Antworten aus dem Cockpit ( Gastautor werden )

Welche Infos tauschen Kabine und Cockpit während des Flugs aus?

15.06.2017 - 08:00 0 Kommentare

Was muss der Kapitän wissen, wenn ein Passagier erkrankt? Und interessiert die Flugbegleiter ein Jetstream? Langstreckenpilot Nikolaus Braun erklärt, wie die Zusammenarbeit an Bord funktioniert.

Im Cockpit des Airbus A350 XWB - © © Airbus - A. Tchaikovski

Im Cockpit des Airbus A350 XWB © Airbus /A. Tchaikovski

Was für manche die Erinnerung an die gute alte Zeit der Propellerflugzeuge wach werden lässt, ist in der Tat eine echte Flugverbindung im Jahr 2017: Eine große britische Airline fliegt mit ihrem A318 ab London-City nach New York. Aufgrund der kurzen Runway in London-City kann der Flug nur mit geringem Gewicht starten. Ein Tankstop ist in Shannon (Irland) notwendig, der von den Passagieren zeitgleich zur vorzeitigen Einreise in die USA genutzt werden kann, sodass die Maschine in New York als Inlandsflug landet. In diesem Text soll er als fiktives Beispiel dienen.

Welche Infos bekommt die Crew aus dem Cockpit?

Leon M.

Beim Einsteigen der Passagiere in London fällt der Kabinenbesatzung ein älterer Herr auf: Er wirkt sehr bleich, schwitzt trotz der milden Außentemperatur und fasst sich von Zeit zu Zeit in die Brustgegend. Darauf angesprochen versichert er, ihm ginge es gut, er sähe immer so aus. Die übrigen Fluggäste sind unauffällig: Viele Geschäftsreisende, Familien und zwei unbegleitete Kinder.

Die Augen, Nasen und Ohren laufen durch die Kabine

Dass die Crew die Passagiere beim Einsteigen unauffällig aber aufmerksam beäugt ist ein normaler Vorgang und wurde vom Kapitän im Briefing am Boden genauso besprochen. Der Wunsch, die Reise anzutreten, ist bei allen Gästen vorhanden – seien es dienstliche Gründe wie bei den Geschäftsreisenden oder den Seeleuten oder private wie bei manch anderem. Aber nicht jeder Passagier ist "flugfähig". Eine deutliche Alkoholisierung, die das Befolgen der Anweisungen der Crew in Frage stellt, kann ebenso ein Grund sein, von der Beförderung ausgeschlossen zu werden, wie auch ein fraglicher Gesundheitszustand.

Der Satz "Ihr seid unsere Augen, Nase und Ohren – gebt uns Bescheid, wenn Euch etwas auffällt" ist ebenfalls Bestandteil vieler Briefings. Die Flugbegleiter kennen ihre Arbeitsposition und die Eigenarten der Flugzeuge sehr genau. Sie können sehr schnell erkennen, wenn etwas anders ist als sonst – sich anders anhört oder anders riecht.

Diese Hinweise aus der Kabine sind für das Cockpit ausgesprochen hilfreich, da die Cockpitbesatzung viele Dinge nicht mitbekommt, bis eine Systemmeldung auftaucht: Abgeschlossen hinter der Cockpittür und teilweise über 50 Meter vom anderen Ende der Kabine entfernt, haben sie in der Tat weder "Augen" noch "Ohren".

Verbrannter Geruch von den Triebwerken

Eine weitere Besonderheit in dem Kontext ist die explizite Aufforderung auch unklare Bedenken zu äußern: Was auf den ersten Blick in der sehr faktenbasierten Luftfahrtwelt merkwürdig erscheint, ist auf den zweiten Blick durchaus sinnvoll: Das Bauchgefühl "hier stimmt etwas nicht" basiert oftmals auf Auffälligkeiten, die man zwar wahrgenommen aber noch nicht bewusst realisiert hat – und ist damit ein guter Hinweis genau zu prüfen, ob wirklich alles in Ordnung ist.

Kurz nach dem Start der Triebwerke ruft ein Flugbegleiter aus dem hinteren Bereich der Kabine im Cockpit an: Er hat direkt nach dem Triebwerksstart einen merkwürdigen, leicht verbrannten Geruch für kurze Zeit wahrgenommen. Mittlerweile sei er aber wieder verschwunden. Die Piloten gehen dieser Information nach und werden schnell fündig: Das Flugzeug ist vor dem Flug mit chemischen Mitteln von Schnee und Eis befreit worden. Dabei ist vermutlich eine kleine Menge in ein Triebwerk gelangt und dadurch in eine der beiden Klimaanlagen. Dies erklärt auch, warum es nur in einem Teil des Flugzeugs zu riechen war und warum es sehr schnell wieder verschwunden ist.

Stewardessen informieren sich über Turbulenzen

So startet der Flug planmäßig und ereignislos nach Shannon. Dort steigen die Gäste aus, um sich den amerikanischen Einreiseformalitäten zu unterziehen. Nach erneuten Startvorbereitungen geht es zügig auf den Weiterflug über den Atlantik.

Das Flugzeug ist erst seit kurzer Zeit in der Reiseflughöhe, da beginnt es leicht zu vibrieren. Die anfänglichen Vibrationen steigern sich schnell in deutliche Turbulenzen – genau als das Essen verteilt wird. Schnell kommt der Anruf aus der Kabine im Cockpit: "Wisst ihr, wie lange das noch dauert? Wird es schlimmer? Können wir den Service fortsetzen?"

© AirTeamImages.com, Angelo Bufalino Lesen Sie auch: Ist ein Gewitter für ein Flugzeug gefährlich? Antworten aus dem Cockpit

Die Antwort ist für die Cockpitbesatzung alles andere als einfach: Laut Wetterkarte soll an der aktuellen Stelle alles ruhig sein. Am Rande eines entgegenkommenden Jetstreams sind allerdings Turbulenz angekündigt. Aber an dieser Stelle sei man noch nicht angekommen. Es bleibt nur die Nachfrage bei den Kollegen: Auf der sogenannten "Air to Air"-Frequenz erkundigen sich die Piloten bei anderen Flugzeugen in der Gegend, wie ihre Erfahrungen in der Region gewesen sind. Kollegen bestätigen die Turbulenz – doch sie wäre nur von kurzer Dauer. Die Flugbegleiter entscheiden, den Service vorübergehend einzustellen.

Wer entscheidet, ob eine Zwischenlandung gemacht wird?

Kurt B.

Nach etwa zwei Stunden Flugzeit sind die Flugbegleiter gerade beim Abräumen des Essens, als der Gong des Passagierrufs ertönt. Es hat der Gast geklingelt, der neben dem älteren Herrn sitzt, der schon beim Einsteigen auffiel. Er hat starke Schmerzen im linken Brustbereich, klagt über Übelkeit und Atemnot. Für die Flugbegleiter, die alle regelmäßig in erster Hilfe geschult werden, ist die Situation offensichtlich: ein medizinischer Notfall.

Die Flugbegleiter steigen sofort in ihr entsprechendes Verfahren ein: Neben der Bereitstellung von Ausrüstung, dem Fragen nach einem Arzt unter den Passagieren ist eine der ersten Informationen die an die Cockpitbesatzung. Diese interessiert dabei weniger die Art des medizinischen Notfalls, als der Fakt, dass es einen medizinischen Notfall gibt.

Ein "Medical Emergency"

Für die Cockpitbesatzung kommt diese Art von Notfall nicht unerwartet. Im Rahmen der normalen Flugdurchführung werden Pläne für unterschiedliche Notfälle laufend aktualisiert. Während die Kabinenbesatzung versucht, genauere Informationen zum Zustand des Patienten zu bekommen, bereiten Piloten eine mögliche Ausweichlandung vor: Der nächstgelegene Flughafen ist an der Südspitze Grönlands, Narsarsuaq – ein Flughafen, der aufgrund der geringen Bahnlänge und der vielen Berge im Umland sehr schwierig anzufliegen ist – und ein Krankenhaus gibt es auch nicht in der Nähe. Für diese Art von Notfall ist er damit nicht geeignet. Etwas weiter entfernt, aber deutlich besser ausgestattet, ist der Flughafen von Gander auf Neufundland im Osten Kanadas.

Die Kabinenbesatzung hat Glück: Unter den weiteren Passagieren findet sich ein Arzt für innere Medizin, der eigentlich in den Urlaub fliegt. Er untersucht den Passagier und stabilisiert dessen Zustand mit Hilfe der Medikamente der Bordapotheke. Da er einen Herzinfarkt nicht ausschließen kann, empfiehlt er eine Zwischenlandung, um dem erkrankten Patienten die bestmögliche medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Auch wenn der Kapitän die nautische Gewalt über den Flug innehat, tut er gut daran der Empfehlung des Arztes zu folgen.

Am Boden warten bereits Rettungssanitäter

Die Piloten informieren die Flugsicherung über die Ausweichlandung. Von der Flugsicherung gibt es eine neue Flugroute, die die Piloten im Cockpit eingeben und aktivieren. Den Flugbegleitern bleiben nur noch 40 Minuten, bis das Flugzeug am Boden sein wird. Am Boden angekommen, wird das Flugzeug bereits von Rettungssanitätern erwartet, die den erkrankten Passagier übernehmen und in das örtliche Krankenhaus fahren.

Das Flugzeug muss nach dieser außerplanmäßigen Landung neu für den Weiterflug vorbereitet werden. Auch wenn die Crew Gander nicht weiter im Detail kennt, kann sie sich dank standardisierter Verfahren auf den Rückweg vorbereiten. Der neue Flugplan wird per Telex übermittelt und die Betankungsmenge festgelegt.

Tanken mit Gästen an Bord

Im Normalfall wird ein Flugzeug betankt, bevor die Gäste einsteigen. Befinden sich Gäste an Bord kommt das Verfahren „Betankung mit Gästen an Bord“ zum Tragen: Aufgrund des erhöhten Risikos müssen bestimmte Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Für die Bodenabfertigung bedeutet dies eine Reihe von Maßnahmen, die sich im Detail je nach Flugzeug und Flughafen unterscheiden: In der Regel muss die Flughafenfeuerwehr verständigt oder vor Ort sein, es müssen bestimmte Flugzeugtüren geöffnet und mit Treppen versehen sein und es müssen Flächen vor nicht geöffneten Türen freigehalten werden, damit im Notfall die Notrutschen ausgebracht werden können.

Kann ein Flugzeug mit Passagieren an Bord betankt werden?

Christian H.

Im Flugzeug informiert der Kapitän die Kabinenbesatzung per Durchsage über den Beginn des Betankens. Ein Teil der Flugbegleiter hat jetzt spezielle Aufgaben und muss sich zum Beispiel in den Türbereichen des Flugzeugs aufhalten. Sollte es zu Unregelmäßigkeiten beim Betanken kommen müssen sie jederzeit in der Lage sein, die Passagiere zu evakuieren.

Die Passagiere werden ebenfalls auf das Betanken und die besonderen Umstände hingewiesen: Sie müssen sich auf ihre Plätze setzen, dürfen sich aber nicht anschnallen. Ist das Betanken beendet, informiert der Kapitän wieder per Durchsage alle an Bord. Die Flugbegleiter können jetzt ihre Servicearbeiten fortsetzen, so dass die Maschine bald wieder abheben kann.

Über den Autor

Regelmäßig beantwortet Verkehrsflugzeugführer Nikolaus Braun in der airliners.de-Serie "Antworten aus dem Cockpit" Fragen zu Piloten-Themen rund um Luftfahrttechnik & Flugbetrieb. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an antwortenausdemcockpit@airliners.de

Nikolaus BraunNikolaus Braun ist Pilot bei einer großen deutschen Fluggesellschaft und fliegt derzeit auf Airbus A330/A340. Der studierte Dipl-Ing. (FH) für Luftfahrtsystemtechnik und -management berät zudem nebenberuflich mit seiner Firma Nikolaus Braun Aviation Consulting (NBAC) bei Projekten aus Forschung, Entwicklung, Gesetzgebung und Lehre.

Von: Nikolaus Braun für airliners.de
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