Airport-Chef Fundel im Interview

"Langweilig war es nie"

28.03.2017 - 16:27 0 Kommentare

Flughafenchef Georg Fundel hört auf. Im Interview blickt der "Mann mit der Fliege" auf über 20 Jahre an der Spitze des Stuttgarter Flughafens zurück, spricht über Architektur und seine Radtour nach Sizilien.

Georg Fundel, Geschäftsführer der Flughafen Stuttgart GmbH - © dpa - Jan-Philipp Strobel

Georg Fundel, Geschäftsführer der Flughafen Stuttgart GmbH dpa /Jan-Philipp Strobel

Der Stuttgarter Flughafenchef Georg Fundel geht Ende April im Alter von 62 Jahren in Rente. Kurz vor seinem letzten Arbeitstag hat airliners.de mit dem wohl dienstältesten Flughafenchef Deutschlands gesprochen.

airliners.de: Sie sind seit August 1996 Flughafenchef in Stuttgart. Damals nannte man das noch Flughafendirektor, oder?
Georg Fundel: (lacht) Stimmt, aber seit der Bahnchef "Bahnchef" heißt, nennt man auch den Flughafenchef nicht mehr Flughafendirektor.

Wie hat sich die Branche in den vergangenen zwei Jahrzehnten verändert?
Fundel: Eines kann ich Ihnen sagen: Langweilig war es nie. Unsere Branche verändert sich ständig. Aktuell befindet sich Air Berlin im Umbruch und das gleiche gilt für Märkte wie zum Beispiel die Türkei. Aber alles, was aktuell läuft, empfindet man ja immer als besonders turbulent. Wenn man zurückschaut, erkennt man einen steten Wandel: Billigfluggesellschaften, die aufkamen und die noch niemand kannte, ein 11. September und die weitreichenden Folgen, Fusionen in Amerika, in Europa, in Deutschland, eine Eurowings und so weiter.

Zur Person

Georg Fundel wurde am 20. Februar 1954 im baden-württembergischen Münsingen geboren und studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hohenheim. Ab 1982 war er Leiter der Wirtschaftsförderung der Stadt Stuttgart, bis er 1989 zur Landesgirokasse wechselte. Seit August 1996 ist Fundel einer der beiden Geschäftsführer der Flughafen Stuttgart GmbH und war dort zuletzt für die Bereiche Verkehr, Controlling und Finanzen sowie für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. Seit 1999 ist Fundel zudem Lehrbeauftragter an der Universität Stuttgart und seit 2006 dort Honorarprofessor zum Thema Luftverkehr und Flughafenmanagement. Fundel hat drei Kinder und lebt in Stuttgart.

Was waren denn rückblickend die größten Herausforderungen?
Fundel: Hervorgestochen haben sicher bauliche Dinge. Wir mussten beispielsweise immer wieder neue Vorgaben für die Sicherheitskontrollen umsetzen. Aber es gab in den 21 Jahren natürlich extrem viele Herausforderungen, die ich jetzt nicht aufzählen kann oder will. Aber das Schöne ist, dass die Leute um mich herum immer sehr motiviert waren. So haben wir aus einer behördenhaften Firma eine effiziente Unternehmensstruktur gemacht. Früher wurde in Stuttgart mit dem Flughafen kein Geld verdient, heute verdienen wir sehr gut.

Apropos Geld. Sie kommen ja aus der Wirtschaftsförderung - inwiefern hat Ihnen das geholfen, einen Flughafen wirtschaftlich zu leiten?
Fundel: Meine erste Aufgabe im Rathaus als "Trouble-Shooter" des Bürgermeisters war eigentlich das Abräumen von Problemen. Diese Erfahrungen kann man ein Leben lang gebrauchen. Es gibt ja viele Menschen, die sehen Probleme, aber lösen sie nicht. Ich war anders trainiert: Wenn es irgendwo heißt "Geht nicht", dann interessiert mich das. Und noch etwas hat mich früh geprägt: "Tue Gutes und rede darüber", habe ich in meiner Zeit im Marketing, dem Vertrieb und als Pressesprecher gelernt. In der Bank konnte man damals alles umsetzen, wenn es sich nur rentierte. Mein Blick auf die Rendite war für den Flughafen sicherlich eine große Lernkurve. Wir hatten früher an jeder Stelle mindestens eine Redundanzstufe. Das ist enorm teuer und im Fall eines Falles hat man oft festgestellt, dass es dennoch nicht funktionierte. Also habe ich die Redundanzen an vielen Stellen abgeschafft. Man baut ja auch zu Hause nicht eine Heizung und noch eine Standbye-Heizung. Man repariert, wenn etwas kaputtgeht.

Der Flughafen Stuttgart

Der Stuttgarter Flughafen ist nach Passagierzahlen der achtgrößte Flughafenstandort Deutschlands und größter Standort in Baden-Würtemberg. Im vergangenen Jahr wurden rund 10,6 Millionen Fluggäste gezählt, ein leichtes Plus von 1,1 Prozent im Vergleich zu 2015. Der Flughafen gehört zu 65 Prozent dem Land Baden-Württemberg und zu 35 Prozent der Stadt Stuttgart.

In Ihrer Zeit als Flughafenchef haben sich die Passagierzahlen am Flughafen verdoppelt. War die neue Startbahn damals Ihr erstes Projekt?
Fundel: Meine ersten Projekte hatten natürlich mit den Herausforderungen zu tun, die das große Wachstum durch die verlängerte Startbahn mit sich brachte. Das war ein Wachstum, das bislang nicht vorgesehen war. Die ursprüngliche Piste hatte ja sehr beschränkte Anflugmöglichkeiten, sie hatte noch nicht einmal ein Instrumentenlandesystem für einen Flugbetrieb bei jedem Wetter. Aber plötzlich waren diese Barrieren alle weg und schon im ersten Jahr fand ein ziemlich sattes Wachstum statt. Schnell haben wir dann festgestellt, dass das bestehende Terminal zu klein war und es musste in einem Hauruck-Verfahren ein weiteres Terminal gebaut werden. Das war nicht einfach, denn das "Meinhard von Gerkan"-Terminal ist zwar mit seiner Baumstruktur als Hallendach-Ständerwerk unter Design-Gesichtspunkten wunderschön - aber wirklich funktional ist es nicht.

Das Terminal 1 am Flughafen Stuttgart ist das weltweit erste Gebäude mit der "Meinhard von Gerkan"-Baumstruktur. Foto: © Flughafen Stuttgart

Wirklich? Von Gerkan hat doch noch viele andere Gebäude mit dieser Baumstruktur gebaut.
Fundel: Ja, aber wir waren weltweit das erste Gerkan-Gebäude mit Stahlbäumen als Träger. Beim Terminal 1 und 2 am Flughafen Hamburg hatte er also schon das Lernwissen aus Stuttgart. Trotzdem glauben viele Leute, Hamburg sei das Original. Unser Terminal altert also offenbar anständiger (lacht). Aber unsere Herausforderung war damals ganz konkret: Wie erweitert man ein solches Design-Gebäude? Wir brauchten auf jeden Fall ein funktional flexibleres Gebäude. Das haben wir dann mit Von Gerkan in unserem Terminal 3 extrem gut gelöst. Es gibt nämlich von der Anmutung her keinen wirklich auffallenden Bruch zwischen den beiden Gebäuden. Und das obwohl sie mit immerhin 15 Jahren Abstand in Betrieb gegangen sind. Das zeigt, dass ein Architekt einen Bauherrn braucht, der weiß, was er will - aber nicht gegen den Architekten, sondern mit ihm.

Anders als am BER?
Fundel: Ich habe zum BER keine Meinung. Man sollte meinen, nach Stuttgart und den vielen anderen Projekten in der ganzen Welt könnte Herr Von Gerkan Flughafen. Aber wissen Sie, es gab auch mal Zeiten, da haben wir gedacht, die Fernverkehrsbaumaßnahmen "Stuttgart 21" zum Bahnanschluss des Flughafens wären deutlich schneller fertig als die Messe-Bauarbeiten bei uns am Platz. Dass sich das mal umdreht, war lange unvorstellbar. Baulich ist das jetzt wirklich unvorteilhaft. Denn vieles bei uns ist fertig gebaut und der Bahnhof muss jetzt unten durchgedrückt werden. Das ist deutlich komplizierter als wenn man es andersherum gemacht hätte.

Der Flughafen in Stuttgart ist mittlerweile nicht nur Flughafen, sondern beispielsweise auch Messestandort. Gab es da einen Masterplan?
Fundel: Luftseite und Landseite ergänzen sich bei uns. Wir haben in Stuttgart einen breiten Branchenmix unterschiedlicher Zubringer zu Hub-Flughäfen sowie eine gute Mischung von wettbewerbsfähigen Airlines. Von daher sind wir für das Land ein attraktives Angebot. Wir haben aber auch den Fernbusbahnhof deutlich erweitert, die Autobahnen und die Bundesstraßen bestens angebunden und hoffentlich bald auch den Fernbahnverkehr. Und da wir ja auch Partner der Messe sind, haben wir die Synergien genutzt und Hotels sowie Konferenzräume gebaut. Das waren alles Projekte, die wir mit weitem Vorlauf planen mussten. Es geht ja darum, dass man zum Beispiel vom Flughafen ebenengleich zum Bahnhof und zur Messe kommt. Das sind keine Zufälle, sondern das geht nur, wenn es von langer Hand geplant ist. Genau das waren wirklich schöne Herausforderungen.

Sie sind der "Mann mit der Fliege", das ist ihr Markenzeichen. Hat das eigentlich etwas mit "Fliegen" im weitesten Sinne zu tun?
Fundel: Man könnte ja meinen, das mit der Fliege kam, weil ich zum Flughafen wollte. Dem ist aber nicht so. Ich fliege auch selbst nicht, höchstens mal die Treppe runter. Aber als die Bankenchefs früher zusammensaßen, sah das immer so aus wie bei einer Beerdigung. Das wollte ich durchbrechen. Und da gelbe Socken damals einfach noch nicht gingen, habe ich statt Schlips auf die Fliege gesetzt - und auf einfache Uhren. Zusammen mit meinem Bart bin ich da schon aus dem Rahmen gefallen.

Der Stuttgarter Flughafenchef Georg Fundel mit Bart und Fliege im September 2008 Foto: © Flughafen Stuttgart, Maks Richter

Welche Ziele haben Sie sich für den Ruhestand gesteckt? Ein neuer Bart-Weltmeistertitel?
Fundel: Ich bin ja "Bartträger des Jahres 2003" des Club "Belle Moustache" und musste das Versprechen geben, einen Bart in meinem Gesicht nie auszuschließen. Ich würde jetzt aber auch nicht versprechen, mir wieder einen Bart wachsen zu lassen. Wichtig war mir immer Vielseitigkeit und das geht auch weiter: Mein Lehrauftrag an der Universität, ich bin in einer großen Stiftung und habe Mandate mit Beirats- und Aufsichtsratsfunktion. Ich möchte für Freizeit, Sport, Hobby und Freunde mehr Zeit haben. Aber ich will nicht nichts tun.

Welchem Hobby widmen Sie sich denn ab kommender Woche als erstes?
Fundel: Direkt nach meiner Pensionierung breche ich auf, mit dem Rennrad nach Sizilien fahren. Das wird eine Art Radmarathon, um den Blick nach innen zu richten. Da gibt es dann immer Abschnitte, bei denen mich Freunde begleiten. Aber einen Großteil der Strecke fahre ich auch alleine. Und wenn ich zurückkomme, habe ich schon mal die ersten Wochen strukturiert hinter mir und weiß hoffentlich, wo ich hinwill.

Wer ist Ihr Wunschkandidaten für Ihre immer noch offene Nachfolge?
Fundel: Wissen Sie, ich habe amüsiert in der Zeitung gelesen, dass offenbar manche glauben, es gehöre nicht zu den Aufgaben eines guten Chefs, an einen guten Nachfolger zu denken. Ich hätte mir durchaus Nachfolger wünschen können. Das ist aber im Aufsichtsrat nicht erwünscht und dass muss ich akzeptieren. Für den Flughafen und alle Mitarbeiter wünsche ich natürlich nur das Beste. Wir haben eine hohe Kontinuität bei den Führungskräften, wurden mehrfach als "Bester Arbeitgeber" in unserer Branche ausgezeichnet. Und wenn man Freude an der Arbeit hat, dann hat man auch Erfolg. Das hatten wir, und das soll auch weitergehen.

© Flughafen Stuttgart, Lesen Sie auch: Flughafen Stuttgart verbucht Rekordjahr

Haben Sie zum Abschied vielleicht noch einen guten Rat für Branche?
Fundel: Ich habe keine offenen Baustellen. Ich muss ja auch nicht gehen, ich scheide auf eigenen Wunsch aus. Das ist ein gutes Gefühl.

Von: dh
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