zum Weiterflug eingeplant hatte.

Oder bei der letzten WM in Südafrika – da musste ich während eines wichtigen Deutschland-Spiels auf dem Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden warten. Netterweise hatte eine Mietwagenfirma an ihrem Schalter in der Abflughalle einen Fernseher aufgestellt, vor dem eine große Menschenmenge eine dramatische Aufholjagd verfolgte – leider ohne die entscheidenden Tore zu sehen, denn da mussten viele bereits zum Gate. An Bord gab es dann gerade noch eine magere Durchsage, sonst war Fußball-Funkstille.

Zum Glück bin ich kein fanatischer Fußballfreak, sonst hätte mich das sicher sehr gewurmt. Unsere Bundeskanzlerin scheint da anders gestrickt. Kürzlich erregte sie Aufsehen, weil sie ihre Abreise zum G8-Gipfel nach Mexiko auf Mitternacht verlegte. Nicht wegen der Wahlen in Griechenland, wie zunächst vermutet, sondern wegen des deutschen EM-Spiels gegen Dänemark, wie der Regierungssprecher zugab. Das hat mich gewundert, denn die Regierungs-A340 sollte mindestens mit so moderner Bordkommunikation ausgestattet sein wie eine Lufthansa-A340. Denn das Privileg, meinen Abflug nach Gusto zu verschieben, habe ich natürlich genauso wenig wie andere Vielflieger. Ich musste an dem Tag auch verreisen, und zwar streng nach Lufthansa-Flugplan von Frankfurt nach Bogotá fliegen.

Aber ich hatte Glück: Die A340-600 hatte bereits FlyNet an Bord, den neuen Breitband-Internetzugang. Meine Hoffnung auf Live-TV mit Sportkanal wurde aber enttäuscht. „Das gibt es nur in den neuen A330“, erklärte mir die Purserin, die zunächst gar nichts davon wusste, dass Lufthansa zur EM ohne großes Aufhebens erstmalig auf bestimmten Flugzeugen Live-TV eingeführt hatte im Bordprogramm, mit einem Sportkanal. Und als wir dann nach rund sechs Stunden Flug mitten über dem Südatlantik waren, soweit weg von jedem Land wie nur denkbar, begann das Spiel Deutschland gegen Dänemark.

Und siehe da – wer wollte, ein Laptop dabeihatte und die Flatrate für den FlyNet-Internetzugang zahlte, konnte das Spiel im Livestream so gut wie in Echtzeit verfolgen. Ein paar Sekunden Verzögerung mag es gegeben haben – auf dem einen Bildschirm neben mir hatten Jogis Kicker bereits das zweite Tor erzielt, auf dem anderen noch nicht einmal zur entscheidenden Flanke angesetzt. Aber egal – wir waren so gut wie live dabei, ein tolles Gefühl. An Bord entstand selbst unter sonst eher coolen Geschäftsreisenden eine neue Kameraderie. Nach jeder entscheidenden Szene hielten die Laptop-Nutzer ihre Bildschirme hoch und ließen die Sitznachbarn die Zeitlupe betrachten. Dann wurde die Flugbegleiterin über jeden neuen Spielstand informiert. Die meldete das ins Cockpit weiter, von wo sich dann Minuten später der Kapitän mit bedeutungsvoller Stimmer meldete und alle an Bord über ein weiteres Tor informierte.

Solche entscheidenden Neuigkeiten darf in der Lufthansa-Hierarchie offenbar nur der Kommandant kommunizieren. Warum die Kanzlerin nicht auch gemütlich auf ähnliche Weise in ihrer VIP-A340 das Spiel schauen konnte oder wollte, bleibt mir ein Rätsel. Gleichzeitig ist es faszinierend, wie dank moderner Technik Fluggäste auch während ihrer Reise nicht vom Weltgeschehen abgeschnitten sind. Wenn das auch manchmal grotesk endet – wie bei JetBlue 2005, als die Passagiere im Live-TV verfolgen konnten, wie ihre Maschine wegen eines Bugfahrwerk-Schadens Stunden über Long Beach kreisen musste. Vor der – geglückten – Landung aber wurde das System abgeschaltet.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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